Das Vice-Märchen von der Toleranz gegenüber Rassisten

9 Minuten Lesedauer

Diese Kommentare haben mit Sicherheit zugenommen, seitdem das Thema Flüchtlinge in den Medien stärker präsent ist. Was nicht heißt, dass sie zuvor nicht da waren. Umso wichtiger ist die Arbeit von Blogs wie Eau die Strache, die seit einigen Monaten gezielt solche Postings veröffentlichen. Nun, in den vergangenen Tagen, wird das Thema der Hass-Postings endlich in breiteren Medien diskutiert. Das wirft nun eine neue Frage auf: Wie soll man mit den Verfassern dieser Postings umgehen? Anlass für diese Fragen sind drei Fälle, in denen Hass-Postings zu Kündigungen geführt haben. Das bekannteste Beispiel ist das eines 17-jährigen Lehrlings, den die Firma Porsche gefeuert hat, nachdem er in einem Posting den Einsatz eines Flammenwerfers gegen ein sechsjähriges Mädchens vorgeschlagen hatte. Ist das gerechtfertigt? Oder zu hart?
In einem Artikel im Vice diskutiert Markus Lust eben diese Frage, und wie ich beginnt er sie mit einem Exkurs über Dummheit. Er untermauert seinen Exkurs deutlich schlauer, immerhin bemüht er dafür Platon und ich nicht. Jedenfalls meint er zum Umgang mit Hass-Postings, dass das Medium – vor allem Facebook – nicht die Dummen erzeugt, sondern nur sichtbar macht. Die Dummheit war immer schon da, sie nimmt nicht zu, sondern ihr stehen nur neue Kanäle zur Verfügung, sich auszudrücken, und daher nehmen wir sie verstärkt war. Dumme sind eben dumm, und daher „bringt es leider auch nichts, die Dummen für ihre Postings mit Kündigung oder Entlassung zu bestrafen.“ Denn wenn fremdenfeindliche Menschen durch „die Fremden“ ihren Job verlieren, würde das kaum dazu führen, dass sie ihre Einstellung überdenken. Die Falle mit den Hass-Postings, so Lust weiter, sei zu glauben, dass die Menschen tatsächlich dümmer werden und daher nicht mehr ernsthaft mit ihnen zu disktutieren: „Es ist ein Zeichen dafür, dass es Auseinandersetzung und Aufarbeitung statt Meinungsverbot und Strafen braucht. Und es ist eine Warnung an uns, nicht die gedankliche Abkürzung Richtung Kulturpessimismus zu nehmen“
Ich gestehe, dass ich diese Argumentation ziemlich mies finde, und zwar aus zwei unterschiedlichen Gründen. Ich halte sie einerseits für eine falsche Interpretation einer (selbst so verstandenen) „Moral der Guten“; andererseits für logisch inkonsistent, argumentativ an vielen Stellen nicht zu Ende gedacht. Kurz: Schwachsinn.

  • Das betrifft zunächst einmal den Kern der Argumentation: „Für diejenigen, die Angst haben, dass Ausländer ihnen die Jobs wegnehmen, werden ihre eigenen Postings damit zur selbsterfüllenden Prophezeiung. In ihrer Wahrnehmung haben sie ihren Job am Ende tatsächlich wegen den Flüchtlingen verloren. Das wird bei ihnen tendenziell eher kein Umdenken bewirken“. Das stimmt zunächst einmal nicht: Denn sie verlieren ihren Job wegen der Handlung des Postens, zu der niemand gezwungen wird, die Entlassung ist also rein selbst verschuldet. Die Entlassung geschieht aufgrund des Akts einer beleidigenden Äußerung und nicht wegen des Thema oder ihres Adressaten. Zweitens ist die Behauptung im Fall des Lehrlings falsch, denn er hat sich in der Tat öffentlich entschuldigt. Das beweist zwar kein Umdenken; aber den Beweis dafür gibt es nie, weder bei einem Meinungsaustausch, noch bei Sanktionen irgendeiner Art. Woher weiß Lust dann, was ein Umdenken bewirkt und was nicht?
  • Eine Aussage des Artikels ist, man dürfe ob der dummen Kommentare in keinen „Kulturpessimismus“ verfallen, denn die Menschen würden nicht dümmer, sondern die Dummheit kommt nur mehr ans Tageslicht. Dummheit ist, so suggeriert Lust, eine Konstante; sie gab es, sie gibt es, sie wird es immer geben, und zwar im selben Ausmaß (tatsächlich werden Menschen in westlichen Gesellschaften – je nach Definition des Intelligenzbegriffs – tendenziell eher intelligenter, aber darauf kann ich hier nicht eingehen). Aber wie passt hier die Forderung, „dass es Auseinandersetzung und Aufarbeitung statt Meinungsverbot und Strafen braucht“, überhaupt ins Bild? Wenn Dummheit ein Schicksal ist, wie kann ich sie dumme Leute von meiner „richtigen“ Meinung durch Einsicht überzeugen? Ist das nicht vielmehr ein Argument für Lernen durch soziale Konditionierung, sprich für Sanktionen?
  • Am schlimmsten ist aber die Gleichsetzung von „Rassisten“ und „Dummen“. Rassistische Kommentare sind immer dumm und Dumme sind oft Rassisten, okay. Das ist richtig, aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn viele Rechte sind durchaus in der Lage, in sechs Worten keinen schweren Rechtschreibfehler einzubauen. Sie sind gebildete und eloquente Akademiker, die in gesellschaftlich machtvollen Positionen sitzen. Das ist ein sehr großer Teil des österreichischen Problems. Und dann tappt Lust leider in die Falle, vor der er selbst warnt: Indem er das Problem des Rassismus auf direkt auf Dummheit zurückführt, infantilisiert er die Rassisten und reduziert er das Problem auf einfache Antworten. Rassistische Postings nur mit Dummheit zu erklären, das ist leider dumm.

Schwerwiegender scheint mir aber eine grundsätzliche Überlegung. Lusts Argumentation ist hier ähnlich wie die vieler Menschen, die sich als links und/oder liberal sehen und an das Gute im Menschen glauben. Das tue ich natürlich auch, aber es ist meiner Meinung nach grundfalsch, denselben Umgang gegenüber allen Menschen zu pflegen, der aus unserem Maßstab einer humanistischen, menschenfreundlichen Grundhaltung entspringt. Mit konkreten Beispielen als Frage formuliert: Wieso soll ich eine Geisteshaltung als Meinung anerkennen, die in ihrer Logik nicht nur andere Meinungen, sondern ganze Menschengruppen ausgrenzt? Warum soll ich einem Menschen freundlich begegnen, der anderen Menschen gegenüber feindselig ist, obwohl er sie nicht kennt? Warum sollte eine Firma ihrem rassistischen Lehrling eine zweite Chance geben, wenn dieser Lehrling vielen Menschen nicht einmal eine erste Chance geben will?
Eine Schwäche der Linken im Umgang mit Rassismus und faschistischen Ideologien ist jene, sie als Diskussionspartner auf Augenhöhe anzuerkennen; zu versuchen, sie zu überzeugen, wie Lust das auch einfordert. Das kann aber nicht gelingen; nicht, weil sie dumm wären – wie Lust das suggeriert – sondern weil ihr Weltbild auf Prämissen aufbaut, die man nicht akzeptieren darf. Die politische Meinung – das vergisst Lust – ist meist kein Ergebnis offener, rationaler Überlegungen, sondern Produkt eines bestimmten Wertmaßstabs. Doch: Jede Diskussion darüber, ob es „gute“ oder „schlechte“ Ausländer gibt, legitimiert bereits eine bestimmte Art des Schubladendenkens (d.h. eines solchen Wertmaßstabs), der ein größeres Problem ist als die Frage selbst. Ist es daher schlau, eine solche Diskussion zu führen? Oder ist es schlauer, zu sagen, dass hier die Meinungsfreiheit endet, und das auch gesellschaftlich durchzusetzen? Wenn ja, sollte man das auch so artikulieren.
Das bedeutet nicht, dass solche Wertmaßstäbe nicht auch durch Diskussionen aufgebrochen werden können; und damit meine ich auch nicht, dass es keine Diskussionen braucht. Aber in der Vergangenheit ist es scheinbar nicht gelungen, allein durch Diskussionen menschenverachtende, rassistische und frauenfeindliche Gedanken und Worte aus der Gesellschaft zu verbannen. Aus diesem Grund scheint mir Verhetzung zu Recht ein Straftatbestand zu sein, und aus diesem Grund begrüße ich es sehr, dass sich Firmen bemühen, sich von Mitarbeitern mit übler Gesinnung zu trennen. Und nicht zuletzt begrüße ich auch, dass sich in der Gesellschaft der Gedanke durchsetzt (wie ähnlich etwa Sascha Lobo argumentiert), dass in diesen Zeiten Toleranz gegen die Intoleranten einfach nicht angebracht ist. Ein hippes, junges Magazin sollte in seiner Einstellung da weiter sein.

2 Comments

  1. „Wieso soll ich eine Geisteshaltung als Meinung anerkennen, die in ihrer Logik nicht nur andere Meinungen, sondern ganze Menschengruppen ausgrenzt? Warum soll ich einem Menschen freundlich begegnen, der anderen Menschen gegenüber feindselig ist, obwohl er sie nicht kennt?“
    Überaus schwammig gehaltenes Argument. Den vom Verfasser wahrgenommenen Unterschied zwischen Geisteshaltung und Meinung hätte ich an der Stelle gern erklärt, und dazu, wieso eine Gruppe von Menschen, die eine gewisse Meinung (Geisteshaltung ?) vertritt, nicht als Menschengruppe gezählt wird (?). Würde man das nämlich naheliegenderweise tun, würde sich der Verfasser exakt jenes Verbrechens schuldig machen, dessen er die „Hass-Poster“ beschuldigt: Personengruppen werden (0hne die einzelnen Angehörigen zu kennen) aufgrund ihrer Überzeugungen als feindselig (gegenüber anderen Personengruppen) wahrgenommen und in Folge als intellektuell minderwertig eingestuft, wie die Zeile“Eine Schwäche der Linken im Umgang mit Rassismus und faschistischen Ideologien ist jene, sie als Diskussionspartner auf Augenhöhe anzuerkennen“ beweist. Letztere Zeile ist insbesondere interessant, wenn sie mit „Und dann tappt Lust leider in die Falle, vor der er selbst warnt: … Rassistische Postings nur mit Dummheit zu erklären, das ist leider dumm.“ verglichen wird. Rassismus auf Dummheit zurückzuführen ist also dumm – Rassisten pauschal als „Linken“ gegenüber intellektuell unterlegen zu sehen ist gleichzeitig Dogma?

    • Lieber Stefan, Erläutere ich dir gern alles:
      – Der Unterschied zwischen Meinung und Geisteshaltung besteht darin, dass eine Meinung ein Urteil ist, das aus in der Logik einer bestimmten Geisteshaltung gefällt wird – und zwar mehr oder weniger intelligent. Eine Geisteshaltung meint somit die Einstellungen, Normen und Werte, die eine Person ihrer Meinung als Prämisse zu Grunde liegt. Daher ist Rassismus zwar immer dumm, aber nicht jeder Mensch muss Rassismus gleichermaßen dumm argumentieren.
      – In diesem Fall ordne ich Menschen, die rassistisch sind, in denselben Topf, ohne ihre Persönlichkeiten genau zu kennen, ja. Aber ich kenne ein entscheidendes Merkmal, nämlich ihr Kategorisieren anhand von äußerlichen Merkmalen, das haben sie – zwingenderweise – gemeinsam, wenn sie zu bestimmten Schlussfolgerungen kommen.
      – Ich behaupte nun eben nicht – das ist der zentrale Unterschied – dass alle dumm sind, die das tun. Sondern ich halte ihre Wertung, die ihrem Urteil zu Grunde liegt, für dumm. Das ist ein wesentlicher Unterschied.
      – Das hat auch nichts mit Links oder rechts zu tun, sondern mit rassistisch oder nicht. Jeder Mensch, der alle Menschen – unabhängig ihrer Herkunft – für gleich erachtet, vertritt hier einen anderen Standpunkt. Auch klassisch katholische oder christlich-soziale Menschen verstehen sich als Anti-Rassistisch. Das hat daher mit der intellektuellen Überlegenheit nichts zu tun, ich kann nicht nachvollziehen, wo du sie herausließt.

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