Heart of Noise: Welche Acts ihr wirklich gesehen haben müsst

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Spreu vom Weizen trennen


Zuviel des Guten tut selten gut. Wer sich überfrisst vergisst die einzelnen feinen Geschmäcker. Wer sich zu viel des Gleichen reinpfeift erkennt die feinen Unterschiede nicht mehr. All diese Weisheiten gelten für so gut wie jedes Festival. Vor allem aber auch für das Innsbrucker Festival „Heart of Noise“, das jährlich  trotz behaupteter Verschiebungen in Sound und Ästhetik ein sehr ähnliches Klang-Programm durchdekliniert. Die Musik ist stets lärmig, verrauscht, unscharf und pulsierend. Damit ist man klar wiedererkennbar.
Dieses Jahr heißt das Motto „Pop Life“. Festival für „allerneuste Musik“ möchte man ja schon länger nicht mehr sein. Dafür bewegt man sich seit ein paar Jahren jetzt schon dank Konzepten und Begrifflichkeiten durch die bunte Welt der Gegenwartsmusik. Weniger musikalische Grenzüberschreitung ist dabei das Ziel, als vielmehr die Auslotung und Herausforderung der alljährlichen Konzepte.
Auch in diesem Jahr wird wieder rauschende, kratzende, singende und poppende Musik kredenzt. Musik für Insider und Kenner. Als nicht Genre-Insider kennt man beim heurigen Programm wenig bis nichts. Die Kuratoren Stefan Meister und Chris Koubek graben tief, nicht unbedingt aber immer breit. Sie kennen sich aus und wissen, wie sie ihre Musik mögen und was das Publikum von ihnen in Bezug auf kontrollierte Grenzgänge erwartet. Dafür ernten sie regelmäßig Beifall von ihrer Online-Community. Ab der Bekanntgabe der ersten Acts wird mehr als nur wohlwollend auf die imaginäre Schulter geklopft und das geniale Line-Up gefeiert.
Was aber, wenn man gar nicht zur nationalen und internationalen Donaufestival-Gebetsliga gehört und sich in seiner Freizeit auch nicht bevorzugt „Ambient-Drone-Noise-Pop-Techno“ reinzieht? Dann gilt es andere roten Fäden zu finden. Dann gilt es auswählen. Dann ist es entscheidend mit Kategorien und Kriterien wie „Musikalität“ und „Innovationsgeist“ an die Acts heranzugehen. Dann muss man sich davon verabschieden bei jedem Act, der einen Laptop aufklappt, automatisch in lauten Jubel auszubrechen. Dann erst wird die Spreu vom Weizen getrennt.


Was sich wirklich lohnt – Der Guide


Beginnen sollte man das Festival am Freitag nicht allzu noisig und laptoplastig. Fennezs und Arve Henriksen haben sich wirklich gefunden. Ein Trompeter und ein Gitarrist und Klangbastler machen zusammen so etwas sie  Ambient mit konventionellen Mitteln. Auf der Bühne gibt es jedoch nicht weniger, sondern mehr zu sehen. Nicht nur Laptop, sondern „echte“ Instrumente dienen den beiden als willkommenes Mittel um den Virtuositäts-Ansprüchen des Jazz eines auszuwischen. Dennoch oder womöglich genau deshalb treten die beiden auf ebensolchen Festivals sehr gerne auf. Statt dem nächsten Trompeten Solo folgt aber meist die nächste Klangfläche. Gniedelnd die Tonleiter rauf und runter spielend hat man Fennezs außerdem auch noch nie erlebt. Was ist das nun? Jazz für Menschen, denen das Gedudel dieser Musik sonst auf die Nerven geht? Ambient für Leute, die auch sehen und hören wollen, dass ihre Musiker ihr Instrument zwar an sich virtuos beherrschen aber es dennoch nicht immer zeigen möchten? Man weiß es nicht so Recht. Empfehlenswert ist es aber allemal sich darauf einzulassen.
Die am gleichen Tag, also Freitag, spielend Maja S.K. Ratjke schlägt in eine ähnliche Kerbe. So ganz abgelegt hat auch sie das „Virtuosentum“ nicht. Gar klassische Komposition hat die gute Dame studiert und das eine oder andere Klangabenteuer für so manches Orchester zu Papier gebracht. Pop ist das also schon mal prinzipiell und überhaupt gar keiner. Das ist „ernste“, aber doch schön flächige und klanglich hervorragend ausgestaltete Musik mit einem Hang zur Exzentrik und Expressivität. Dabei wird dennoch stets in den richtigen Augenblicke nach innen geblickt und die klangliche Schönheit über den radikalen Lärm-Exzess gestellt. Kein Wunder somit, dass selbst ECM dieser talentierten Person eine Plattform gab. Nach diesem Konzert darf man den ersten Tag bereits beenden und, man ist ja nicht mehr ganz gut, ins Bettchen gehen. Man will ja für den nächsten Festivaltag gut ausgeschlafen sein.
Ganz egal wer spielt: Jedenfalls muss der Festivaltag Nummer 2 beim „Pema Tower“ begonnen werden. Ganz oben auf diesem Gebäude ist der Ausblick schlicht grandios. Ein guter Drink, ein kleines Bier (nicht übertreiben, heute kann es noch spät werden!) und schon ist die Welt ein bisschen schöner als zuvor. Dazu kann man dann auch noch „Dieb 13“ hören, den man in der Impro-Szene nur allzu gut kennt und zu dessen kratzigen Klängen auch schon mal Free-Jazz-Größen wie Mats Gustafsson auf dem Saxophon getrötet haben. Danach geht die Sache mehr in Richtig DJ und Elektronik. Aber das passt ja auch irgendwie gut zur Location.
Danach heißt es Zeit überbrücken. Das kann man entweder tun indem man sich in den nächsten Stunden auf den „Heart of Noise“ Klangkosmos einlässt. Oder gut Essen geht. Eines der absoluten Highlights des Festivals lässt nämlich am Samstag bis zur  Geisterstunde auf sich warten. Dann wird Jenny Hval die Bühne des Treibhaus-Turms betreten. Ihre Musik klingt erst einmal poppig und hat wirkliche Melodien, die sich sogar mitsingen lassen. Etwas, das man bis zu diesem Zeitpunkt beim diesjährigen Festivals noch nicht erlebt hatte. Ihre Absicht ist es aber nicht wirklich die Charts zu entern, sondern klangliche Experimentierfreude mit Zugänglichkeit zu vermählen und diese Zugänglichkeit immer wieder auch durch Falltüren zu verunmöglichen. Manchmal steht man bei aller Schönheit etwas ratlos vor ihren erratischen Songs. Und vergesst mir bitte nicht auf die Musik-Text-Schere! Nach dieser wunderbaren Hör- und Wunderarbeit geht es am Tag zwei nach Hause. Es ist eh schon spät geworden!
Endlich Sonntag! Bei hoffentlich schönem Wetter müsst ihr euch zum „Hofgarten Musikpavillon“ aufmachen. Ebendort wird euch experimentelle Musik aus Orten serviert, von denen ihr niemals gedacht hättet, dass dort eine solche Szene überhaupt existiert. Notfalls, bei Nichtgefallen, kann man auch den zwitschernden Vöglein, soweit noch hörbar, im Hofgarten zuhören oder sich ins Gras legen und ein kleines Nickerchen mit Noise-Untermalung als Einschlafhilfe machen.
Ebenfalls wieder um Mitternacht erwartet auch dann GAS, das Hauptprojekt des Techno-Zauberers Wolfgang Voigt. Zwar war Voigt erst kürzlich auf dem „Donaufestival“ zu hören, dennoch ist dieses Booking eine regelrechte Sensation. Voigt war Vorreiter für Strömungen, denen man Begriffe wie „Minimal-Techno“ umhängte. Und minimalistisch, dabei aber hochspannend und klug konstruiert, ist seine Musik in der Tat. Beats hämmern und bleiben dennoch merkwürdig zärtlich, Klangfetzen schwirren und erzeugen Sog ohne Ende. Ob man dazu tanzen kann ist fraglich. Eher wohl verzückt und fasziniert zuhörend und den fantastischen Visuals folgende in einer Ecke stehen. Das wird großartig!
Damit ist das Festival für euch zu Ende. Klar, ihr hättet mehr sehen und hören können. Aber das was ihr hiermit gesehen habt war außergewöhnlich. Jeder Act auf seine ganz eigene Weise.


Zum Reinhören





Titelbild: (c) Wolfgang Voigt

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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