Vorarlbergerin erobert Kölner Musikszene

10 Minuten Lesedauer

AFEU: Filippa. Du bist 27 und gerade einer der Shootingstars der Kölner Jazzszene. Ich muss dich eingangs einfach fragen – wie bist du zur Musik gekommen?
Filippa Gojo: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich nicht gerne gesungen habe. Begonnen hat all das wirklich schon sehr früh, nämlich bei der musikalischen Früherziehung. Danach bin ich dann zum Kinderchor. Mit sieben Jahren habe ich Klavierspielen begonnen. Mit elf Jahren habe ich dann Einzelunterricht in Gesang bekommen. Mein großes Glück war, dass ich auf eine der wenigen Gesangslehrerinnen in Vorarlberg gestoßen bin, die neben Klassik auch Jazz macht. Wir haben natürlich mit klassischen Arien begonnen. Irgendwann hat sie aber gemerkt, dass ich mich auch für Jazz interessiere und vor allem, dass ich sehr gerne improvisiere. Annika Kräutler, die mittlerweile leider verstorben ist, wurde in dieser Zeit wirklich zu meiner musikalischen Mutter. Weiters hat mich mein Klavierlehrer an der Musikschule Bregenz, Wolfgang Fauser, sehr geprägt. Mit ihm gemeinsam habe ich mit 13,14 meine ersten Auftritte gemacht. Die beiden haben mich extrem gefördert. Auf eine sehr schöne Art. Der Spaß stand immer im Vordergrund. So ist das alles dann recht natürlich entstanden mit dem Musikmachen. Ich muss hier auch meinen Eltern danken, die mich unterstützt haben. Die Musik war mir immer wichtig und ich durfte das auch ausleben.

AFEU: Dein Weg klingt sehr natürlich, fast makellos, wie im Bilderbuch. Gab es auch einmal einen Bruch? Ich denke an die Pubertät, wo ja jeder einmal rebelliert.
Gojo: (lacht) Nein. Die Musik war davon nie betroffen. Den einzig kleinen Bruch den es gab war 2007 als ich an der Hochschule nach Köln aufgenommen wurde. Ich habe mich natürlich sehr gefreut. Nach einem Jahr habe ich dann irgendwann realisiert, dass ab nun mein Hobby zum Beruf geworden ist. Die Sache die ich immer zum Ausgleich gemacht habe, ist plötzlich meine Hauptbeschäftigung. Da habe ich mich dann gefragt, was mach ich jetzt zum Ausgleich? Will ich das wirklich? Will ich, dass meine Kraftquelle zu dem wird das mir vielleicht auch einmal Kraft nimmt? Über diesen Punkt drüberzukommen war aber ein absolutes Aha-Erlebnis das mich sehr bestärkt hat.
AFEU: Wie ist dir das Gelungen? Wie hast du die Waage wieder zum Ausgleich gebracht?
Gojo: (lacht) Man hat ja viele „Leidensgenossen.“ Wir haben viel geredet und uns ausgetauscht. Irgendwann bin ich draufgekommen, dass in der Musik selbst eine gewisse Balance gibt. Es gibt Dinge die du einfach machen musst, die auch einmal weniger Spaß machen – wie das Organisieren von Konzerten. Da ruft man am Tag teilweise mehrmals bei Veranstaltern an und spricht mit Leuten die von einem schon ganz genervt sind. Aber dann gibt es wieder Momente auf der Bühne die einfach unglaublich sind und dir wieder Energie geben.
AFEU: Wenn du auf der Bühne stehst, wirkt all das sehr natürlich. Wenn du singst kommt sehr viel rüber. Du fesselst dein Publikum und scheinst viel von dir preiszugeben. Wie machst du das? Wo nimmst du die Kraft her?
Gojo: Künstlerinnen die auf eine sehr natürliche Art Musik machen, haben mich immer fasziniert. Ich bin auch ein Typ der sich nicht gerne verstellt. Gott sei Dank ist die Musikerin Filippa nur ein Teil von mir. So gesehen gebe ich zwar viel von meiner Persönlichkeit preis, aber nie alles. Es gibt auch die Freundin, die Privatpeson Filippa. Dessen bin ich mir bewusst. Wenn die Musikerin dann einmal einen nicht so guten Auftritt hat, dann ist nicht gleich alles schlecht. Dann schöpfe ich Kraft aus anderen Bereichen, gehe in den Wald, komme zu mir. Das ist extrem wichtig.

Band Filippa Gojo
Das “Filippa Gojo Quartett” wurde mit dem Bandpreis des NEUEN DEUTSCHEN JAZZPREISES ausgezeichnet. (c) Filippa Gojo Website

AFEU: Du hast ein Bandprojekt, singst aber auch solo. Was macht dir mehr Spaß?
Gojo: Das schöne ist, dass ich mich nicht entscheiden muss. Das geht Hand in Hand. Beides hat Platz. Wenn ich nur das eine oder nur das andere machen würde, würde etwas fehlen. Beim Solo-Projekt kann ich mich austesten, unabhängig agieren. Das bereichert auch unser Ensemble. Ich würde niemals nur Solo spielen wollen. Die Interaktion mit meinen Mitspielern reizt mich viel zu sehr. Das Zusammenspielen ist in der Musik etwas vom Schönsten das es gibt. Diese Kommunikation ohne Worte, direkt auf der Bühne. Wenn man innerhalb von Sekunden etwas entscheidet, auf Grund von Kleinigkeiten, kleinen Zeichen die ein Mitspieler gibt. Das macht so unheimlich viel Spaß.
AFEU: Wie viel Improvisation ist in einem Ensemble möglich?
Gojo: Möglich ist tatsächlich alles. Die Frage ist immer ob es klappt. In unserer Musik ist natürlich viel Risiko drin. Wir spielen seit sechs Jahren in dieser Besetzung zusammen. Dadurch kann auf der Bühne extrem viel passieren und wir kommen nicht so schnell aus dem Konzept. Gerade in letzter Zeit gab es da die eine oder andere verrückte Sache die passiert ist. Vor allem technischer Natur. (lacht) Ich erinnere mich an das Konzert als es um den NEUEN DEUTSCHEN JAZZPREIS gegangen ist. Wie aus dem nichts hat ein Verstärker zu brummen begonnen, zeitgleich ist der Verstärker von Lukas’ Cachon ausgefallen. Es hat geknallt und getuscht. Wir haben aber einfach weitergespielt. Das macht live spielen einfach aus.

AFEU: Deine musikalische Reise begann in Bregenz und führte dich zunächst nach Köln. Wo geht die Reise weiter?
Gojo: Ich würde mit dem Ensemble extrem gerne reisen. Portugal wäre schön. Zu diesem Land habe ich eine besondere Verbindung. Nach der Matura war ich ein halbes Jahr dort. Das Land ist extrem spannend und ich würde gerne sehen wie unsere Musik dort ankommt. In Portugal gibt es den Fado, ein traditionelles Liedgut, sehr emotional, sehr viel Pathos. Ich würde sehr gerne sehen wie die Emotionalität unserer Musik dort ankommt, wie sie wirkt, was rüberkommt.
AFEU: Du bist eine junge Musikerin die von Österreich, von den Alpen in die weite Welt gegangen ist. Würdest du das jedem raten? Was waren die positiven, was die weniger schönen Seiten?
Gojo: Die Entscheidung die Heimat zu verlassen ist eine sehr persönliche Sache. Für mich war das schon vor der Matura klar, dass ich einmal weg muss. Für mein Jazz-Studium musste ich ohnehin weg aus Bregenz. Mein Bauchgefühl hat mich dann nicht nach Graz oder Wien gebracht, sondern eben nach Köln. Dort habe ich mich von Anfang an am wohlsten gefühlt. Rausgehen und etwas Neues sehen ist wichtig, die Verwurzelung aber auch. Ich habe hier immer das Bild eines Baumes im Kopf. Man muss stark verwurzelt sein um seine Äste ausbreiten zu können. Es braucht beides. Viele machen diese Entwicklung in kleinen Schritten. Andere brauchen es gar nicht, bleiben in Vorarlberg und machen dort extrem tolle Sachen, super Musik, weltoffene Musik. Andere gehen gleich mal nach New York und versacken. Man kann hier keinen generellen Tipp geben. Dafür ist die Entscheidung viel zu persönlich, viel zu individuell. Wichtig ist nur – weniger Grübeln, weniger Nachdenken, lieber auf das Bauchgefühl hören. Machen, probieren, tun!
AFEU: Welche Musik hört Filippa Gojo privat?
Gojo: (lacht) Sommerplatte. Mininmal-Rock-Funk … und noch viel mehr.

Filippa Gojo. 27-jährige Vorarlbergerin (Bregenz). Sängerin. Jazzmusikerin. Shootingstar der Kölner Jazzszene. 2015 erhielt sie mit ihrem “Filippa Gojo Quartett” sowohl den Bandpreis des NEUEN DEUTSCHEN JAZZPREISES, als auch den SOLISTENPREIS. HEUTE NACHT: 13.09.2015 ab 00:05 ist sie bei Andreas Felber Ö1-Jazznacht live zu hören und Gast im Studio. Artikelbild: www.filippagojo.de

 
 

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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