Von Burschenschaftern lernen!

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Dieser Text wurde zuerst in der UNIpress // Titelthema: Revolution an der Uni // veröffentlicht.


Das Gedankengut, das in den Kneipsälen, an den dicken Holztischen, bei schwenkenden Bierkrügen diskutiert wird, lässt einem modernen Österreicher ohne Grenzen im Kopf und mit einem Herzen für Europa, das Blut in den Adern abwechselnd kochen und gefrieren. Als gefährlich, als ewiggestrig, als rechtsextrem werden sie beschrieben. Burschenschaften seien dunkle Orte, an denen finstere Gedanken wohnen. Mitglieder erklären einem schon einmal gerne, dass der Österreichische Staat nichts weiter, als eine Illusion sei und träumen im gleichen Atemzug gerne von einem geeinten deutschen Volk, das endlich auch auf der Landkarte seine Sichtbarkeit bekommen sollte. Teilt man sie nicht, so hört sich diese Fantasie nicht nur verschreckend, sondern geradezu verstörend an. Reaktionär. Veraltet. Gestrig.
Als Burschis die Guten waren
Doch es gab eine Zeit, da waren die Burschenschaften alles andere als gestrig. Im Gegenteil. Anfang des 19. Jahrhunderts, insbesondere während der napoleonischen Fremdherrschaft, entwickelte sich in weiten Teilen der preußischen Bevölkerung eine Art „deutscher Patriotismus“. Der Fleckerlteppich, die Kleinstaatlichkeit, sie sollten weichen. Ein geeintes, starkes, tugendhaftes Deutschland war das Ziel. Die Reformidee findet vor allem an den Universitäten großen Anklang. 1815 wird im Gasthaus „Grüne Tanne“ in Jena die erste Burschenschaft gegründet. Mit dabei, bekannte deutsche Denker wie Johann Gottlieb Fichte. Die bis dahin in Jena bestehenden Landsmannschaften, die unter anderem auch für das Schikanieren von jüngeren Studenten bekannt waren, wurden dadurch abgelöst. Die Burschenschaft selbst verstand sich zu diesem Zeitpunkt als eine Art studentische Reformbewegung und wurde als diese auch von Universität selbst unterstützt. Klingt so gar nicht nach der bösen, finsteren Burschenschaft, wie wir sie heute im Kopf haben. Die Mitglieder der Urburschenschaft trugen eine äußerst bekannte Farbkombination: schwarz-rot-gold. Jene Farben also, die Jahre später die Fahne des Landes zieren sollten, für das die Mitglieder dieser Burschenschaft so vehement gekämpft haben.
Grenzen entstehen im Kopf
Der aufkeimende Nationalismus, der wachsende Patriotismus, der Grundgedanke ein zersplittertes Land zu einen und aus vielen kleinen Herzogtümern eine starke Republik zu machen, war damals modern. Zwei Jahrhunderte später hat sich die Sache um 180 Grad gedreht. Warum ich davon überhaupt erzähle? Weil dieses Beispiel wunderbar aufzeigt, wie schwierig Urteile und Bewertungen sein können. Beim Thema Revolutionen, die an Universitäten gestartet wurden, hat wohl kaum jemand an eine deutsche Burschenschaft gedacht. Der erste Schritt zur gelungen Revolution liegt also wohl darin die Grenzen niederzureißen. Und zwar die Grenzen im eigenen Denken. Wer etwas verändern will, darf nicht in bekannten Bahnen denken.
Systeme neu denken
Bei der letzten Nationalratswahl titelten die internationalen Medien kurz nach der ersten Hochrechnung mit Schlagzeilen wie „Rechtsruck in Österreich“ oder „Österreich rückt nach rechts“. Journalisten wollten in der ersten Fragerunde bereits wissen wer nun mit wem koalieren würde. Eine rot-blaue Zusammenarbeit wurde von Politikwissenschaftlern umgehend und entschlossen ausgeschlossen. Hier wurde ausschließlich in alten Bahnen gedacht und bewertet. Einzig ein Funktionär der NEOS ließ kurz aufhorchen. In anderen Ländern sei es politische Tradition, dass man sich je nach Thema im Parlament Mehrheiten suche und so große, wichtige Reformen umsetze. Ungeachtet wer die Regierung bildet. Ohne Zwang. Ohne Grenzen im Kopf.
Warum nicht wir?
Warum nicht? Vielleicht müssen wir, muss unsere Generation, komplett außerhalb des Rahmens denken. Für viele von uns war das politische Angebot nicht ausreichend. Kaum eine Partei, die einen restlos überzeugte. Warum also nicht weg vom klassischen Denken, hin zu einer neuen politischen Kultur? Neue Wege, neue Arten, neue Konstrukte. Warum sollten nicht Österreichs Unis Keimzelle für diese neue Kultur sein? Warum sollte die lautstarke Forderung nicht aus einem unserer Hörsäle kommen? Wichtig dabei. Alle Vorurteile, Zuschreibungen, Grenzen und Bequemlichkeiten fallen lassen. So wie die Burschenschaften – je nach Blickwinkel – nicht immer die Bösen waren, ist der politische Gegner vielleicht nicht immer Böse. Es geht um die Sache. Um eine neue Kultur der Zusammenarbeit. Die muss aber jemand einfordern. Warum nicht wir? Man muss ja nicht gleich eine Burschenschaft dafür gründen.

Titelbild: (c) Wikipedia

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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