Diese vier „Progressive-Rock“ Platten müsst ihr gehört haben

7 Minuten Lesedauer

Das Image von „Progressive-Rock“ und „Progressive-Metal“ ist nicht allzu gut. Das ist verschrobene, überkomplexe Musik für Nerds, die Zeit dafür finden sich 20-minütige Instrumentals anzuhören. Sinnlose Wechsel von Metren, zahllose Breaks, mühsame Taktwechsel, unzählige Akkorde und überflüssige Soli müssen ebenso vom gequälten Hörer ertragen werden.
Zudem tut sich Progressive-Rock, von den Fans auch liebevoll „Prog“ genannt, ein wenig schwer mit der ihm zugeschriebenen Begrifflichkeit. „Progressive“, fortschrittlich, ist in diesem Genre so gut wie gar nichts. Eher ist es eine Verwaltung der immergleichen Spieltechniken und der immergleichen Komplexität, die so aufgeblasen daherkommt, dass sie wirklich niemanden mehr vom Hocker reißt und der durchschnittliche Musikhörer zu Recht schreiend das Weite sucht.
Sagen wir es so: Diese Vorurteile stimmen. Und stimmen nicht. Denn in den letzten Jahren haben es ein paar Platten geschafft, diesem Dilemma zu entkommen. Mit Witz, Selbstironie, Abenteuerlust und Innovationsgeist.


HAKEN – Affinity


Mit „Affinity“überrascht diese Londoner „Prog-Band“ HAKEN mehr als nur. An den 80ern hätten sie sich orientiert. So sagen sie zumindest. Und richtig: Tatsächlich dudelt und dröhnt hier das Keyboard immer wieder verdächtig nach diesem Jahrzehnt klingend. Selbst Toto und Kansas schauen hier musikalisch mehr als nur einmal um die Ecke. Grauenvoll das alles, möchte man somit meinen. Ist es aber nicht. Absolut nicht.
Das liegt wohl nicht zuletzt daran, weil HAKEN diese Versatzstücke so virtuos, so leichtfüßig und mit so viel Witz zusammenkleistern, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt und sich ein fettes Grinsen nur schwer verkneifen kann. Persönlichkeit und Eigenständigkeit haben die Jungs außerdem in solchem Übermaß, dass so manch andere Band beim Hören dieser Aufnahme in eine mittelschwere Identitätskrise schlittern könnte.
Und diese Melodien! Warum läuft so etwas nicht im Radio? Achja, weil jetzt wieder ein kompliziertes Break kommt und der liebliche Gesang plötzlich zu wütendem schreien wird. Später lässt sich dann wieder ein Tänzchen wagen und lauthals mitsingen. Kurz danach pumpen die Prog-Gitarren wieder und mit „The Architect“ wird einer der besten Prog-Scheiben seit sehr sehr langer Zeit auf die Hörerinnen und Hörer losgelassen. Obwohl stolze 15 Minuten lang, hat man dabei nie das Gefühl in einer Prog-Oper zu sitzen.
Das ist auch der Lässigkeit dieser Band geschuldet und ihrem unbedingten Willen dazu, nicht Komplexität um der Komplexität Willen zu etablieren. Diese ist hier vielmehr im Dienste der Lust auf das „Mehr“: Mehr Genre-Mix, mehr Einflüsse, mehr Humor, mehr Melodien, mehr Großartigkeit. Wer diese Platte nicht gehört hat, der hat eine der spannendsten Bands derzeit verpasst. Egal ob im Prog-Kontext oder sonstwo.


Devin Townsend – Z2


Muss man über diesen dezent wahnsinnigen, unberechenbaren und schlicht und einfach großartigen Musiker Devin Townsend wirklich noch viele Worte verlieren? Vermutlich nicht. Einst mit der Aberwitz-Band „Strapping Young Lad“ unterwegs wurde er später ein bisschen ruhiger. Vermeintlich. Aber auch nicht wirklich. Nur unruhiger und abenteuerlustiger. Es entstanden unter anderem leicht esoterische Alben mit viel Akustik-Gitarren-Gezupfe aber auch Alben wie „Z2“, das seinem Alter-Ego „Ziltoid“ huldigt.
Sehr eigener Humor, Wahnwitz und unbändiges spielerisches und musikalisches Können garantieren einen Prog-Ritt, bei dem man wirklich fest im Sattel sitzen muss um nicht abgeworfen zu werden und den Überblick vollständig zu verlieren.
Aber was schreibe ich. Hier ist schreiben Silber, hören Gold.


Leprous – The Congregation


Nein, in Norwegen gibt es nicht nur finstere Black-Metal-Bands, sondern auch Bands, die vertrackte Rhythmen, engelshaften Gesang und komplizierte Songstrukturen mögen. Leprous sind die norwegische Königsklasse in dieser Disziplin. Womöglich in ganz Europa.
Tatsächlich ist die Entfernung dieser Band vom Black-Metal nicht allzu weit: Schließlich diente nahezu die gesamte Band dem ehemaligen Black-Metal-Gott Ihsahn als Live-Band.
Was bekommt man aber auf dieser Platte zu hören? Nicht so leicht zu fassen. Traumhafte Melodien, die dem Pathos nicht abgeneigt sind. Bevor es aber dann allzu schwülstig wird, kommt die richtige Dosierung Komplexität ins Spiel. Wer versucht diese Musik aus rein schwelgerischem und lyrischem Gesichtspunkt zu rezipieren, der stolpert immer wieder über die eine oder andere völlig unerwartete Passage. Schönklang und Wehmut, ja bitte. Aber suhlen in lyrischem Weltschmerz gibt es hier zum Glück dann eben doch nicht. Hier stimmt die Balance wie sonst nur überaus selten.


Animals as Leaders – Animals as Leaders


Hinter diesem Projekt steckt primär der Gitarrist Tosin Abasi. Wer diesen Musiker einmal auf der Bühne stehen gesehen hat, wird dieses Bild so schnell nicht wieder los. Er wirbelt durch abwegigsten Skalen, spielt die schrägsten Akkorde und meistert selbst die abgefahrensten Rhythmen spielerisch und mit einem Lächeln im Gesicht.
Hinzu kommt ein Wiedererkennungswert der Songs, der sich gewaschen hat. Nein, das ist kein bloßes Gitarren-Gewichse, sondern ein Ausloten dessen, was auf der Gitarre eben so geht. Nicht als bloßer Selbstzweck, sondern im Dienst einer ehrenhaften Sache: Die Langeweile zu sabotieren, die sich bei vielem eingeschlichen hat, was sich „Progressive-Rock“ nennt. Klischees vermeidet er weitestgehend, altbewährtes Muster denkt er weiter.
Abasi ist ebenso sehr Virtuose wie Bilderstürmer und Neudenker.


Zum Reinhören





Titelbild: (c) Joanna Krause

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. So lasse ich mir den Extremismus, in musikalischer Ausprägung, gefallen. Vom 15.07. – 17.07.2016 kann man ähnliche Bands, vielleicht nicht immer so hart und virtuos spielend, erleben. Dann findet zum 11. Mal das „Night of the Prog“-Festival auf der Loreley in Rheinland-Pfalz statt. Drei der vier hier vorgestellten Bands sind bereits in den letzten Jahren dort aufgetreten.

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