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Die Aufgeregten und die anderen

4 Minuten Lesedauer

Beim Zentralorgan der Aufgeregten ist man kürzlich auf die Idee gekommen, man könne sich zur Abwechslung auch einmal über etwas anderes aufregen als das ewige Corona. Und so gab es einen Beitrag über das große Blackout, das uns früher oder später drohen soll. Denn mit der Energiewende, wenn also am Schluß fast nur noch Wind und Sonne als Energielieferanten übrig sind, wird es dementsprechend schwieriger, Strom zu produzieren, wenn der gebraucht wird, und auch schwieriger, das Stromnetz stabil zu halten. Zumindest sagen das manche, die möglicherweise etwas davon verstehen, während andere, die möglicherweise auch etwas davon verstehen, gegenteiliger Ansicht sind.

Nun hat dieses Thema die fleißigen „Standard“-Leser (aller Geschlechter) erwartungsgemäß so richtig in Fahrt gebracht.

Der schönste Beitrag, ein Stimmungsbild aus einer Hofer-Filiale, kann als Beobachtung zur derzeit herrschenden Stimmung herhalten: „Ich stand in einem völlig überfüllten Hofer, zwei Kassen geöffnet, in der Schlange. Plötzlich bewegt sich nix mehr an den Kassen. Stillstand. Auch die hinteren bemerken, da geht nichts mehr weiter. Natürlich werden die Schlangen immer länger und länger, viele Leute stehen mittlerweile an. Die Kassierer an beiden Kassen: vollkommen hilflos, denn beide Kassen sind zeitgleich ausgefallen und keiner weiß wieso (ich logischerweise auch nicht). Ergebnis: Nach 30 Sekunden wurden die Leute nervös, drei Personen hatten nach 3-4 Minuten eine Panikattacke, eine schrie ‚jetzt dürfen wir nicht mal mehr Essen kaufen‘, Leute rannten ziellos herum.“

Das „Bezirksblatt“, offenbar am anderen Ende der Aufgeregtheitsskala, hat unter seiner Leserschaft eine Umfrage zum selben Thema gemacht: „Bereiten Sie sich auf ein Strom-Blackout vor?“

Sechs ausgewählte Antworten durften wir lesen (oder der rasende Reporter hat nur sechs Leute gefragt, weil er für mehr sowieso keinen Platz haben würde). Hier die sechs Antworten:

1. Ich bereite mich nicht konkret auf ein Blackout vor. Wenn es kommt, wird man weitersehen.

2. Nein, ich vertraue darauf, daß es bei uns immer Strom gibt.

3. Ich habe Taschenlampen und Kerzen zuhause, bei der Heizung hätte ich ein Problem.

4. Nein, wir sind zwar auf den Strom angewiesen, bereiten uns aber nicht auf ein Blackout vor.

5. Nein, weil ich nicht glaube, daß es eines geben wird.

6. Es kann jederzeit kommen, aber ich treffe keine Vorkehrungsmaßnahmen.

Zum Abschluß für heute eine selbsterlebte Geschichte aus der Welt der Coronisten. Nach Besuchen in der Markthalle und beim Bäcker stand noch der M-Preis auf dem Programm. Beim Betreten des Ladens war ich, wie es mir manchmal passiert, mit den Gedanken ganz woanders und stand schon drinnen, als die sehr helle, sehr laute Stimme eines Mitarbeiters (schätzungsweise um die 30, der neue Filialleiter?) mich ins Diesseits zurückrief: „He, junger Mann! Maske aufsetzen!“ Ich sagte, so muffig wie nur möglich „Ja, ja!“ und setzte das Ding auf. Daraufhin der Mitarbeiter, gleichbleibend hell und noch lauter: „Das macht man, bevor man ins Geschäft hereinkommt! Aktive Sterbehilfe, ha?!“

Irgendwie hatte ich den Eindruck, daß die Stimmung unter den Coronisten nicht besonders sein muß. Dabei scheint daß die Leute im großen und ganzen furchtbar brav und mausig sind. Selbst an den Bushaltestellen haben sie immer schon ihr bestes Stück aufgesetzt, bevor sie sich, mit Sicherheitsabstand!, dort hinstellen.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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1 Comment

  1. Habe den Beitrag eben auch gesehen, das klingt sehr bedrohlich. Vorgestern war auch auf Ö! in der Sendung „Dimensionen“ ein Beitrag über einen eventuellen Blackout und seine Folgen in Österreich. Dabei wird dieses Ereignis schon so sicher angekündigt, also nicht als eine Gefahr, die drohen könnte, wenn dieses oder jenes nicht gemacht wird. Da frage ich mich dann schon, warum wird hier nicht mit allen Mitteln gegengesteuert? Auch eine Politik hinterfragt, die angeblich den Klimawandel gegensteuern soll, und mehr oder weniger darin besteht, alles zu elektrifizieren was nur geht, Stichwort „Elektromobilität“, ohne dabei zu achten, woher der dafür benötigte Strom dafür kommen soll. Photovoltaik und Windstrom werden es allein nicht schaffen, weil nicht immer vorhanden. Aber am Ende wird es dann, sollte es mal soweit kommen, wieder ein unvorhergesehenes Ereignis gewesen sein, von dem keiner gewusst hat und das niemand hatte vorhersehen können, genau wie bei der Pandemie, zu der es ja auch schon lange vorher warnende Stimmen gegeben hat.

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