Ein Anfang

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© by Heinrich Bunzendahl_pixelio.de
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27.03.1964, Palermo, Italien
Der Regen prasselt an die verschlossenen Fenster. Das Klappern der Rollläden prophezeit das anstehende Gewitter. Im Haus herrscht Ruhe, trotz der vielen Menschen die sich in dem kleinen Raum befinden. Sie alle stehen um einen Holztisch in der Mitte des Zimmers. Zwei ältere Frauen waschen das Kind das darauf liegt. Die Mutter des Neugeborenen ruht sich in dem kleinen Bett im Nebenzimmer aus. Die Madonnenstatue in der Ecke lächelt gütig und zufrieden. Es ist vollbracht. Sämtliche Verwandten sind gekommen. Die Großeltern. Onkel. Tanten. Großonkel und Großtanten. Cousins und Cousinen. Die Großcousinen. Auch der Pfarrer ist anwesend. Der Großvater legt den Arm ruhig und entschlossen um seinen Sohn, umarmt ihn und küsst ihn auf den Mund. Sie blicken sich in die Augen, entschlossen. Der Großvater nickt. Der Vater nimmt den Schlüssel und das Messer, geht einen Schritt nach vorne. Die älteren Frauen weichen zur Seite. Sie nicken ihm ebenfalls zu. Der Vater stellt sich direkt vor den Tisch. Seine Familie andächtig hinter ihn. Er sieht ihn nun zum ersten Mal – seinen Sohn. Er liegt vor ihm. In weißem Gewand. Unschuldig. Der Vater atmet ruhig. Sein Sohn tut es ihm gleich. Nun nimmt er den Schlüssel in seiner rechten Hand und legt ihn neben seinen Sohn. In der linken Hand hält er das Messer. Er hebt es hoch. Das gelbliche, flackernde Licht der einen Lampe spiegelt sich darin. Andächtig. Ruhig senkt er seinen Arm. Sein Sohn lächelt noch immer. Der Vater legt das Messer zum Schlüssel. Nun wird es sich zeigen. Keiner wagt es zu atmen. Alle Augen sind auf das Neugeborene gerichtet. Der Vater verzieht keine Miene. Es vergehen einige Sekunden. Der Vater fixiert seinen Sohn und sieht ihm tief in die Augen. Die ältere Frau schlägt die Hände über ihrem Kopf zusammen und stößt ein leises „Madonna“ hervor. Der Kleine blickt zurück. Bewusst. Er blickt mit großen, braunen Augen in die ebenso dunklen seines Vaters. Als ob er es verstehen würde. Fast selbstverständlich. Tapsig, aber entschlossen greift er neben sich – er greift nach dem Messer. Blut fließt. Rote Flecken auf der weißen Tischdecke. Schlagartig weicht die Stille. Menschen beginnen zu jubeln. Sie reden. Sie beglückwünschen den stolzen Vater, liegen sich in den Armen. Schulterklopfen. Es ist geschehen. Der Neugeborene hat sich richtig entschieden. Ein neues Mitglied. Ein neues Mitglied der Familie ist geboren. Die Zukunft der Familie ist gesichert.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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