Plattenzeit #8: Metallica – Master Of Puppets

6 Minuten Lesedauer

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft


1993. „Master Of Puppets“ ist schon vor etlichen Jahren erschienen. Aber erst im Rahmen der Veröffentlichung des sogenannten „Black Albums“ drang die frohe Botschaft an mich heran, dass es von dieser Band noch mehr gäbe. Irgendwie härter sei das frühere Zeugs. Nicht so wie das weichgespülte „Black Album“. Der Produzent, Bob Rock, hätte den Sound von Metallica verwässert. Hassenswert sei dieser Mensch. Statt simpler Rock-Riffs wie auf „Enter Sandman“ wäre damals noch die Metal-Lehre des Guten, Wahren, Schönen und Harten an erster Stelle gestanden.
Man schleicht sich in den Plattenladen. Unter „M“ findet sich schnell ein Album, das den Titel „Master Of Puppets“ trägt. Das Cover ist für einen 14-jährigen ganz schön Metal. Hart, wild, tollkühn. Kreuze sind darauf zu sehen. Und Fäden. Und eine Hand. Damit soll wohl symbolisiert werden, dass wir alle kontrolliert werden, sogar bis in den Tod hinein. Kein Ausweg nirgends, quasi.
Auch um Drogen soll es auf der Platte gehen. Zumindest wurde mir das mit vorgehaltener Hand so zugeflüstert. Von wegen Abhängigkeit und so. Auch Krieg ist ein Thema. Das System fickt uns eben alle und frei von Abhängigkeiten und Süchten ist sowieso niemand. Verflucht noch mal, ich muss mich endlich aus der Abhängigkeit meiner Eltern lösen und ausziehen. Am besten mit Gleichgesinnten zusammen. Es wird Zeit. Diese Platte könnte der Soundtrack meiner Unabhängigkeits-Bestrebungen sein.
Die ersten Sekunden beginnen zögerlich. Mit zwei Akustik-Gitarren. Dann bricht die Hölle los. Ein schnelles Riff setzt ein, James Hetfield keift: „Lashing out the action/ Returning a reaction/ weak are ripped and torn away//”. Das sitzt. Fesselt mich. Zur damaligen Zeit war „Battery“ das härteste Lied, das ich mir nur irgendwie vorstellen kann. Ich muss nicht weiterhören. Ich nehme die CD aus dem Player, geben sie wieder in die Hülle, gehe zur Kasse und bezahle. Es sollte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, ja Liebe sein.
Wochen später sitze ich zuhause. Mit meiner ersten Gitarre in der Hand. Vor mir das Songbook zu „Master Of Puppets“. Mangels Notenkenntnissen mit den Tabulatoren des Titelliedes beschäftigt. Ich scheitere kläglich. Zum wiederholten Male. Zu schnell, zu kompliziert, zu vertrackt. Hetfield und Hammet sind Götter. Unerreichbar und von einer anderen Galaxis. Ich nehme die Gitarre und spiele wieder den Anfangs-Riff von „Enter Sandman“. Ich bin gekränkt, zugleich aber auch voll Ehrfurcht vor der Genialität dieser Musiker.


Die Zäsur


Wenn es jemals eine Zäsur gegeben hat, dann diese. In diesem Jahr wurde deutlich, dass ich weiß, dass ich nichts kann und auch niemals können werde. Wer es nach Wochen nicht mal schafft, den Riff von „Master of Puppets“ im richtigen Tempo fehlerfrei zu spielen wird eher keine Profi-Karriere als Musiker anstreben. Der muss sich fortan darauf verlegen, über Musik zu schreiben.
Dennoch schrieb ich damals noch nicht. Sondern redete. Über Metallica. Besuchte Konzerte. Gab in Gesprächen vor, dass ich selbstverständliche die ganze „Master Of Puppets“ von hinten bis vorne im Schlaf spielen könne. Schließlich sei das ja nicht wirklich nichts Besonderes. Slayer, das sei wirklich schwierig. Aber diese Kinder-Riffs von Metallica. Ich bitte euch.
Auch heute noch befinden sich die Songbücher von „Ride The Lightning“ und „Master Of Puppets“ in meinem Büro. Versteckt. Irgendwo wo sie niemand findet. Verborgen hinter wissenschaftlichen Büchern. Dort warten sie auf mich und von Zeit zu Zeit krame ich sie heraus. Blättere darin. Nachspielen kann ich die Tracks nicht, meine E-Gitarre ist längst verkauft. Zärtlich fahre ich aber über die Tabulatoren von „Battery“.
Sie enthalten ein Versprechen. Sie verraten etwas über einen Scheideweg in meiner Musikkarriere. Diese Songbücher herauszuholen und dazu „Master Of Puppets“ aufzulegen ermöglicht eine temporäre Rückkehr zu den Sachen an sich. Zum „Ding an sich“. Zu dem, das einfach so ist, wie es ist. Keine Meta-Ebene weit und breit, keine Analyse, keine Einschätzung, keine Bewertung.
Mehr als das. Dieses Album enthält vor allem das Versprechen nach Direktheit, Klarheit und nach der nahe liegenden Entscheidung. Im Zweifel für den Powerchord. Vertrackte Strukturen, Jazz-Akkorde oder ähnlichen Schnick-Schnack braucht hier niemand. Klar, gerade heraus, auf den Punkt gespielt. Das kam so später nie wieder. Der Wunsch nach dem Nicht-Naheliegenden wuchs und wuchs. Der Powerchord war nicht mehr genug. Damit hatte das Unheil seinen Anfang genommen.

Hier geht es zu der vorangegangenen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören



Titelbild: (c) Fin Costello, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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