Entartete Texte, die auf Menschen wirken

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Darf man als Online-Magazin, mit einem gewissen Anspruch an sich selbst, die Bezeichnung „degenerierte Studenten“ verwenden? Ich bin unschlüssig und grüble seit zwei Tagen vor mich hin.
Fest steht. Degeneration lässt sich vom Lateinischen ableiten und heißt so viel wie Entartung. In der medizinischen Wissenschaft findet sich Degeneration als Oberbegriff für formale, strukturelle und funktionelle Abweichungen von der Norm. Degeneration bedeutet so viel wie die Rückbildung und den Verfall von Gewebe und Organen. Dies kann entweder heißen, dass Anlagen oder chronische Schädigungen die Funktionalität beeinflussen oder, dass die Evolution zugeschlagen hat und längst nicht mehr gebrauchte Organe wieder rück-entwickelt. Also eine eindeutige Verbesserung. Ein anatomisches Update sozusagen. Und Updates genießen in der Welt von Smartphones, Tablets und App einen hohen Stellenwert.
Doch was bedeutet nun die Bezeichnung „degenerierte Studenten?“ Im Originaltext wurde diese Zuschreibung in einem Satz verwendet. Dieser lautete: … Degenerierte Studenten, die auf Kinoleinwände starren. Offensichtlich eine Anspielung auf den 2009 erschienen Film „Männer, die auf Ziegen starrten“, von Schauspieler und Regisseur Grant Heslov (u.a. The Scorpion King, Der Staatsfeind Nummer 1 oder Good Night, and Good Luck) und mit George Clooney in der Hauptrolle. Der Film wurde bei seinem Erscheinen äußerst kontrovers diskutiert. Er galt als unerwartet, anders. Ja fast schon als entartet. Männer, die auf Ziegen starrten. Was soll das? Haben die eine ausgeprägte Sexualstörung und treffen sich einmal im Monat zu einer gemeinsamen Therapiesitzung in der sie sich mit der eigenen Abnormalität konfrontieren? Animalische Hyposensibilisierung so zu sagen? Oder sind diese Männer allesamt Bauern aus einem sehr heißen Land mit wenig Grün und warten hart auf die ersten Tropfen Milch, um endlich mit der lukrativen Käseproduktion beginnen zu können? Ich habe den Film nie gesehen und habe keine Antwort darauf. Was ich jedoch weiß ist, dass die Film-Bewertungen, bei einer raschen Google-Befragung, eher schlecht ausfielen.
Doch was will uns ein Autor sagen, wenn er Studenten als degeneriert bezeichnet? Will er darauf hinweisen, dass hier tatsächlich eine medizinische Abnormalität oder zumindest eine gewisse Funktionsstörung vorliegen? Eher nicht. Oder verwendet er diese Zuschreibung, um drauf hinzuweisen, dass der darauf folgende Text, ähnlich dem filmischen Vorbild, wenig bis keinen sinnvollen Inhalt bietet? Will der Autor provozieren? Für ein lautstarkes Aufjaulen sorgen? Eine Missstimmung erzeugen? Beschimpfungen ernten? Will er, dass sich Menschen angegriffen fühlen, wie die Ziegen die angestarrt wurden? Wer könnte es ihnen auch verübeln? Wer schon einmal penetrant von mehreren Herren, ob Studenten oder nicht, angestarrt wurde, der fühlt sich unweigerlich verfolgt und mit großer Wahrscheinlichkeit auch angegriffen. Auch das kann ich mir nicht wirklich vorstellen, es wäre zu einfach.
Eine Text- und Begriffsanalyse bringt uns nicht weiter. Vielleicht hilft eine Umweltanalyse. Der Text wurde auf einem Online-Magazin verfasst. Dementsprechend gibt es keine gedruckte Version und damit auch nur eine geringe Chance, von einem gelangweilten Menschen, aus purem Zufall, am Klo gelesen zu werden. Im Gegenteil. Das Internet ist schnelllebig. Langeweile kommt nur selten auf. So müssen Headlines einfach krachen. Sie müssen Aufmerksamkeit erzeugen und den Leser zum Klicken animieren. Die Kombination der Wörter „degeneriert“ und „Studenten“ ist zumindest eine brisante und bekommt mit Sicherheit Aufmerksamkeit.
Vielleicht war es aber auch einfach so, dass der Autor eine gewisse Betroffenheit ausdrücken wollte, sich missverstanden fühlt oder sich selbst den Spiegel vorhält und sich eingesteht die Welt nicht mehr zu verstehen. Vielleicht ist er alt geworden und hat den Zugang zu einer neuen, frischen, hippen Kultur einfach verloren? Dann würde das Wort degeneriert wirklich für eine „Abweichung der Norm“ stehen. Nämlich das Eingeständnis, dass sich andere Leute eben für andere Dinge interessieren. Oder und das wäre der schlimmste, weil banalste Fall – der Autor hat das Wort degeneriert einfach nur als Beleidigung eingesetzt, um Menschen damit zu verletzen. Dies könnte er jedoch nur, wenn eben diese Menschen – „Degeneration“, also das „Abweichen der Norm“, als etwas Negatives ansehen.
Wahrscheinlich würden sich noch viele Gedankenspiele anstellen lassen. Doch bleibt die Frage. Darf ein Online-Magazin nun die Bezeichnung „degenerierte Studenten“ wirklich veröffentlichen? Ich weiß es noch immer nicht. Dass sie dennoch verwendet wurde ist jedenfalls eines – irgendwie abnormal.
P.S.: Ein Rückfall in „primitivere“ Verhaltensmuster kann auch nicht gemeint gewesen sein. Statt „Degeneration“ wäre dann von „Regression“ die Rede gewesen.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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