Gibt es in Tirol nur Flaschen, oder sind es einfach die Falschen…?

7 Minuten Lesedauer

Beobachtet man die Facebook-Seite der Tiroler Tageszeitung, bekommt man in letzter Zeit immer mehr den Eindruck, sie sei ein Hort für fragwürdige Ansichten. Führt man sich die Kommentare unter den geposteten Inhalten etwas näher zu Gemüte, findet man sich selbst irgendwo zwischen Kopfschütteln, Fremdschämen und Ungläubigkeit. Das Volksbegehren zum Austritt aus der EU hat über 260.000 Unterstützer zu einer Unterschrift bewegen können. Als die Tiroler Tageszeitung diese „Jubelmeldung“ auf Facebook teilt, ist der Mob nicht weit, um sich anschließend in dümmlichen Kommentaren darüber zu ergötzen. Ich möchte die dort vorgebrachten Argumente hier kurz replizieren und hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes oder ihrer Realitätsnähe überprüfen.

  • Argument 1: Lügenpresse! Lügenpresse! Lügenpresse! So oder so ähnlich tönt es doch in mehr als einem Kommentar. Jetzt, nachdem über 260.000 Menschen für einen EU-Austritt unterschrieben haben, sei das Volksbegehren auch der Tiroler Lügenzeitung eine Meldung wert. Objektive Berichterstattung ginge anders und überhaupt: LÜGENPRESSE!

Jetzt mal „Butter bei die Fische“, wie man im hohen Norden sagt! Ehrlich Leute. Ich weiß ja nicht welche Medien, die HC Strache Facebook Seite ausgenommen, ihr so konsumiert, aber selten hat mich ein Thema in den letzten Wochen so genervt wie jenes des EU-Austritts-Volksbegehrens! Nicht nur, dass ich mehrfach diesen kleinkarierten Flyer aus meinem Postkasten fischen durfte, auch medial ist dieses Thema durchaus breitgetreten worden. Über zu wenig Medieninteresse könnt ihr Jünger der EU-Apokalypse euch wohl wirklich nicht beklagen. Zu all diesen Späßen kommen noch die mehr als skurrilen Abgesandten zur Verteidigung der nationalen Einheit, die mich mehrfach in der Maria-Theresien Straße in Innsbruck auf den EU-Austritt angequatscht haben.

  • Argument 2: Wie schön war die Zeit, als wir noch den Schilling als Währung hatten! Ein Statement, das zu so einer Diskussion gehört, wie das Amen im Gebet. Die Inflationskeule wird in solchen Fällen nur allzu gern geschwungen und in diesen Kanon stimmen viele Lemminge fleißig mit ein. Zu Schilling-Zeiten war alles billiger und generell hatten die Menschen keine Sorgen, so die landläufige Meinung.

Zugegebenermaßen leben wir in einer Zeit in der es so vielen Menschen schlecht geht, wie selten zuvor in unserem Land. Trotzdem braucht man sich nur die Inflationsraten zu Schilling-Zeiten und jene zu Euro-Zeiten ansehen, um festzustellen, dass sich die Inflation damals auf einem mindestens gleich hohen Niveau bewegt hat! Außerdem gilt der Schilling-Euro Wechselkurs von 2002 (1 Euro = 13,7603 ATS) schon lange nicht mehr und hätte auch schon längst Inflationsbereinigt werden müssen. Stand Oktober 2013 war der Wechselkurs bei: 1 Euro = 10,8573 ATS.

  • Argument 3: Bald können wir die Sachen packen, weil es nur mehr Anschläge gibt und auf jedem Flüchtlingsboot kommt mindestens einer dieser Kopfabschneider nach Europa!

Tja, was soll man dazu noch sagen? Solch eine Meinung öffentlich zu propagieren zeugt wirklich von sehr viel Mut. Ich hoffe, dass der Kollege seine persönlichen Informationen auf Facebook sehr gut geheim gehalten hat, damit sein Kopf nicht bald schon in seinem Vorgarten aufgestellt werden kann, um der dort wartenden, erlesenen Sammlung von Gartenzwergen Gesellschaft zu leisten.

  • Argument 4: Wenn wir aus der EU austreten, dürfen wir selber bestimmen, wie viele LKWs durch unser Land gondeln. So oder so ähnlich lauteten auch einige User-Kommentare zu dieser Thematik.

Eine traumhaft schöne Vorstellung. Wir machen einfach die Grenzen dicht und bestimmen selbst, wie viele LKWs durch unser Land rollen. Nur so einfach wird das nicht gehen, liebe TT-Facebook-Gemeinde. Es gibt auch immer noch so etwas, wie wirtschaftliche Interessen. Was auch mit einschließt, dass man außerhalb der EU ebenfalls zahlreichen Freihandelsabkommen beitreten müsste, um in der aktuellen Weltwirtschaftslage bestehen zu können. Also wieder nix mit Rollschuh fahren auf der Autobahn. Ein paar LKWs weniger würden es vielleicht sogar werden. Ein Befreiungsschlag hinsichtlich des Tiroler Transitproblems? Fehlanzeige!

  • Argument 5: Wir haben jetzt mindestens 100.000 Arbeitslose mehr in Österreich, weil wir so viele Asylwerber aufnehmen!

Aha! Es würde wohl zu lange dauern, diesem Herren zu erklären was genau Asylwerber sind, was ein Bleiberecht ist und wie der Zugang zum Arbeitsmarkt geregelt ist. Nur so viel: Die 100.000 neuen Arbeitslosen setzen sich sicherlich nicht aus Menschen zusammen, die gerade als Flüchtlinge unser Land erreicht haben.

  • Argument 6: Weils einfach zu schön ist, muss man manche Argumente einfach direkt zitieren:

 „Auße aus der hurns EU und so ah blödsinn dasses ohne eu nit geat isch ja dafor ah gangen und zwar guat ah no mit insere arschkriecher im parlament ischs eh lei no ah witz was de aufiern“
„Wen der ORF mehr Werbung gemacht hätte dann wäre 1 Millionen Unterschriften gewesen aber der ORF ist dunkel Rot das hätte der Her Faymann nie zugelassen !!“
Das waren im Großen und Ganzen die spannendsten, skurrilsten und erschreckendsten Kommentare auf den Facebook-Beitrag der Tiroler Tageszeitung. Wer gerade dabei ist, das Anmeldeformular für Facebook auszufüllen und es sich jetzt lieber noch einmal überlegen möchte. Ich kann es verstehen! Wer sich gerade überlegt, Facebook den Rücken zu kehren. Ich kann es verstehen. Es sei aber noch angemerkt, dass durchaus auch einige vernünftige Meinungen zum Thema EU unter dem Beitrag kursierten. All jenen, die sich dort einer fundierten Diskussion auf Augenhöhe stellen wollten, möchte ich ganz herzlich gratulieren und danken, dass sie sich eine Konfrontation mit dieser Horde von Vollpfosten angetan haben. Zum Glück gibt es in Tirol nicht nur Flaschen, aber meist sind es leider die Falschen, die ihre Parolen am lautesten in die Welt hinaus brüllen.

Politischer Mensch. Ausgeprägtes Bewusstsein für Umwelt, Ökologie und Gerechtigkeit. Hat Politikwissenschaften studiert. Arbeitet aktuell in der Politik. Auf Landesebene. Interessiert sich für Weltpolitik. Schreibt gerne Analysen.

2 Comments

  1. Ad 1) Nein, es wurde nicht ausgiebig berichtet. Nachzuprüfen in der Orf Mediathek. Ich will nicht austreten, aber von diesem Volksbegehren habe ich erst erfahren, als es lief. Aber Wien ist vielleicht wirklich anders 🙂
    Ad 2) Sie haben den Schilling ganz offensichtlich nicht erlebt. „Damals“ wurden die Gehälter großzügig an die Inflation angepasst – wurscht wie hoch diese war. Davon können vor allem Pensionisten und Wenigverdiener heute nur träumen. Die Inflation alleine dürfen Sie sich nicht ansehen und damit argumentieren.
    Ad Rest – stimme ich größtenteils zu 😉

  2. Wer als Tiroler allen Ernstes dafür ist, daß in Innsbruck das Geld, das ich in Bozen verdient habe, nicht mehr ausgegeben werden kann, darf sich nicht wundern, wenn danach wirklich die Hütte brennt. ^^

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