Plattenzeit #12: HAKEN – Affinity

7 Minuten Lesedauer

Die Zukunft


Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. In Sachen Musik klang sie gestern noch gänzlich anders. Wir kommen somit in Teufels Küche, wenn wir von der Gegenwart aus denken und Zukunfts-Szenarien entwerfen. Unser Blick ist zu getrübt. Wir sind mittendrin statt nur dabei und können kaum unsere Gegenwart beschreiben, geschwiegen denn die Zukunft vorhersehen.
Zu allem Überfluss haben Denkmuster der „Postmoderne“ auch noch enormen Einfluss auf die Produktion von Musik genommen. Das bedeutet unter anderem einen spielerischen Umgang mit Musik-Material und Zitaten. Nichts ist wirklich echt und authentisch, alles war schon mal da. Es bleibt uns nur der lässige und ironisierte Umgang mit vergangenen und gegenwärtigen Versatzstücken.
Während wir das alles kompilieren und neu zusammenkleben hoffen wir, dass irgendwie interessante Musik dabei herauskommt. Sicher sind wir uns nicht. Aber im Grunde genommen macht es ja gar nichts. Wir sind ohnehin am Ende der Geschichte angelangt. Was jetzt noch kommt, wird nicht zwingend mit Innovationen und einem unbedingten Vorwärtsstreben zu tun haben, sondern mit einem Seitwärts, Rückwärts und Nebeneinander.
Lächerlich also, in all diesem Zitat- und Ironie-Getue noch als eine progressive Rockband anzutreten. Völlig absurd, da noch musikalisches Neuland betreten zu wollen. Und überhaupt: Eigentlich wird bei dieser Musik doch ohnehin nur eine behauptete Innovation auf zunehmend niedriger werdendem Niveau verwaltet. „Prog“ ist nicht mehr fortschrittlich oder gar bilderstürmend, sondern eine Ansammlung von veralteten Spieltechniken.


Die Vergangenheit


Mitten in all diese Diskurse hinein platzt die Londoner Band HAKEN. Mit „The Mountain“ hatte diese vor knapp drei Jahren ein Album herausgebracht, das fortan zum Hör-Repertoire jedes gut gebildeten Prog-Rock-Hörers gehören sollte. Eine wirkliche Meta-Ebene suchte man auf dieser Platte noch vergeblich. Ja, klar. Vorbild für diese Aufnahme waren die 70er-Jahre, die gemeinhin als die Blütezeit progressiver Rockmusik betrachtet werden. Gentle Giant, Yes & Co. lassen grüßen. Die Platte war zweifellos interessant. Aber viel Meta und Humor war noch nicht.
Das hat sich mit „Affinity“ schlagartig geändert. Während bei „The Mountain“, no na net, ein Berg im Nebel das Cover zierte, nimmt „Affinity“ augenscheinlich auf eine Zeitepoche Bezug: Die 80er Jahre. Öffnet man das Booklet strahlt einem reinste 80er-Jahre Ästhetik entgegen. Wer einmal einen Commodore 64 Computer sein eigen nannte, wird sich augenblicklich an diese Zeiten erinnert fühlen. „Loading / Affinity.exe“ steht auf der ersten Seite geschrieben.
Die Ästhetik und die Meta-Ebene werden der Musik bei „Affinity“ vorangestellt und bilden den Rahmen. Sie lenken die Rezeptionsweise. Bereits im zweiten Song wird wieder auf ein Jahr Bezug genommen. Das ominöse Jahr 1985. Das Jahr, in dem unter anderem Rocky IV erschien. Die Bezugnahme ist kein Zufall, sondern die Musik des Soundtrack-Komponisten Vincent DiCola nimmt aktiv Einfluss auf „Affinity“. Nur ein Jahr später erschien, ebenfalls aus seiner Feder, der Soundtrack zu „Transformers – Der Kampf um Cybertron“. Wer mag kann auch diese Einflüsse auf dem aktuellen Album von HAKEN erkennen und ausfinde machen.
Weitere Einflüsse von Bands sind evident: Yes, King Crimson, Kansas. Auch der verpönte AOR wagt sich hier immer mal wieder aus der Verbannung hervor. So cool und zeitgenössisch wurde mit Melodic-Rock-Einflüssen schon lange nicht mehr umgegangen.
Für eines interessiert sich der Hörer von „Affinity“ bald brennend: Was soll das alles? Ist das ironisch gemeint? Ist das nicht trotz möglicher Meta-Ebenen und denkbarer Ironisierung furchtbar uncool? Exakt in diesem Spannungsverhältnis entwickelt diese Platte ihr ganz eigene Faszination und Coolness.
„Affinity“ könnte somit in der Luft hängen. Zwischen Ironie, Postmoderne und bierernst gemeinter progressiver Rockmusik, die auch der einen oder anderen solistischen Eskapade nicht abgeneigt ist.
In den Händen einer mittelmäßigen Rockband wäre dieses Album eine mittelschwere Katastrophe geworden. In den Händen dieser englischen Band ist ein Meilenstein der progressiven Rockmusik entstanden. Aber nicht nur das: Auch „normalen“ Rockhörern könnte die Platte zusagen.


Fazit


HAKEN gelingt auf ihrer aktuellen Veröffentlichung so etwas wie die Quadratur des Kreises. Man nehme die Haltungen der Postmoderne, was die Auflösung der Teleologie und des Fortschrittsglaubens betrifft. Man würze außerdem kräftig mit Humor, gehe aber niemals in die Ironiefalle, sondern garniere stattdessen mit einer guten Dosis Eigenständigkeit und Aufrichtigkeit.
Wichtig aber vor allem: Man beende augenblicklich den Glauben daran, dass gegenwärtige „postmoderne“ Bands tatsächlich mit all dem möglichen Material und der Gesamtheit der Möglichkeiten spielen. Bei HAKEN wird der „Coolness-Filter“ kurzerhand abgeschafft. Denkverbote in Sachen Musik aufgehoben. Damit wird der Blick wieder frei und unbeschwert. Es muss nicht mehr nach Coolness und Hipness selektiert und ausgewählt werden.
Dazu kommt die immensense Musikalität dieser Band. Während so manche Indie-Pop-Rock-Anything-Band glaubt, mit einer überschaubaren Anzahl von Akkorden und Harmonien mal eben die ganze Musikgeschichte durchgehen zu können, wird bei HAKEN der Komplexität der vergangenen Jahrzehnte Rechnung getragen.
Und nicht nur das: Einflüsse werden auf musikalischer Ebene weitergedacht, neu formuliert und neu gedacht. Hier befindet sich eine Band nicht nur auf den Schultern von Giganten und zitiert lässig was das Zeug hält, sondern erspielt sich selbst mit viel Spielwitz und Spielfreude den Status von gegenwärtigen und zukünftigen Giganten.

Hier geht es zu der vorhergegangenen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören





Titelbild: http://www.hakenmusic.com/, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code