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Gastro und Kultur: Warum wir uns nicht wieder daran gewöhnen sollten

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Gestern war der lange herbeigesehnte Tag. Die Gastronomie-Betriebe und die Kulturstätten des Landes sperrten wieder auf. Lokale in Innsbruck waren, zumindest am Abend, bestens besucht, größere und kleinere Kulturinstitutionen übertrumpften sich gegenseitig mit Uraufführungen, Premieren und Konzerten.

Der oft genannte Hunger nach Kultur und nach Gastronomie war omnipräsent. Tatsächlich fühlte sich vieles neu oder zumindest unverbraucht an: Das (zwar leiser normal) hustende Publikum beim Theaterbesuch, die klirrenden Weingläser, die zu lauten und tendenziell eher oberflächlichen Gespräche vom Nebentisch.

Das so oft beschriebene „Leben“ war in die Stadt zurückgekehrt. Erinnerungen poppten auf. Damals, als man noch mit Bier vor Lokalen stand, nach der Sperrstunde. Die Abgleichung der Erinnerung mit der Gegenwart wurde nur von dem einen oder anderen Polizeieinsatz unterbrochen, der solche Menschenansammlungen weit nach 22.00 Uhr auflöste.

Durch diese Überlagerungen fühlte sich alles surreal an. Was damals war, passiert jetzt auch. Doch eher traute man der Erinnerung als der Jetztzeit. Das sich Kopfüber ins Geschehen stürzen war zwar ein verständlicher Impuls, doch seltsam leer.

Floskeln, Handgriffe und ritualisierte Handlungen sitzen aber noch. Im Theater gelingt es an den richtigen Stellen zu klatschen und im Restaurant im passenden Moment zu grüßen und die Serviette der Etikette folgend zu benutzen. Das neue, fremde und irritierende Moment dieser Handlungen mit klaren Rahmenbedingungen ist schnell absorbiert.

Dann wird der Blick frei und klar. Keine Überlagerungen mehr. Keine Vergleiche. Die Sehnsucht nach solchen Augenblicken hat die Erwartungen zuvor hochgeschraubt. Jetzt ist sie mit dem Hier und Jetzt kollidiert und implodiert. Erste Anflüge von Dankbarkeit haben sich ebenfalls verflüchtigt, Bilder von Bieren vom Fass, von Essen auf Tellern und beim Betreten des Theatersaals sind gepostet.

Das sind die kurzen Zeiträume, in denen man sich noch einmal über das eher Wahrnehmungen der Banalität erhebt, diese Augenblicke erhöht. Wenig später merkt man dann, wenn alles Potential der Überhöhung und die Anfangseuphorie verbraucht ist, dass das Essen noch immer nur gut ist und die Theatervorstellung mittelmäßig. Die Dankbarkeit, dass „das wieder möglich ist“, ist verflogen. Der kritische Blick ist voll da, unverstellt.

Dann begreift man, dass das Mehr-ist-Mehr nicht greifen wird. Es braucht jetzt nicht mehr Gastronomie und noch mehr Kultur-Veranstaltungen. Es ist nicht so, dass man das vermeintlich Versäumte jetzt nachholen muss. Vielmehr geht es darum, wie sich Erlebnisse und Angebote intensivieren lassen. Zeit als „Anbieter“ darüber nachzudenken wäre vorhanden gewesen.

Vieles deutet aber darauf hin, dass einfach weitergewurschtelt wird wie zuvor. Mit kulinarisch Solidem aber nicht Weltbewegendem. Mit kulturell Unterhaltsamem und Anregendem, aber im Kern wenig Aufregendem. Wenn wir uns jetzt also Kopfüber in die Öffnungs-Euphorie stürzen, dann trübt das unseren Blick. Im Taumel nehmen wir alles hin und an, was uns vorgesetzt wird. Das führt zwangsläufig zur Verflachung und Nivellierung.

Und so soll sie definitiv nicht sein, die oft genannte „neue Normalität“. Wir sollten uns nicht daran gewöhnen, dass wieder alles, bis auf ein paar „Maßnahmen“, wie früher ist. Wir sollten die Euphorie des Neustarts dazu nützen, um noch kritischer und hartnäckiger als bisher eine bessere Gastro- und Kultur-Welt einzufordern.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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