"Mir wird Musik schnell zu laut und zu dicht"

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Die Musik von Schmieds Puls ist außergewöhnlich. Nicht nur, aber vor allem auch im österreichischen Kontext. Während sich derzeit angesagte österreichische Acts, mehr oder weniger gelungen, am musikalischen Erbe Österreichs abarbeiten, findet sich in der Musik von Schmieds Puls mehr als nur ein Hauch von Feist, Björk, Joni Mitchell oder Radiohead. Dazu kommt die Bühnenpräsenz der Songwriterin Mira Lu Kovacs, die das Kunststück vollbringt, zugleich schüchtern und überaus bestimmt zu wirken.
Ihre Lieder sind leise, zart und dennoch von einer immensen Intensität. Während im österreichischen Indie-Mainstream derzeit eher laute und wenig subtile Bands im Vordergrund stehen, sind die Lieder von Schmieds Puls zerbrechlich und von einer subtilen Direktheit, die sich unmittelbar von der musikalischen Klarheit der Lieder ableiten lässt. Dennoch wird die Band von FM4 geliebt. Zugleich wird sie aber auch von der österreichischen Jazz-Szene ernst genommen.
Warum das so ist und warum die Songwriterin der Band Mira Lu Kovacs das Leise und doch Direkte schätzt, erzählt sie in diesem Interview.
AFEU: Mich fasziniert vor allem, dass deine Musik eigentlich „einfach“ ist. Dabei hat sie aber Tiefgang und ist niemals langweilig.Wie gelingt dir das?
Mira Lu Kovacs: Mir wird Musik schnell zu laut und zu dicht. Nicht dass ich ein verschrecktes Häschen wäre. Überhaupt nicht! Aber es passiert sehr schnell, dass man, weil man hingerissen ist von einer Idee, übertreibt. Dann legt man Layer über Layer, hängt hier noch ein Schnörkel dran und dort noch eine besonders Phrasierung. Vielleicht noch Bläsersätze, Streicher, dick orchestrierte Arrangements.
Natürlich kann das wunderbar aufgehen. Ich fühle mich aber mehr der Schlichtheit und Direktheit der Dinge zugetan. Einem Satz, wenn er wichtig und essentiell ist, muss ich seinen nötigen Raum geben. Sonst kann es sein, dass er womöglich überhört wird. Ich muss einfach sichergehen, dass ich gehört werde. Das geht meiner Meinung nach leichter, wenn man vereinfacht anstatt alles pompös aufzublasen.

Mira Lu Kovacs live mit Schmieds Puls (Bild: Maximilian Meergraf)
Mira Lu Kovacs live mit Schmieds Puls (Bild: Maximilian Meergraf)

AFEU: Ich habe das Gefühl, dass es dir wichtig ist,  in Bezug auf Harmonien, Akkorde und Strukturen , nachvollziehbar zu bleiben. Zugleich merkt man aber auch, dass du nicht immer auf das Naheliegendste zurückgreifen willst. Stimmt das?
Kovacs: Ja, schon. Es ist aber auch nicht so, dass ich krampfhaft nach einer komplizierter Lösung suche. Ich klimpere oft mit meiner Gitarre herum und entdecke einen interessanten Akkord und einen witzige Griff. Es reizt mich sehr, wenn etwas ungewohnt klingt. Ich brauche aber meist gar nicht lange danach zu suchen.
AFEU: Spielt in dieser Hinsicht deine musikalische Ausbildung eine Rolle? Hast du irgendwann entschieden, intuitiver mit Musik umzugehen?
Kovacs: Meine Ausbildung tut im Grunde nichts zur Sache. Ich habe an der Uni natürlich etwas gelernt. Sogar sehr viel. Aber Songwriting habe ich dort nicht beigebracht bekommen.
AFEU: Spielt deine Ausbildung aber nicht dennoch eine Rolle? Du hast ja auch viel gehört, viel gelernt und weißt, was abgedroschen klingt!
Kovacs: Ich habe mir lange Zeit Druck gemacht etwas Neues zu finden und dabei besonders komplex zu komponieren und zu schreiben. Irgendwann hat es dann gereicht! Ich habe geschafft es einfach bleiben zu lassen. Es war damals wie ein Befreiungsschlag.

AFEU: Würdest du dich eigentlich überhaupt als Singer-Songwriterin bezeichnen? Es gibt in deiner Musik ja Einflüsse, die in eine andere Richtung deuten.
Kovacs: Dieser Begriff ist schwierig. Songwriting bedeutet sehr viele verschiedene Sachen. Genauso wie Pop und Jazz nicht auf Synths und schräge Harmonien beschränkt werden können.
AFEU: Wärst du glücklicher damit, wenn man dich eine Jazz-Musikerin nennen würde?
Kovacs: Nicht unbedingt. Was ist Jazz? Da gibt es einfach zu viel Verschiedenes. Jemand, der keinen Jazz hört wird möglicherweise sagen, dass Schmieds Puls jazzig klingt. Jemand der viel Jazz hört wird die Band hingegen vielleicht als poppig empfinden. Ich persönlich würde mich nicht als Jazz-Musikerin bezeichnen. Ich mache einfach zu viele Dinge, die in eine andere Richtung gehen.
Mira Lu Kovacs live im Porgy & Bess (Bild: Maximilian Meergraf)
Mira Lu Kovacs live im Porgy & Bess (Bild: Maximilian Meergraf)

AFEU: Interessant finde ich die Rezeption eurer und deiner Musik. FM4 ist genau so angetan wie sich Ö1 für euch interessiert. Liegt das daran, dass deine Musik grenzenlos und unzuordenbar ist?
Kovacs: Ja, das wäre schön. Unzuordenbar klingt fabelhaft! Aber darf ich nicht einfach Musikerin zu mir sagen? Ich schreibe Lieder, mit vermeintlich poetischen Texten und versuche mich als Sängerin und Gitarristin immer wieder herauszufordern.
Es ist jedenfalls nicht berechnet, dass wir von FM4 und ganz anderen Seiten gemocht werden. Eigentlich war es immer schwierig als „Nischen-Band“ zu existieren. Und das ist es auch weiterhin. Generell sind laute, Laune-mach-Bands viel leichter zu vermarkten und daher besser gebucht. Ich fühle mich aber dennoch sehr wohl in meiner Nische.
AFEU: Ich höre bei dir jedenfalls sehr interessante Einflüsse heraus: Björk, Feist, Kate Bush, Joni Mitchell.
Kovacs: Schön, genau so ist es! Aber auch Radiohead und Massive Attack. Außerdem noch Nina Simone und Tom Waits. Cat Power ist ebenfalls toll und seit 1 – 2 Jahren höre ich wahnsinnig gerne Sachen wie z.B. Deerhoof.
AFEU: Das wirft natürlich die Frage auf, wie man von seinen Einflüssen hin zum Eigenen findet. Das ist ja gerade bei deiner Musik so interessant. Man hört die Einflüsse, aber auch ganz stark das Eigene.
Kovacs: Ich höre eigentlich generell gar nicht so viel Musik. Ich habe eher Phasen, in denen ich ein Album oder ein paar Songs in Endlosschleife höre. Das kann dann auch Monate dauern. Songs schreiben passiert bei mir in den entspanntesten, ruhigsten Momenten. Ich reise auch gerne. In den Zwischenphasen transformiert sich vielleicht das Gehörte und beeinflusst mich bewusst oder unbewusst. Der Rest ist Stille…
AFEU: Es geht also auch darum, die Dinge ruhen zu lassen, sie nicht zu forcieren?
Kovacs: Ich bin der Überzeugung, dass man so viel Inspiration von außen gar nicht benötigt. Sonst wären wir KünstlerInnen ja reine KompostiererInnen.
Es muss auch gar nicht immer andere Musik sein, die einen inspiriert. Mich inspirieren und interessieren auch Menschen, Tage, Farben, Wetter. Es kommt aber sicher einiges von außen, so funktioniert der Mensch natürlich. Deswegen ist Stille ja so faszinierend und schön. Man lernt dabei vielleicht „sich selbst“ zu hören.

AFEU: Mich würde interessieren, wie du grundsätzlich mit Einflüssen von Außen umgehst.
Kovacs: Ich bezweifle generell, dass Menschen Eindrücke aufsaugen und dann wieder „ausscheiden“, was sie daraus gebastelt haben. Manche Dinge berühren bestimme Menschen gar nicht. Ein anderer wiederum findet darin viel oder leidet darunter. Ich fände es schade, wenn ich nur aus meinen Eindrücken bestünde!
Ich beobachte Menschen. Mich selbst und meinen Umgang mit ihnen. Und ihren Umgang mit mir.
AFEU: Die Betonung liegt dabei auf „Ich beobachte“. Du als „Ich“ machst dir einen Reim darauf, was um dich passiert.
Kovacs: Genau. Natürlich ist das alles sehr subjektiv.
AFEU: Findest du es wichtig, dass eine Songwriterin oder ein Songwriter diese subjektive Haltung einnimmt?
Kovascs: Die klassische Songwriterin ist ja Geschichtenerzählerin. Das kann man nur subjektiv machen, oder? Dadurch gebe ich natürlich viel von mir preis. Ich sehe das aber nicht als Verlust, sondern als ein „Offen-Sein“.
AFEU: Mira, danke für das Gespräch!
(Tourdaten der  Band findet man auf ihrer Homepage)

Titelbild: Maximilian Meergraf

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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