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Wenn zu viel Realität in die Literatur hineinfunkt

5 Minuten Lesedauer

Was tut der Schriftsteller dann? Mit der Realität? Mit seinem Text?

Jeder Autor, jede Autorin kennt die peinliche Situation, wenn zum Beispiel nach einer Lesung jemand erbost auf dich zustürzt: „Woher haben Sie diese Geschichte?“ oder freundlicher: „Jaja, genauso war´s!“ Dabei hatte besagter Autor, besagte Autorin das eigentlich alles frei erfunden. Besonders leiden Satiriker*innen darunter, dass ihre schlimmsten Übertreibungen regelmäßig von der Realität eingeholt und sogar übertroffen werden. 

Und dann wäre da auch noch das ewige Problem mit den Figuren-Namen. Dazu gibt´s unzählige skurrile Erlebnisse. Mich hat zum Beispiel vor Jahren einmal eine meiner (frei erfundenen) Romanfiguren angerufen: „Guten Tag, ich heiße … Sie werden mich nicht kennen…“ Mir blieb der Atem weg. Dabei suchte dieser mir völlig Unbekannte bloß eine Nachhilfelehrerin und ich war ihm empfohlen worden. Daraufhin musste ich den Namen der Romanfigur im Text, der sich gottlob noch im Schreibstadium befand, natürlich ändern.  Einer anderen Nebenfigur in einer meiner Erzählungen, für die ich einfach bloß einen Allerweltsnamen verwendet hatte, wurde, lange nach Fertigstellung des Textes, der Nobelpreis für Literatur verliehen, was bei einer Lesung zu Interpretationsproblemen im belesenen Publikum führte.  Seither recherchiere ich meine Figurennamen zumindest im Internet, um keine preisverdächtige Lyrikerin zu übersehen, und schlage Namen in den Telefonverzeichnissen jener Orte nach, an denen ich Figuren ansiedle – immer mit dem schalen Gefühl, dass ich vielleicht auch noch die Todesanzeigen der vergangenen zehn Jahre hätte durchgehen sollen.

Und dann die Weltgeschichte! Vielleicht hatte man ja unbewusst vorhergeahnt, was kommen würde und deshalb diese Zeit, diesen Ort für die Handlung gewählt?  Trotzdem. Als ich vor Jahren als Ausgangspunkt eines leichtfüßigen Schelmenromans, der die Hauptfiguren rund um die Welt führen sollte, ausgerechnet Russland wählte, war das dem Zufall und einem schönen Leitmotiv geschuldet. Es hätte auch jede andere Diktatur sein können, durch welche sich der Protagonist schlau durchschlägt, um später im Westen spiegelgleichen Machenschaften der Macht und des Geldes zu begegnen.  Zudem kannte ich in Russland befreundete Künstler und deren Erzählungen vom Alltag. Den Rest wollte ich frei erfinden. Doch nun …!

Die Medien quellen über mit Informationen zu Russland und Putins Regime, und ich muss alle frei erfundenen Situationen genauestens nachrecherchieren und womöglich umschreiben, denn der Hintergrund muss nun wirklich bis ins Letzte stimmen. Schließlich erfahren ich und allfällige zukünftige Leser ständig neue Details über dieses Land und seine Verfasstheit, die bisher hierzulande kaum bekannt waren und, wenn doch, die allerwenigsten kümmerten. Selbst wenn Putin nur als Hintergrund im Roman auftaucht, muss ich mich nun näher mit ihm befassen, als mir lieb ist.* Das alles ist zwar lehrreich und erweitert meine historischen Kenntnisse, hemmt aber den Fluss der Fantasie und die Fortsetzung des Romans beträchtlich.  Und wer weiß, was alles noch geschieht, bis der Text in Monaten oder Jahren irgendwann fertig sein sollte?

Ich fürchte, heutzutage einen einfach nur unterhaltsamen Plot zu erfinden, in dem die drängenden Weltprobleme mit leichter Hand abgefertigt werden, und diesen Text dann aufgrund weltgeschichtlicher Ereignisse wieder und wieder umzuschreiben, ist eine Aufgabe, die meine Lebenszeit überschreiten wird. Aber man ist als Schriftsteller*in ja an zwecklose, wenn auch persönlich lehrreiche Arbeit gewöhnt. Und vielleicht hilft ein Übermaß an Wirklichkeit, das uns am Weiterspinnen unserer Utopien hindert, schließlich sogar der Fantasie, sich dem Widerwärtigen (i.e. der Gegenwart), aus dem wir uns in die Fiktion flüchten, zu stellen und neue, bisher unbekannte (Aus)Wege zu finden?

*Meine Leseempfehlung: Catherine Belton, „Putins Netz“, ca. 600 Seiten. Man hat das zwar alles schon mal gehört und die Zusammenhänge auch erahnt, aber hier werden sie – mit vielen Fußnoten belegt – klar offengelegt. Und auch Österreich wird in unrühmlichen Zusammenhängen leider des Öfteren genannt…

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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