Plattenzeit #26: Nels Cline – Lovers

6 Minuten Lesedauer

Lebenstraum


Seit Jahrzehnten träumte der Gitarrist und Komponist Nels Cline von „Lovers“. Im Laufe der Jahrzehnte warf er die Songs, die auf diesem Album sein sollten, immer wieder um. Nicht geändert hat sich über diesen langen Zeitraum der Titel des Albums. Auch die Intention blieb gleich. Es sollte „mood-music“ sein. Musik, die man dann hört, wenn man nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommt. Musik, die läuft, wenn die Lichter gedimmt werden. Romantische Musik. Solche, die im Hintergrund bei einem schönen Abendessen im Kerzenschein auf unaufdringliche Weise Untermalung bietet.
Es ließe sich dazu ohne großen Aufwand auf die klassischen Werke der sanfteren Seite der Jazzgeschichte zurückgreifen. Es wäre einfach „Lovers“ in dieser Hinsicht seine Existenzberechtigung abzusprechen.
Doch dieses Album ist keine einfache Einreihung in diese große Tradition, sondern eine, wie es Cline selbst nennt, Personalisierung und versuchte Modernisierung dieser Spielart. Seine Kompositionen und Bearbeitungen respektieren das jeweilige Original. Zugleich schüttet Cline aber auch, anfangs fast unmerklich, sein Füllhorn der spielerischen Möglichkeiten aus. Cline ist ein traditionsbewusster, dabei aber hochmoderner und stellenweise avantgardistischer Gitarrist, dem es hier nicht um bilderstürmendes durcheinanderwerfen von zum Teil bekannten Standards geht. Es geht ihm vielmehr um eine In-Bezug-Setzung.
„Lovers“ beginnt mit einem Stimmungsstück aus seiner Feder, das so auch auf einer Platte der „Nels Cline Singers“ hätte stehen können. Darauf folgen aber „Glad To Be Unhappy“ und „Beautiful Love“, die in eine andere Richtung zeigen. Gar zu einem Walzertakt versteigt sich einer dieser Songs. Im Verlauf des Albums werden geschickt Fremdkompositionen mit Eigenkompositionen nebeneinander gestellt. Dass die Eigenkompositionen neben den hier ausgewählten Stücken nicht verblassen, zeigt sowohl das Kompositionstalent von Cline als auch seine Intelligenz.
Seine Kompositionen sind meist schlichter was die Struktur betrifft, dabei aber reichhaltiger was die Sounds, Effekte und Klangfarben betrifft. Während die Gitarre in den anderen Stücke oft „singt“, schließlich übernimmt diese immer wieder die Lead-Stimme die in den Originalen ja zumeist vorhanden war, hat sie in seinen Kompositionen eher klangmalerische Funktionen.
Somit dienen seine Kompositionen als Passagen, als Übergänge,  niemals jedoch als Lückenfüller. Der ureigene Zugang von Cline steht neben Klassikern der Musikgeschichte. Es ist erstaunlich, welchen Fluss das Album dadurch bekommt.


Soundfülle


Über die Gründe, warum es so lange dauerte um von der Idee zur Realisierung des Projektes zu gelangen ließe sich hervorragend spekulieren. Wer „Lovers“ hört hat aber sehr schnell einen Grund zur Hand: Dieses Album sollte nicht „nur“ eine weitere sehr gute Platte im Schaffen von Nels Cline sein, sondern die tatsächliche Realisierung einer Idee, die über diesen langen Zeitraum immer komplexer und kompromissloser geworden war. Wer diese Platte lediglich als die zugänglichste und „schönste“ Platte in seinem Werk beschreibt, verkennt deren Komplexität und Vielseitigkeit.
Als es von der Idee zur tatsächlichen Umsetzung kam zweifelte Cline daran, ob diese Idee  tatsächlich umsetzbar war, oder ob er sich zu weit außerhalb seine „Komfort-Zone“ und seiner Kompetenz bewegte. Als Glücksfall in diesem Kontext muss die Arbeit des Arrangeurs Michael Leonhart gewertet werden. Er arrangierte die vielschichtigen Bearbeitungen und Eigenkompositionen von Nels Cline für ein 23-köpfiges Orchester. Streicher, Oboen, Harfen, Klarinetten und vieles mehr veredeln diese Stücke. Die Arrangements sind makellos, klug, modern und doch, ohne ironische Brechungen, manchmal herrlich traditionell und wunderbar „altmodisch“.
„Lovers“ ist eine Aufnahme, die auf zweierlei Art funktioniert. Tatsächlich kann man sich allerhand romantische Situationen vorstellen, in denen sich diese Musik auflegen ließe. Leonhart traf zusammen mit Cline aber auch die Entscheidung, dass die Arrangements möglichst „üppig“ sein sollten. Diese Üppigkeit bedeutet aber nicht, dass alles mit Zuckerguss überzogen werden würde, ganz im Gegenteil. „Cheesy“ oder kitschig ist an diesem Album rein gar nichts.
Üppig ist vor allem, dass sämtliche „romantischen“ Gefühle in den buntesten Farben ausgemalt werden. Liebe, Sex, Einsamkeit, Sehnsucht und was einem sonst noch in den Sinn kommt. „Lovers“ will kein schaler Abklatsch dieser intensiven Gefühle sein, sondern auch auf musikalischer Ebene genau diese Intensität erzeugen. Das gelingt über die enorme Strecke von 2 CDs und über 80 Minuten meisterlich.


Fazit


Nicht nur für Nels Cline ist mit der Veröffentlichung von „Lovers“ ein lange gehegter und gepflegter Traum in Erfüllung gegangen. Auch die Hörerinnen und Hörer werden mit dieser Platte mehr als nur beschenkt. Ob man sie als grandiose Hintergrundmusik verwendet oder sich jedes Detail genau anhören möchte: Auch nach mehrmaligen Hördurchläufen überrascht „Lovers“. Eine Platte somit, die uns noch Jahre beschäftigen wird. Und die den unerwarteten kommerziellen Erfolg, den sie gerade feiert, mehr als nur verdient hat.

Hier geht es zu der vorherigen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören





Titelbild: (c) Facebook Nels Cline, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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