Wie bricht man ein System, mit dem man unzufrieden ist?

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Wenn man sich die Gründe der AfD-Wähler ansieht, die selbsternannte Alternative für Deutschland zu wählen, dann hat das augenscheinlich wenig mit Überzeugung, dafür umso mehr mit Protest zu tun. Das Vertrauen in das bestehende (politische und bürokratische) System befindet sich nahe dem Nullpunkt. Die Sympathiewerte übrigens auch. Nur noch wenige Menschen in meinem Bekanntenkreis fühlen sich anständig vertreten. Im Gegenteil. Dem Großteil stehen die Schweißperlen auf der Stirn, wenn sie daran denken am 15. Oktober bei einer der Parteien ein Kreuzchen setzen zu müssen. Kaum jemand, der sich nicht in irgendeiner Form unfair, ungerecht und ungenügend behandelt fühlt. Sei es in Sachen Gleichberechtigung, bei der Kinderbetreuung oder wenn es darum geht eine Geschäftsidee umzusetzen. Beispiele gibt es gleich viele, wie Menschen in diesem Land. Aber auch außerhalb meiner persönlichen Blase scheint die Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden System zu steigen. Zumindest wenn man das einleitende AfD Beispiel betrachtet oder diverse Wortmeldungen in Polit-Talkshows. Von denen es meiner Meinung nach viel, viel, viel zu viele gibt (die einander so ähnlich sind, dass man eingelullt abschaltet – innerlich und tatsächlich!)
Aber auch an anderen, „weniger komplexen“ Beispielen lässt sich zeigen: irgendwie läuft irgendwas schon ein bisserl schräg. Wer mich kennt, weiß, dass der Fußball in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt hat. Fußball ist eine tolle Sache, aber auch (immer wieder) Sinnbild für diverse Entwicklungen unserer Welt. Und auch in den letzten Monaten bekommt unsere Gesellschaft vom Fußball wieder einmal Spiegel vorgehalten. Die Schere klafft immer weiter auseinander. Die oberen zwei Prozent (der Vereine!) bilden eine Elite-Liga in der sie sich Jahr für Jahr bereichern. Das lockt Individuen mit (zumindest) fragwürdigen Absichten an. Arabische Länder (!) kaufen sich Großklubs, um mit dem Business Fußball, den dank der enden wollenden Öl-Ressourcen ebenfalls enden wollenden Reichtum, langfristig zu sichern. Der Mensch, egal ob Spieler oder Fan, wird in diesem System zur Ware. Völlig emotionslos. Stars werden für über 200 Millionen Euro verkauft. Kein Problem. Die ausgeklügelten Business-Modelle (mit Trikotpreisen in Höhe von über 150 Dollar!!) erlauben das – zumindest aus finanzieller Sicht. Die Summen, die hier durch die Gegend schwirren, lassen einen Normalsterblichen schwindlig zurück. Doch das funktionierende System rechtfertigt es. Aus die Maus – in der realen Welt schaut das nicht anders aus.
Dass Systeme sich selbst erhalten, ist längst bewiesen. Und Systeme zeigen Zähne, wenn es ihnen an den Kragen geht. Der Fußball mag sinnbildlich für diverse Fehlentwicklungen stehen und am Stammtisch schon einmal zur wütenden Brandrede verleiten. Aber sind wir uns mal ehrlich. Fußball ist, trotz der irrsinnigen Summen, noch immer eine Freizeitbeschäftigung. Auch wenn viele Menschen mit dem Herzen dranhängen, am Ende des Tages geht es um ein Spiel. Doch schon hier kochen die Emotionen hoch, fliegen Worte und manchmal Fäuste. Auch deshalb, weil die eklatante Unverhältnissmässigkeit dieses Systems wütend macht. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie es aussieht, wenn sich das politische System ebenfalls so weiterentwickelt. Dann verliert nicht der eigene Herzensverein gegen den übermächtigen Gegner, sondern wird die eigene Wohnung genauso unleistbar, wie der Kindergartenplatz, das Auto, der Lebensstandard. Wenn es den Menschen erst richtig weh tut, dann wird es nicht mehr ausreichen aus Protest die AfD zu wählen, dann werden die Reaktionen noch lauter ausfallen. Wenn ein System Zähne zeigt, kann es schon einmal passieren, dass diese gezogen werden (müssen.)

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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