Bei Hofe im Vereinsheim Hötting: Das beste aller möglichen Königreiche

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 Das Königreich


Hötting bei Innsbruck ist nicht wirklich ein Königreich. Der Spruch, dass Hötting ein Königreich sei und sich rundherum Österreich befände, beschreibt die Situation im Heute allerdings dennoch bestens. Wenn Hötting somit ein imaginäres Königreich ist, dann braucht es natürlich ein Schloss. Auch dieses existiert.
Folglich würde man den Hofstaat treffen, wenn man sich nur Zutritt zu diesem Schloss verschaffte. Man würde nicht nur die Ausstrahlung dieses Schlosses und die Macht des Hofstaates außerhalb wahrnehmen, sondern wäre dem Kern der Sache näher gekommen. Endlich würde man verstehen, welche Machtdiskurse das Königreich wirklich durchziehen. Man käme ins Gespräch mit dem Hofstaat und wäre der Macht so nahe wie nur möglich.

Zentrum und "Schloss" des Königreiches: Das Vereinsheim Hötting (Bild: Markus Stegmayr)
Zentrum und „Schloss“ des Königreiches: Das Vereinsheim Hötting (Bild: Markus Stegmayr)

Vergangenen Samstag wurde zu Hofe geladen. Von der Musikkapelle, die dem Königreich und dem Hofe direkt unterstellt ist. Diese hört auf den Namen „Stadtmusikkapelle Hötting“. Sie hatte nicht nur Franz Posch, auch außerhalb Höttings kein Unbekannter, sondern auch die Musiker von „Viera Blech“ eingeladen. Zum allgemeinen Amüsement des Hofstaates und derer, die sich im Glanze dieses Hofstaates sonnen wollten.
Das Vereinsheim Hötting wirkt nur von außen abschreckend. Die Schwelle zu übertreten und spätestens dann zu wissen, was Hötting im Innersten zusammenhält, ist leichter als es der durchschnittliche zugezogene Neu-Höttinger wahrhaben will. Man schaue nach Veranstaltungen, reserviere sich eine Karte und gehe dann mutig und selbstbewusst zur Abendkassa. Die Blicke, die man möglicherweise bekommt, weil man hier noch nie zu Hofe war, sollte man aushalten. Blick geradeaus, direkter Augenkontakt. Provozieren mit zu viel Selbstsicherheit sollte man dann aber doch auch nicht. Leicht könnte man als Spion aus einem anderen, fremden Königreich verdächtigt werden.


 Der Hofstaat


Der erste Leitdiskurs ist schnell gefunden. Man wird von zwei hübschen jungen Damen mit der Frage begrüßt, ob man denn ein Schnapserl haben wolle. Natürlich will man das. Euphorisiert von der Tatsache, dass man die Höttinger Höflinge bald leibhaftig kennenlernen und erleben würde schüttet man diesen Schnaps hinunter. Vermutlich war es letzten Samstag ein Obstbrand. Durchaus gut. Vor allem aber hilfreich um noch ein wenig mutiger die heiligen Hallen zu betreten.
Sobald begegnet man dem Leitdiskurs Nummer zwei, der im Vereinsheim in Hötting dringend zu beachten ist: Craft-Beer trinken und Veganismus sind zwei Todsünden, die zur sofortigen Verbannung aus dem Schlosse führen. Wer an der Bar fragt, welches Bier es denn gäbe macht sich schon verdächtig. Diesen Fehler sollte man tunlichst vermeiden und die Marke „Zipfer“ als das Bier schlechthin akzeptieren.
Man esse daher einen Schnitzelburger, bestelle unauffällig ein großes Bier und schon besteht die Möglichkeit mit Höflingen ins Gespräch zu kommen. Zuerst klappte es aber nur mit dem Küchenpersonal, das aber in regem Austausch mit den Höflingen zu stehen schien. Hötting ist ein Königreich, in dem herkömmliche Hierarchien keine Rolle spielen. Ob jemand Koch ist oder Arzt spielt keine Rolle. Ein Utopia der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit.


 Das Konzert


Gestärkt betrat man sodann den Festsaal. Der Hofstaat war schon versammelt. Dieser versteht es zu feiern und hatte auch zahlreiche Gäste eingeladen, die von weit her gekommen waren. Im Publikum befanden sich, so erfährt man später, zahlreiche Musiker und Musikkapellen. Gar aus dem fernen Osttirol war man angereist um sich bei feinster Brass-Musik, volksmusikalische Weisen und innovativer, neuer Blasmusik von „Viera Blech“ zu amüsieren.

Franz Posch und seine "Innbrüggler" im Vereinsheim Hötting (Bild: Markus Stegmayr)
Franz Posch und seine „Innbrüggler“ im Vereinsheim Hötting (Bild: Markus Stegmayr)

Beobachtete man die anwesenden Gäste, dann wurde deutlich, dass mehr auch wirklich mehr ist. Zwei Bier sind besser als ein Bier. Am besten fährt man aber, wenn man nach dem zweiten Bier noch rasch ein drittes Bier bestellt. Nach Möglichkeit noch bevor Franz Posch mit seinen „Innbrügglern“ die Bühne betritt. Diese gaben dann allerlei Traditionelles zum Besten, gingen auf Publikumswünsche ein und trotzten der Geräuschkulisse, die zuweilen mehr an ein Zeltfest als an ein Konzert erinnerte. Die „Innbrüggler“ nehmen es sportlich und mit großer Gelassenheit.
Möglicherweise ist sich diese Musik aber ihrer Funktion bewusst: Es ist Musik, die dem Hofstaate zur Untermalung des kulinarischen Genusses dient. Bei Schnitzel mit Pommes lässt sich recht ungezwungen mitklatschen. Wer schon gegessen hatte, wagte gar ein kleines Tänzchen. Wer noch ein volles Bierglas vor sich stehen hatte, bekam reichlich Gelegenheit der Band zuzuprosten. Wer sich überlegte, nach dem nächsten alkoholischen Getränk mit dem Trinken aufzuhören, wurde durch allerlei Liedgut davon abgehalten.
Im Gepäck hatten die „Innbrüggler“ nämlich unter anderem Lieder, die davon erzählten, dass man doch noch ein Flascherl Wein trinken solle und dass dieses ja beim besten Willen nicht das letzte sein müsse. Abgerundet wurde unter anderem durch die „Knödlpolka“. Dass Franz Posch ein fantastischer Musiker ist, kann nicht bestritten werden. Auch seine Publikumsnähe war an diesem Abend deutlich zu spüren. Es war mehr als deutlich, warum er eingeladen wurde: Leutseligkeit, Trinkfestigkeit und musikalisches Können. Drei Kategorien, die am Hofe in Hötting offenbar sehr wichtig sind.
Verkörperten, ob gewollt oder ungewollt, die noch zu formulierenden "Höttinger-Utopie" (Bild: Markus Stegmayr
Verkörperten, ob gewollt oder ungewollt, die noch zu formulierenden „Höttinger-Utopie“ (Bild: Markus Stegmayr

Zumindest zwei Kategorien erfüllten die danach als Highlight angekündigten „Viera Blech“. Auch ihnen war das Publikum überaus wichtig. Kunst um der Kunst Willen ist hier im Vereinsheim in Hötting wohl ungern gesehen. Wer sich nur mit der eigenen Musik, seiner eigenen Virtuosität und den musikalischen Möglichkeiten per se beschäftigt, würde die expliziten Anforderungen hier im Festsaal des Vereinsheimes nicht erfüllen. Ob das „Viera Blech“ wussten und sich dementsprechend verhielten oder ob sie deswegen eingeladen wurden, weil sie diesen Anforderungen von Haus aus erfüllen? So ganz genau weiß man es nicht.
Die Jungs aus Kössen, allesamt angesehen Instrumentalisten, die weit über Tirol hinaus bekannt sind, stellten ihre Virtuosität unter Beweis – aber stets in den Dienst der Sache. Sie waren zum Zweck der Belustigung des illustren Publikums angetreten. An mehr als nur an einer Stelle hatte man das Gefühl, dass diese Kombo das ganz besondere Lebensgefühl in Hötting auf den Punkt bringen konnte. „Viera Blech“ spielten mit Traditionen und Konventionen, brachen aber nicht mit diesen. Aus dieser Traditionsbewusstheit gewannen sie ein erstaunliches Innovationspotential.


 Die „Höttinger Utopie“


Es wurde deutlich, dass sich Jazz, Hip-Hop und Pop-Klassiker bestens mit den Blasmusik-Traditionen verstanden. Die Band musste nicht erst lange aussöhnen und neu zusammenführen, alles war schon angerichtet. Selbst „Dem Land Tirol die Treue“ konnte man spielen, ohne eine Seite zu vergrämen. Alt-Höttinger und junge, interessierte Blasmusikhörer standen spätestens hier auf den Tischen und sangen lauthals mit. Trachtenträger, Jazz-Hörer und Trompetenvirtuosen waren bei dem Konzert von „Viera Blech“ selig und harmonisch vereint.
Genauso verließ ich das Konzert. Glücklich und im Bewusstsein, dass eine andere Welt möglich ist. Eine Welt, in der Tradition und Innovation vereint sind. Eine Welt, in der nicht gefragt wurde, ob man promovierter Philosoph oder Hausmeister war. Eine Welt, die kurzlebigen Trends trotzt, das Altbewährte prüft und das Erhaltenswerte bewahrt. Ich war ins Machtzentrum von Hötting vorgedrungen und mein Blick auf Hötting hatte sich dadurch verändert. Hötting ist nicht konservativ. Hötting ist ein kleines, der gesellschaftlichen und künstlerischen Utopie verpflichtetes Königreich.
Wer einst das „Schloss“ betreten hat wird begreifen. Es wird ihm wie Schuppen von den Augen fallen. Gelegenheiten dazu wird es noch genug geben, schließlich wird die „Stadtmusikkapelle Hötting“ wohl auch in Zukunft hochkarätige Brass-Bands ins Schloss bzw. in das Vereinsheim einladen. Ich war froh, dass ich das Wesen von Hötting und dem Hofstaat endlich erkannt hatte. Ich war froh in Hötting zu leben. So froh wie nie zuvor.


 Zum Reinhören



Titelbild: Markus Stegmayr

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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