Kapitel 1: Jeder Tag ein Neuanfang

4 Minuten Lesedauer

Sie hatte ihre Augen noch geschlossen. Mit ihrem nackten Bein hielt sie die Decke fest umschlungen. Beim Ausatmen begann die dunkle Locke, die ihr über das linke Ohr bis zum Mundwinkel fiel, schüchtern zu tanzen. Er dachte an die vergangene Nacht. Sie waren erst spät ins Bett gekommen und hatten viel zu viel Rotwein getrunken. Das passierte ihnen öfters, wenn sie gemeinsam auf der steinernen Terrasse, am kleinen Holztisch saßen. Dann lachten sie und erzählten sich von ihren Träumen.
Sie musste die ganze Nacht ihren Kopf auf seiner Schulter gehabt haben, sein Arm war eingeschlafen. Nun versuchte er ihn so sanft wie möglich unter ihr hervorzuziehen. Er wollte sie nicht wecken. Beim Verlassen des Bettes strich er ihr die Locke aus dem Gesicht. Sie schien seine Berührung wahrzunehmen und streckte sich seiner Hand entgegen. Ein Lächeln voller Zuneigung kam auf seine Lippen. Wie sehr hatte sie sein Leben verändert? Früher war er zwischen Rom, Mailand, London und Berlin fast täglich hin und her geflogen. Ein Geschäftstermin jagte den nächsten. Seine Freunde und seine Familie hatten ihn schon lange dazu ermutigen wollen mehr auf sich selbst zu achten. Doch erst als er ihr begegnete hatte er die Kraft diesem Rat zu folgen. Kurz nach ihrer ersten Begegnung kündigte er seinen Job und ließ sein altes Leben hinter sich. Ihre aufgeweckte, lebendige, sprunghafte Art hatte ihn von Anfang an in ihren Bann gezogen. Er bewunderte sie für ihren Mut das Leben so zu nehmen wie es auf sie zukam. Ohne Pläne, ohne dem Drang nach Sicherheit. Er wollte es ihr gleichtun.
Obwohl sie sich erst wenige Wochen kannten, lud er sie ins Haus seiner Großeltern ein, die schon lange nicht mehr am Leben waren. Die alte Villa war einst die stolzeste ihrer Art in der gesamten Toskana gewesen. Auf einem kleinen Hügel gelegen, konnte man von allen Zimmern aus, weit über das Land, die unzähligen Weinberge, bis hin ans Meer sehen. Als kleiner Junge verbrachte er fast jeden Sommer hier. Mittlerweile war das Anwesen größtenteils verfallen. Die Mauern bröckelten, die Weinreben waren vertrocknet und zwischen den vielen Obstbäumen wucherte das Gestrüpp wild vor sich hin. Dennoch strahlte es Anmut und Gemütlichkeit aus. Auch wenn er schon lange nicht mehr hier gewesen war, so vermochten weder die Zeit noch die Entfernung seine Sehnsucht nach diesem Ort zu schmälern. Er ging ins Erdgeschoss – in die Küche, die so aussah als hätte seine Großmutter sie eben erst, vor wenigen Minuten, zum Eier holen verlassen. Er kochte sich einen Espresso, ging wieder nach oben, öffnete die Doppeltüren die zum kleinen Balkon vor dem Schlafzimmer führten und trat ins Freie. Ein Vogel flog vom Dach und landete auf dem Ast direkt vor ihm. Es roch nach Sommer. Nach toskanischem Sommer. Völlige Stille. Dankbarkeit. Er nahm einen tiefen Atemzug, als wolle er all die Emotionen ins sich aufsaugen und nie mehr loslassen. All das Glück, das er in diesem einen Moment empfand. Denn er wusste, es würde nicht von Dauer sein.

Foto: by Thilo Reiter / pixelio.de

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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