Shanir Ezra Blumenkranz in Kufstein: Die beste aller musikalischen Welten

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Innsbruck ist nicht der Nabel der Welt. Schon gar nicht in kulturelle Hinsicht. Aber sich so richtig zu beklagen ist letzten Endes auch wieder schwierig, weil doch einiges passiert. Es kann aber definitiv gut tun, aus Innsbruck raus zu kommen. Eine Gelegenheit dazu gab es gestern, denn Shanir Ezra Blumenkranz gastierte mit „Abraxas“ im Q-West in Kufstein. Kein Zweifel: Da musste ich hin. Schließlich sollten an diesem Abend Kompositionen von John Zorn gespielt werden. Auch nicht das, was es jeden Tag in Kufstein zu hören gibt. Konsequenterweise folgten auch einige einschlägig bekannte Avant-Jazz-Veteranen der Einladung. Aber nicht nur. Denn es gab auch echte, unverkopfte Begeisterung.
Eigentlich wäre ja alles ganz einfach. In der besten aller möglichen Welten gäbe es eine unvoreingenommene Musikrezeption, die sich nicht um Szenen, Genres oder Zugehörigkeiten kümmert. Das ließe sich alleine schon mal von der Musik selbst ableiten. Bands und Musiker wie Shanir Ezra Blumenkranz sind prädestiniert dazu, Musik zu kreieren, die sich in keine Schubladen mehr pressen lässt. Jüdische Folklore lässt sich in dieser ebenso verorten wie Noise, Jazz, Avantgarde-Tendenzen und manchmal auch einfach nur gute Rockmusik. Musik eigentlich, die sehr breit aufgestellt ist und weitum auf ordentlich Resonanz stoßen könnte.
Allein der Name John Zorn gewährleistet aber, dass sich einige Jazz-Menschen selbst nach Kufstein ins Q-West verirren und im Grund auch schon wissen, was sie erwartet. Unerwartbar würde es werden, relativ laut und natürlich musikalisch gänzlich ohne Scheuklappen auskommend.
Der wissende John-Zorn-Hörer weiß ja schon, dass es nicht immer Jazz sein wird. John Zorn kann man aber natürlich bei fast jeder Note raushören. Wir wissen also, was uns erwartet. Ist echte Begeisterung und Euphorie möglich, wenn eigentlich eh schon klar ist, dass überhaupt nichts mehr überraschen kann? Ist der Rahmen erst mit „Alles-kann-passieren“ gesetzt, dann ist auch die überraschendste Wendung kein wirklicher Befreiungsschlag mehr.

Die Band rund um Shanir Ezra Blumenkranz: Abraxas.
Die Band rund um Shanir Ezra Blumenkranz: Abraxas.

Shanir Ezra Blumenkranz und Abraxas: Die Wahl der richtigen musikalischen Mittel
Shanir Ezra Blumenkranz und seine Mannen gaben sich jedenfalls redlich Mühe, die anwesende Gäste zu euphorisieren. Eine Attacke sei sie, ihre Interpretation der Musik von John Zorn. Doch letzten Endes meine man es nicht böse und wolle das Publikum natürlich nicht attackieren. Es gäbe vielmehr einen bestimmten Grund dazu.
Sie lieferten dann gleich auch die Antwort darauf, warum sie die Mittel der musikalischen „Attacke“ brauchten: Es ging um Intensivierung, um Verdeutlichung, darum, die meditative Dimension dieser trancehaften Musik zu unterstreichen. Mit einem doppelten Strich und mit Ausrufezeichen. Abraxas brachten die Musik von John Zorn, so wie sie sie verstanden, auf den Punkt und unters Publikum, das manchmal akustisch mächtig überfahren wurde. Die Wände und Böden bebten, selbst im nahe gelegenen WC konnte man sich dieser Wirkung noch sicher sein.
Zum Nachdenken und zum Reflektieren blieb also wenig Zeit. Eher schon zum Sich-Bewegen. Zum körperlichen Einstimmen in diesen Trance-Chor, der mit der Zeit einen ganz gewaltigen Sog entwickelte. Und noch etwas verdeutlichte diese Band: Es ist möglich Musik zu produzieren, die trotz anhaltender Komplexität intuitiv zugänglich ist.
Um Abraxas zu mögen und einen Zugang zu ihren Interpretationen zu finden muss man nicht erst auf zahlreichen Free-Jazz-Festivals in Österreich und darüber hinaus gewesen sein. Obwohl so etwas natürlich nie schaden kann. Es war aber auch deutlich, dass gestern Leute im Publikum waren, die sich ansonsten eher für laute, harte und direkte Rockmusik interessierten. Rockmusik war das dann gestern auch tatsächlich. Zumindest teilweise. Vor allem in der Hinsicht, dass sie mit den Mitteln der Lautstärke etwas deutlich zum Ausdruck bringen wollte.
Dass sich da noch ganz andere Elemente in den Gesamt-Sound mischten schien eigentlich niemanden wirklich zu stören. Die Deutlichkeit der Ausformulierung ihres Sounds machte klar, dass die vertrackten Umwege, die der avantgardistische Jazz manchmal nimmt, nicht die Sache von Abraxas sind. Sie nehmen lieber den geraden Weg und entdecken bei ihrem Durchmarsch durch die Stücke so manch interessanten Akkord, manches Motiv und die eine oder andere Melodie, bei der es sich dann doch länger aushalten lässt. Nicht das Ziel ist entscheidend. Schließlich war fast jedem klar, wie diese Tracks ausgingen. Auch die Mittel hatte man grundsätzlich relativ schnell durchschaut.
Zwei Gitarristen sorgen bei Abraxas dafür, dass musikalisch alles nach vorne prescht (Bild: Markus Lackinger)
Zwei Gitarristen sorgen bei Abraxas dafür, dass musikalisch alles nach vorne prescht (Bild: Markus Lackinger)

Genau das war aber die absolute Stärke des gestrigen Konzertes: Die relative Einfachheit und absolute Klarheit der musikalischen Mittel, die zum Einsatz kamen. Der sprichwörtliche Teufel lag dann im Detail. Dies musikalischen Mittel und die Vehemenz des Vortrages von Abraxas hätten wohl selbst den letzten überzeugt, der nur irgendwie über ein wenig offene Ohren verfügte.
Selbst die wissendsten und offensten Ohren ließen sich von Abraxas ebenfalls zum Tanz und zu Bewegung einladen. Neben mir tanzte ein Herr mit grauem Haar, gut gekleidet. Beruhigend, dass man sich zu dieser Musik sogar dann noch bewegen darf, wenn man um die 60 Jahre zählt. John Zorn macht es möglich, dass sich somit alteingesessene Kenner als auch potentielle Avant-Jazz-Möger friedlich vereint und euphorisiert in einem kleinen Club in Kufstein wiederfanden. Da soll noch mal einer sagen, Musik habe keine revolutionäre Wirkung.
Die Musik von John Zorn in der Auslegung von Shanir Ezra Blumenkranz und Abraxas ist jedenfalls so fantastisch, dass sie definitiv das Zeug dazu hätte, ein paar Genre-Grenzen spielerisch niederzureißen. In der besten aller möglichen Welten würde man diese grandiose Band nicht nur im erweiterten Jazz-Kontext hören können, sondern auch auf Noise-Festivals oder im Vorprogramm von ganz „normalen“ Rockbands. Die Welt wäre dann eine bessere, weil klar werden würde, dass es nicht die Zuschreibungen oder gar die vermeintliche Szene-Zugehörigkeiten sind, die zählen, sondern dass es die musikalischen Mittel sind, die über Breitenwirksamkeit oder Nischencharakter entscheiden.
Was für ein Schlagzeuger: Kenny Grohowski (BIld: Markus Lackinger)
Was für ein Schlagzeuger: Kenny Grohowski (Bild: Markus Lackinger)

Deshalb ist es bedauerlich, wenn ein musikalisches Programm im musikalischen Kontext der Jazz-Versteher verhaftet bleibt. Ganz einfach schon mal deshalb, weil die verwendeten musikalischen Mittel in diesen Kreisen bereits als evident und verstanden wissend abgenickt und fein säuberlich sortiert werden. Den Jazz-Wissenden kann so schnell nichts umhauen und beeindrucken. Ich habe aber das Gefühl, dass die Kraft der Musik an einem Abend wie gestern diesen Schleier, der von einer zu großen Menge an Referenzpunkten gespeist wird, wegreißen könnte.
Wer sich auf die Musik von Abraxas einlässt und einließ, der konnte trotz unzähliger gehörter Avantgarde-Konzerte immer noch begeistert sein, ganz ohne Vergleiche mit ähnlichen Konzepten anstellen zu müssen. Die Musik ist einfach. So steht in einer Tradition, braucht diese ständigen Verweise und Anknüpfungen aber im Moment der Aufführung nicht. Sie behauptet nicht, dass sie neu ist. Aber sie findet ansprechende und überzeugende Mittel um darauf zu bestehen, dass die von ihr verwendeten Strategien exakt die richtigen für diese Kompositionen sind.

Das wäre die beste musikalische Welt: In der die musikalischen Mittel bewertet werden, nicht die Zugehörigkeit zu Szene oder Genres. Eine Welt, in der Spiel-Strategien nicht sofort auf ein Genre rückgebunden werden. Die Frage nach Avantgarde würde sich schlicht und einfach nicht mehr stellen. Warum nicht aus dem Vollen schöpfen? Warum nicht auch manchmal, wenn es die jeweilige Komposition erfordert, den einfachen, wenig verschlungenen Weg gehen und damit gar eine potentielle Massentauglichkeit riskieren?
Der Abend gestern war somit in dieser Hinsicht erhellend. Er zeigte auf, in welche unverkrampfte Richtung eine Musikrichtung gehen könnte, die sich gemeinhin gerne das „Avantarde-Label“ umhängt oder auch umhängen lässt. Shanir Ezra Blumenkranz zeigte mit Abraxas, dass sie dieses Label gar nicht mehr braucht, sondern dass Intensität und musikalische Konsequenz eine universell verständliche Sprache wären. Es wäre nun das Ziel, sie einem breiteren Publikum beizubringen. Ob das wirklich passieren wird? Keine Ahnung. Aber ich erlaube mir manchmal meine Träume zu formulieren. Der gestrige Abend war ein Zeitraum, in der die Realisierung einer solchen Utopie für kurze Zeit möglich schien.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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