Plattenzeit #5: Mahan Esfahani – Time Present and Time Past

9 Minuten Lesedauer

Das Cembalo und die gähnende Langweile


Dem Cembalo sagt man ja viel nach. Aber eher weniger, dass es das Instrument schlechthin sei, um zeitgenössische Musik zu spielen und zu interpretieren. Wer an Cembalo-Konzerte denkt, der hat ein Bild im Kopf, bei dem in den ersten 10 Reihen ausschließlich grauhaarige Zuhörerinnen und Zuhörer sitzen und zwischendurch gemütlich ein bisschen einnicken.
Der Interpret der Musik, die sich primär um Bach & Co. dreht, hat die Blütezeit seiner Jugend ebenfalls schon ein paar Jahre hinter sich gelassen. Er selbst ist verzückt von seiner möglichst werkgetreuen und historisch korrekten Spielweise des Stückes.
Das Publikum, bildungsbürgerlich und sachkundig, schätzt diese historisch korrekte Aufführungspraxis und quittiert die Darbietung, da im richtigen Augenblick beim ersten Klatschen wieder wach geworden, mit adäquat zurückhaltendem, aber sehr wohlwollendem Applaus. Dazu mischt sich meist ein gekonnt verstecktes Gähnen. Schließlich ist es schon nach 22:00 Uhr und langsam sollte man dann doch an Schlaf denken. Gäbe es die Kategorie „einschläfernde Konzerte“ im Lexikon, wäre bei dieser wohl ein direkter Link zum Thema „Cembalo-Konzerte“ gesetzt.


Mahan Esfahani – und was in Köln wirklich geschah


Was bitte sehr muss passieren, damit man als Interpret bei einem Cembalo-Konzert den Zorn des Publikums auf sich zieht? Sehr viel. Vor allem muss einem das als Cembalist erst einmal gelingen. Man darf sodann annehmen, dass die Ästhetik des Interpreten denkbar weit weg ist von den ästhetischen Vorstellungen des hier skizzierten Publikums.
Dem iranisch-stämmigen und in Prag lebenden Cembalisten Mahan Esfahani ist in Köln vor einigen Wochen etwas passiert, das bis dahin bei Cembalo-Konzerten undenkbar war. Das Publikum war wütend. So wütend, dass nicht nur die Cembalo- und Alte-Musik-Fachpresse über dieses Konzerte berichtete. Die „Welt“ machte sich Gedanken über die Verrohung der Sitten des Publikums, an manch anderem Ort wurde gar von Rassismus gesprochen. Schließlich fiel ja die Formulierung „Reden Sie Deutsch“, als Esfahani auf Englisch die Frage stellte, wovor das Publikum denn bitteschön Angst hätte.
Was genau war passiert? Dieser Esfahani hatte es sich erdreistet, in einem Programm nicht nur Bach, sondern auch Steve Reich zu spielen. Das knapp 20-minütige Stück „Piano Phase“ führte zu zunehmender Unruhe, zu wütenden, den Saal verlassenden Gästen – und in Folge eben zum Eklat, der es dem Cembalisten verunmöglichte, das Stück zu beenden.
Nun müssen wir davon ausgehen, dass niemand, der diesen Text liest, bei diesem „Skandal“ live dabei war. Aber wir haben die grandiose Aufnahme „Time Present and Time Past“ vorliegen, auf welcher „Piano Phase“ zu hören ist. Esfahani höchst persönlich hat es für Cembalo arrangiert und bearbeitet.
Wer das Stück hört, der weiß augenblicklich, was das Publikum damals aufgebracht haben könnte. Es ist ein radikales Stück Musik, auch wenn das Konzept der Minimal-Music mittlerweile ein alter Hut und weitum bekannt ist. Es geht darum mit wenigen Noten und kleinen Akzentverschiebungen eine Art von „Dauerloop“ zu erschaffen, der das Ohr dazu zwingt, auf die kleinen Veränderungen und Verschiebungen zu hören, auf die Details zu achten.
Die Interpretation von Esfahani ist radikal, weil sie die möglicherweise als gemütlich wahrgenommen „Endlos-Schleife“ dieses Stücks zu einer insistierenden, auf sich beharrenden und fast schon beklemmenden Situation werden lässt. Zeit wird relativ. Man weiß nicht, ob man dem Stück jetzt schon 2 Minuten oder 10 Minuten lauscht. Zeit verschwimmt, Töne gehen ineinander über. Man verliert die Orientierung. Das Stück suggeriert Momente der Ausweglosigkeit und der Auflösung des Subjektes in einer immer komplexer werdenden Zeit. Das Stück wirkt komplex, obwohl es vom Notenumfang her höchst einfach ist.
Die restliche Platte ist von Aufnahmen von Scarlatti, Górecki , J.S. Bach und Geminiani geprägt. Auch bei diesen Stücken geht es Mahan Esfahani nicht um die historisch „korrekte“ Interpretation, sondern um die Vergegenwärtigung dieser Kompositionen. Im Booklet der CD merkt er an: „Daniel Kidane has taught me more than most, that good music is, indeed, out of time and out of place.”
Eine logische und verständliche Aussage, die im Kontext von Cembalo-Konzerten aber durchaus revolutionär anmutet. So ist von ihm ebenfalls zu lesen: „Als jemand, der sich aus Berufung für das Leben als Cembalist entschieden hat, werde ich häufig mit allen möglichen Theorien über historische Aufführungspraxis und Authentizität konfrontiert, was falsch und was richtig ist und was angeblich nicht dazugehört. Ich sehe meine Aufnahmen als eine Möglichkeit an, das alles zu entkräften.“
Es geht somit um ein anderes Zeitverständnis, bei dem sich Begriffe wie „Damals“, „Heute“, „authentisch“ und „nicht authentisch“ weitestgehend auflösen. Es geht vielmehr um Aufrichtigkeit, um Emotionen, um den unmittelbaren Ausdruck, welches das jeweilige Werk im Hier und Jetzt braucht. Der Sprung von Scarlatti bis Reich ist bei einer solchen ästhetischen Haltung nicht groß, sondern nur eine Frage des richtigen Spannungsbogens auf einem Album und in einer Programmgestaltung.
Während viele barocke Werke tänzeln, sich um ein Motiv bewegen und dieses immer weiter verzweigen und weiterspinnen, bildet Steve Reich einen Gegenpol dazu. Das Stück entwickelt sich gänzlich anders, weniger tänzerisch, sondern moderner, zeitgenössischer. Während einem bei Scarlatti Szenen am Hofe einfallen, denkt man bei Reich an die sich wiederholenden und sich doch stetig leicht verändernden Geräusche der Großstadt. Womöglich könnte man diese Differenz im Heute mit der Hektik und Ausweglosigkeit der molochartigen Großstadt gegenüber der vermeintlichen Idylle des Landes übersetzen.


Fazit


Mit einer solchen Programmgestaltung spannt Mahan Esafahani Bögen über Epochen, Stilrichtungen und unterschiedliche Konzepte. Er kontrastiert sie, stellt sie gegenüber und geht nie in die Falle der Beliebigkeit und der Modernität um der Modernität Willen.
Manch einer meint gar, sinngemäß, dass es diese eine Cembalo-Platte ist, die man im Heute unbedingt besitzen muss. Auch wenn man bei solchen Zuschreibungen skeptisch sein muss, ist da einiges dran. Die Platte ist geprägt von einer unglaublichen Musikalität, die Jahrhunderte federleicht stemmt, die Konzepte und Ideen dahinter jeweils ernst nimmt und sie mit unerwarteten Kompositionen und Werken in Bezug setzt.
Der Skandal in Köln war also definitiv nicht rassistisch. Womöglich aber kleingeistig und kleinbürgerlich. Esfahani nimmt sich musikalisch einiges heraus und lädt die Stücke wieder mit gegenwärtiger Energie auf. Das irritiert. Er holt sie aus der Schubladisierung und dem Nischen-Dasein für LiebhaberInnen heraus und macht sie mit stupender Virtuosität einem breiteren Publikum verständlich und zugänglich, ohne sie zu trivialisieren oder zu banalisieren. Ob das für einen Skandal reicht? Anscheinend.

Hier geht es zu der vorangegangenen Folge von "Plattenzeit"

Zum Reinhören



Titelbild: Bernhard Musil, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code