Pinguine passen einfach nicht nach Tirol

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Der Mann mit der roten Haut und dem fremden Gewand springt rund um das frisch ausgehobene Grab und tanzt sich langsam in Trance. Sein Gesang und das monotone Trommeln wirken verstörend. Die alte Frau, die am Markt immer die Eier ihrer beiden Hühner verkauft, hat ihre Kappe tief ins Gesicht gezogen und maulend Abstand gesucht. Das ganze Dorf hat sich versammelt, um seinem so plötzlich wie tragisch verstorbenen Bürgermeister die Anerkennung zu geben, die es ihm vor seinem Ableben meist verwehrt hat. Der Dorfpfarrer beäugt den Schamanen mit Argwohn, Skepsis und Missgunst. Aus Angst, als Rassist entlarvt zu werden, erträgt er das Schauspiel dennoch geduldig.
Magdalena, die recht nahe am Wasser gebaut und die Ehefrau des Dorfmetzgers ist, sowie die Geliebte des Bürgermeisters war, heult eine Mischung aus echten und aus Freudentränen. Der Verlust schmerzt sehr, doch auch die Erleichterung, dass er ihr gemeinsames Geheimnis nun mit ins Grab genommen hat, findet ihren Platz im Wasserfall, der sich auf ihr üppiges Dekolletee ergießt, welches sie trotz der kalten Temperaturen stolz vor sich her trägt. Während sie laut schluchzt, richtet sich ihr getrübter Blick auf die Grabinschrift, die erst heute früh eingemeißelt wurde. „Hier ruht Leo Rallnhöfer. Ambitionierter Bürgermeister und traditionsbewusster Visionär. Sein Herz sprang höher als sein Körper es ihm erlaubte.“ Der Schamane hat sich in tiefste Trance getanzt und gesungen. So sehr, dass er fast über den Weihwasserkessel gestolpert und auf den Sarg gefallen wäre. Die Menge hält den Atem an. Er kann sich fangen und stößt einen markerschütternden Schrei aus. Er hat Leo soeben auf die andere Seite begleitet.
Die Lebensgeschichte von Leo Rallnhöfer ist eine voller Missverständnisse. Bereits zu Schulzeiten war ihm und seinem Umfeld klar, Leo ist anders. Während andere Kinder im Wald spielten, saß Leo lieber daheim im Ohrensessel seines Großvaters, den er leider nie kennengelernt hatte, und verschlang ein Tierlexikon nach dem anderen. Am meisten hatten es ihm die schwarz-weißen Tiere angetan. Pinguine und Pandabären liebte er so sehr, dass er eines nachts, er war damals ungefähr vierzehn Jahre alt, aufstand, in den Stall ging, den Schafen das Fell schor und sich in Schwarz und Weiß hüllte. All das hätte nicht für großen Aufruhr gesorgt, sondern höchstens zwei schallende Ohrfeigen seines Vaters nach sich gezogen, hätte nicht am darauffolgenden Tag die große Sonntagsmesse stattgefunden. Er war dermaßen stolz auf sein Werk und der festen Überzeugung, dass seine Aufmachung der Festlichkeit angemessen sei, dass er um kurz vor zehn Uhr  in der Kirche erschien, mit nichts anderem bekleidet als mit schwarz-weißen Fellfetzen. Es ist bei weitem nicht die einzige skurrile Geschichte, die man über Pinguin-Leo, wie er seit diesem Vorfall genannt wurde, berichten könnte, doch diese Ausführungen würden wohl den Rahmen sprengen.
Kurzum. Trotz seines Spitznamens und seiner Eigenart anders zu sein, schaffte er es zu Bürgermeisterwürden seines Heimatdorfes. Leo hatte einen großen Traum. Als er Bürgermeister wurde, wollte er ihn endlich in die Tat umsetzen und den ersten Pinguin-Erlebnispark der Alpen eröffnen. Um sein Ziel zu erreichen, ließ er sogar die unterschiedlichsten Experten einfliegen, die die Umgebung auf Pinguin-Überlebenschancen testen und für die optimalen Bedingungen sorgen sollten. Selbst als sich der Gemeinderat offen gegen das Pinguin-Großprojekt stellte und den nötigen Bau einer Glaskuppel, die das ganze Dorf umhüllen sollte, um so für ideale antarktische Verhältnisse zu sorgen, ablehnte, gab Leo nicht auf. Er konnte einen privaten Investor aus der nahegelegenen Schweiz für sein Projekt begeistern. Dieser finanzierte ihm den Bau der großen Glaskuppel, der letzte Woche zum Abschluss hätte kommen sollen.
Leo hatte in akribischer Feinarbeit einen minutiös strukturierten Plan erarbeitet. Am großen Tag sollte nicht nur die Glaskuppel endlich geliefert und von zwölf Transport-Hubschraubern gleichzeitig aufgestellt, sondern auch der Pinguin-Park fertiggestellt und mit Pinguinen bestückt werden. Dazu hatte er extra eine kleine Kolonie Pinguine bestellt, die direkt aus der Antarktis eingeflogen wurde. Der Kapellmeister der Musikkapelle komponierte für das Fest extra einen Marsch, der uraufgeführt hätte werden sollen. Doch an dem Tag, der für Leo die Erfüllung hätte sein sollen, kam alles anders als es im Plan verzeichnet war.
Das Heimatdorf von Leo Rallnhöfer liegt hoch über dem Tal und zählt zu den schiefsten seiner Art. Der Höhenunterschied vom tiefstgelegenen Hof zum höchstgelegenen beträgt stolze 1.300 Höhenmeter. Auch wenn die Experten Leo versichert hatten, dass die neueste Verankerungstechnik für stabilen Halt sorgen würde, kam es zum großen Unglück. In dem Moment, als die zwölf Transport-Hubschrauber die Glaskuppel absetzten, geriet das monströse Gebilde ins Rutschen. Hätte nicht das Marterl am Dorfeingang die Kuppel aufgehalten und zum Kippen gebracht, wären alle Häuser, alle Höfe, das Gasthaus und selbst die Kirche mit ihr in Richtung Tal gerissen worden. So war es Glück im Unglück, dass das Marterl stabil genug war, die Kuppel kippte, im Tal in Millionen kleine Stücke brach und eine fremde, künstliche Landschaft und kleine Welt aus Kristallen formte.
Leos visionärer Weitblick war ein zu kurzer, um die unvergleichliche Fremdenverkehrsattraktion und Goldgrube zu sehen, die sich ihm hier durch Zufall ins Tal ergossen hatte. Aus Zorn, Schmerz und Trauer und weil es sein gebrochenes Herz nicht anders zuließ, sprang er der Kuppel nach. Erst nach mehreren Tagen konnten ihn die Einsatzkräfte aus der unwirklichen Kristalllawine bergen, die seinen Leichnam begraben hatte. Als sein Sohn, der auf dem Weg nach Italien mal wieder im Brenneroutlet hängen geblieben war, vom Tod seines Vaters erfuhr, drehte er sofort um. Der Schamane, Leos ältester Freund und der treueste aller Fremden, die das Dorf alljährlich im Winter beehrten, sagte seine Hilfe zu, den Bürgermeister auf die andere Seite zu begleiten.
Der Mann mit der roten Haut liegt mit dem Gesicht zu Boden vor dem geschlossenen Sarg. Die alte Frau meint laut, so dass es all die Umstehenden laut und deutlich hören können: „Das hat er nun davon, dieser geisteskranke Irre. Ich habe es schon immer gesagt. Die Pinguine passen einfach nicht nach Tirol.“

Artikelbild (c) Ian Duffy, Animal Behaviour: Birds, flickr.com

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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