Stress ist es nur, wenn du es zulässt

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In besonders stressigen Momenten denke ich gerne an Italien. Dann stelle ich mir vor, wie die alten Sizilianer früh morgens ihre Plastikstühle vor der Trafik beziehen, wie die Nonna in Mailand die Wäscheleine mit bunten Kleidungsstücken befüllt und die jungen Römer vor der Arbeit noch schnell einen Espresso an der Bar trinken. Auch in Italien ist es stressig. Auch in Italien müssen die Menschen arbeiten, haben Meetings und Telefonkonferenzen. Auch in Italien gibt es den Morgenverkehr und die Rushhour am frühen Abend. Ganz so wie bei uns und doch ganz anders. In meiner Vorstellung nimmt der Italiener die Alltagssorgen mit einer Leichtigkeit, die Südeuropäer mit der ersten latte materno eingesaugt zu haben scheinen. Ganz nach dem Motto – Stress ist es nur, wenn du es zulässt.
Meiner Fantasie nach, ist das in Spanien genauso. Uhrzeiten sind gut gemeinte Richtwerte und die Siesta eine Art Kulturgut. Da kann der Tag bereithalten was er will, wer am Abend am Hafen sitzt, sich gemeinsam mit Freunden und Familie am Glas Rotwein gönnt und dazu kalte, warme und heiße Tapas genießt, hat spätestens in diesem Augenblick alle Sorgen vergessen. Kein Wunder also, dass – gefühlt – jeder zweite Auswanderer irgendwo in Spanien landet und auf einer balearischen Insel sein Glück versucht. Die Art und Weise mit dem Leben und seinen Herausforderungen umzugehen, ist im Süden eben eine komplett andere, als in unseren Breiten. Das ist verlockend.
Richtig sichtbar wird das bei der schönsten Nebensache, beim schönsten Spiel der Welt – beim Fußball. Fußballerische Tugenden von Österreichern, Deutschen und Schweizern sind schnell gefunden: Laufen, Laufen, Laufen. Im Süden Europas und darüber hinaus, schaut das gänzlich anders aus. Ein südeuropäischer Fußballspieler, der bis vor kurzem noch in Österreich gespielt hat, soll einmal sogar gesagt haben: „Ich bin Fußballer, kein Läufer.“ Der Kulturunterschied könnte kaum treffender beschrieben sein.
Wenn am kommenden Samstag im Champions League Finale Juventus Turin und Real Madrid aufeinander treffen, dann ist das nicht nur ein Duell zweiter absoluter Spitzenteams. Es ist auch 90 Minuten Schönheit, Ästhetik, Anmut und südländische Lebensfreude pur. Wenn ein Cristiano Ronaldo den Ball eng am Fuß führt und einen Haken oder eine Flanke schlägt, dann ist das nicht minder schon anzusehen, wie der Palacio Real in Madrid. Und wenn ein Gianluigi Buffon mit seinen bald 40 Jahren anmutig zwischen den Pfosten herumfliegt, dann kommt man nicht weniger ins Staunen, als beim Erstbesuch der sixtinischen Kapelle.
Der Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, weil er uns zumindest für einen kurzen Zeitraum aus dem Alltag reißt und die Alltagssorgen, Alltagssorgen sein lässt. Plötzlich ist die Wade des Lieblingsspielers wichtiger, als der das Meeting am kommenden Montag. Plötzlich umarmt der Mitarbeiter seinen Chef, weil die eigene Mannschaft den Führungstreffer erzielt hat. Plötzlich ist man einfach nur Mitten im Moment und wird selbst als zwanghafter Mitteleuropäer für kurze Zeit zum Südländer. Ganz nach dem Motto – Stress ist es nur, wenn du es zulässt – jetzt schieß endlich!!!

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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