Photo by Patrick Schneider on Unsplash
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Das Mädchen in der Rettung

5 Minuten Lesedauer

Der bisherige Tiefpunkt meiner Krankheitsgeschichte kam Anfang März 2020. Ich hatte mich schon länger nicht wohl gefühlt, litt unter Kopfschmerzen, Gleichgewichtsstörungen beim Gehen, in letzter Zeit war Übelkeit dazugekommen, manchmal musste ich mich plötzlich aus unerfindlichen Gründen heftig übergeben. Einmal geschah das mitten in der Nacht, und während ich mich panisch aus dem Bett stemmte und ins Bad tapste, kamen mir die Türstöcke grotesk verzogen, nach vorne oder hinten geneigt entgegen. Ich konnte nicht mehr essen, wurde schwach und schwächer, kam nicht mehr aus dem Bett.

Nun war es so, dass zu diesem Zeitpunkt mein Krebs bereits diagnostiziert war, ich hatte sogar schon einen Termin für die erste Chemotherapie im Krankenhaus. Jetzt riss der Begleiterin und Beschützerin meines Lebens aber die Geduld. Sie rief kurz entschlossen an und setzte meine Aufnahme durch, obwohl so was überhaupt nicht vorgesehen war. Besonders nicht an einem Sonntag. Aber da kennt man besagte Begleiterin und Beschützerin  schlecht.

Sie packte meine Tasche, ich musste also bloß noch ächzend aufstehen und mich anziehen. Das gelang mir mit Müh und Not, und schließlich saß ich am Ende unserer Erkerbank in der Küche und wartete auf die Rettung. (So sagt man bei uns; gemeint ist in diesem Falle der Krankenwagen samt Besatzung.) Und während ich dort saß, da schien sich eine ungeheure Schwäche in mir auszubreiten, sie floss quasi von oben nach unten, vom Kopf bis in die Füße. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich lange aufrecht halten konnte, selbst im Sitzen. Meine Lebenskraft schien mir durch die Füße aus dem Leib zu rinnen.

Es läutete an der Tür. Begleiterin und Beschützerin machte auf. Ein junger, kräftiger Mann in Rot-Kreuz-Montur kam herein, gefolgt von einem schlanken blonden Mädchen in derselben Kleidung. Der junge Mann erfasste die Lage mit einigen kurzen Blicken, stellte ein paar gezielte Fragen zur Transportfähigkeit. Die beiden verschwanden wieder. Aber alleine das selbstsichere, kompetente Auftreten des jungen Mannes hatte bewirkt, dass ich meinen Tiefpunkt überwunden hatte. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren?

Die beiden kamen mit einem Tragesessel zurück, setzten mich mit gut geübten Griffen behutsam in selbigen und trugen mich hinaus. Ihr Rettungsauto parkte in der engen Zufahrt. An den Zäunen nahm ich die neugierigen Gesichter der Nachbarn wahr. Die waren mir zu diesem Zeitpunkt aber zutiefst wurscht.

Geschickt hievten die beiden den Stuhl durch die geöffnete Hecklappe ins Fahrzeug und arretierten ihn. Begleiterin und Beschützerin steuerte noch meine Tasche bei, dann ging’s los. Das Mädchen saß mir gegenüber im Fahrgast- oder Laderaum, je nachdem. Sie hatte bemerkt, wie schlecht mir war, und ein Speibsackl bereit gelegt. Außerdem hatte sie offenbar beschlossen, mich durch Konversation abzulenken. Wir begannen, über die üblichen Dinge zu sprechen: Was sie machte, was ich gemacht hatte. Sie kam aus einem Ort im Wipptal, so stellte sich heraus, ausgebildete Kindergärtnerin, arbeitete in einem Hort in Innsbruck. Als sie hörte, wo ich unterrichtet hatte, da nannte sie den Namen ihres Freundes. Der war nämlich dort in die Schule gegangen. Ob ich mich erinnern könne? Ich konnte, allerdings nur ganz, ganz vage. Aber immerhin –

So überstand ich die Fahrt. Die beiden brachten mich wieder per Transportstuhl auf die Station, übergaben mich dem dortigen Personal und verabschiedeten sich. Ich konnte damals und kann auch jetzt kaum ausdrücken, welch tiefes Gefühl der Dankbarkeit mich erfasste. Die beiden waren die ersten in einer langen, langen Reihe von jungen Frauen und Männern, die sich derart aufmerksam um mich kümmerten. Ich hoffe, darüber bald ausführlicher zu schreiben. Im Falle der beiden Rot-Kreuz-Helfer war’s ja so, dass wahrscheinlich beide, auf jeden Fall aber das Mädchen ihre Freizeit opferten, um am Wochenende mit dem Rettungswagen Dienst zu schieben. Das alleine wäre schon bewundernswert gewesen. Und dann noch auf diese Art! Das Lächeln dieses Mädchens, ihr freundliches Gesicht – kann man beschreiben, was für lebensfrohe Wirkung die ausübten?

H. W. Valerian (Pseudonym), geboren um 1950. Lebte und arbeitete in und um Innsbruck. Studium der Anglistik/Amerikanistik und Germanistik. 35 Jahre Einsatz an der Kreidefront. War Freischaffender Schriftsteller und Journalist, unter anderem für die Gegenwart. Mehrere Bücher. Mehr Infos auf der persönlichen Website.

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