Blasmusik: Etwas für partywütige Hedonisten und Leistungsfanatiker!

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Was ist das aber überhaupt, diese Blasmusik? Ganz sicher nicht eine Musikrichtung, die sich durch gemeinsame ästhetische Eigenschaften beschreiben ließe. Eines ist aber deutlich: Blasmusik bedeutet sehr vielen Menschen etwas. Und diese Menschen zeichnen sich nicht immer durch großzügig bemessene Ironie-Fähigkeit aus. Auf der objektiven Ebene muss ich aber feststellen, dass die Reaktionen auf meinen letzten Text über Blasmusik vor allem auch eines gezeigt haben: Wer Blasmusik auf ganz konkrete Eigenschaften reduziert, wenn auch ironisch gebrochen, wird vehementen Widerstand ernten. Ich hatte also gar keine andere Wahl. Die letzten Tage standen im Zeichen der Blasmusik.
Zuerst einmal muss ich es klarstellen: Ja, ich mag Blasmusik! Vor allem auch deshalb, weil ich meine ganzen Vorurteile in Bezug auf diese Musikform vor einigen Jahren, auch dank der Innsbrucker Promenadenkonzerte, über Bord werfen konnte. Seitdem ist für mich die Blasmusik kein klar definiertes Genre mehr, sondern vielmehr ein System, ein ganz konkretes Verfahren in diesem.

Für mich ein Ort der Magie und des musikalischen Anspruchs: Die "Innnsbrucker Promenandenkonzerte (Bild: www.promenadenkonzerte.at)
Für mich ein Ort der Magie und des musikalischen Anspruchs: Die „Innnsbrucker Promenandenkonzerte (Bild: www.promenadenkonzerte.at)

Einfach gesagt: Man nehme ein wenig klassische Musik, Musik aus der Renaissance-Zeit, das eine oder andere Musical – oder was weiß ich was – und gebe es in die Hände eines guten Bläser-Ensembles. Heraus kommt dabei im besten Fall etwas, das am Abend bei schönem Wetter bei den „Innsbruck Promenadenkonzerten“ als magisch bezeichnet werden könnte. Probiert es selbst aus und stellt fest, dass es bei „guter“ Blasmusik eigentlich keine Genre-Grenzen gibt. Vielmehr ist „Blasmusik“ eben nur die Beschreibung der Spielweise und Spielart, weniger des Repertoires an sich. Bis hin zu Mozart oder gar J.S. Bach  ist dabei alles denkbar, machbar und spielbar.
In dieser Art von Blasmusik geht es dann natürlich viel um „Leistung“ und um Können. Eigene Wettbewerbe haben die Funktion, das virtuoseste, beste und stärkste Blasmusik-Orchester zu küren. Folglich sind die Orchesterleiter auch stolz auf diese Auszeichnungen und nehmen diese Auszeichnungen gerne als Beweis der Qualität ihres Orchesters. Ein bisschen fremd erscheint mir dieses Leistungsdenken schon.
Ja doch: Blasmusikkonzerte stehen manchmal auch für musikalischen Anspruch! (Bild: www.promenadenkonzerte.at)
Ja doch: Blasmusikkonzerte stehen manchmal auch für musikalischen Anspruch! (Bild: www.promenadenkonzerte.at)

Aber es ist verständlich, zumal die Blasmusik ja auch mit dem Problem zu kämpfen hat und zweifellos immer noch zu kämpfen hat, dass sie in manchen Dörfern eher ein soziales als ein musikalisches Erlebnis ist. Zur Blasmusik schicken einen die Eltern, weil es immer noch besser ist als Drogen zu nehmen oder zu saufen. Weniger deshalb, weil man das große musikalische Talent des Sohnes oder der Tochter entdeckt hat und hofft, dass dieses unter der fachmännischen und hoch musikalischen Hand des Orchesterleiters zur Blüte kommen möge.
Ein Ausweg aus dem Dilettantismus-Vorwurf, der sich zum Teil zu Recht in Bezug auf die ländliche Blasmusik erheben lässt, ist also die Professionalisierung, die Teilnahme an Wettbewerben mit anderen Orchestern, die es auch wissen wollen und denen es offenbar nicht mehr genügt, dass Blasmusik die Ausrede sein kann, um sich nach einem Konzert bereits vormittags zu betrinken.
Ich habe bereits beides erlebt: Das Blasmusik-Ensemble bei dem die Bierkiste auf der Bühne bereits griffbereit stand. Ich habe aber auch schon Blasmusik-Konzerte erlebt, welche in Sachen Virtuosität locker mit einer sehr guten Jazz-Big-Band mithalten konnten. Im allerbesten Falle waren beide Ebenen vereint: Die Lockerheit und Unbedarftheit der dörflichen Blasmusik-Kapelle und die Ernsthaftigkeit und Professionalität eines an Wettbewerbe und musikalischen Vergleich gewöhnten Orchesters.
Dennoch halten sich die Vorurteile die Blasmusik betreffend überaus hartnäckig, vor allem auch bei einer sich als urban und intellektuell gebenden Bevölkerungsschicht.
Diese hat allerdings einen anderen „Ausweg“ gefunden, um die Blasmusik dem Vorwurf der Provinzialität und des Dilettantismus zu entreißen: Die Blasmusik-Kombo, die sich in ironischen Brechungen und absoluter stilistischer Offenheit gefällt.
Nachdem ich bereits am Mittwoch beim Konzert der Stadtmusikkapelle Landeck“ unter anderem sehr gut gespielte Renaissance-Musik erlebt hatte, verschlug es mich am Freitag nach Kufstein. Dort sollten „La Brass Banda“ auf der Festung Kufstein spielen. Klang ja nicht schlecht: Festung als tolle Konzertlocation, Wetter auch hervorragend, Musik offenbar stimmungsvoll, mitreißend und zum Partymachen und Feiern animierend. Sollte also ein guter Kontrast zu der „Stadtmusikkapelle Landeck“ werden, bei der ich sehr selten das Bedürfnis verspürte aufzuspringen und zu tanzen. Auch die Idee zu deren Musik mit zu klatschen oder die eigene Begeisterung lauthals in die Abendstimmung hinauszubrüllen war wenig nahe liegend.
Kein Respekt, nirgends: La Brass Banda in Kufstein
Kein Respekt, nirgends: La Brass Banda in Kufstein

Anders bei „La Brass Banda“. Stimmung: Hervorragend. Ausgelassen. Publikum: Überaus gemischt. Leute, die selbstbewusst und mit einer neuen Selbstverständlichkeit Lederhosen und Dirndl trugen trafen auf Menschen, die mit dem ländlichen Raum und deren Musik an sich wenig zu tun hatten. „La Brass Banda“ vereint offensichtlich ländlich geprägte Traditionalisten und urbanes Publikum, dem nichts heilig ist. Möglicherweise ist genau das der Grund des Erfolges: Quasi respektlos und ohne Berührungsängste wilderten „La Brass Banda“ durch Genres, die man ansonsten kaum in Verbindung mit Blasmusik bringen würde: House, Techno, Reggae, Ska und noch einiges mehr.
Das ergab alles zusammen ein tanzbares und hochenergetisches Musik-Gebräu, auf das sich scheinbar alle einigen konnten. Auch mitklatschen, anfeuern des Publikums und Begeisterungsstürme waren bei dieser Auslegung von Blasmusik absolut kein Problem mehr. Menschen mit Traditionshintergrund waren dabei selig vereint mit dem aufgeklärten, städtischem Publikum, bei dem Blasmusik ansonsten wohl eher nur als durchironisierter musikalischer Gag durchgeht. Meine Vermutung: „La Brass Banda“ kamen und kommen so gut bei den unterschiedlichsten Zielgruppen an, weil sie ihre musikalischen „Respektlosigkeiten“ mit enormen Können und Leidenschaft zelebrieren und untermauern.
Das alles ermöglicht es, diese Musik auf zwei Ebenen zu rezipieren: Entweder ironisch gebrochen mit der Blasmusik als ironisiertes „Material“, das Einzug in einen tanzbaren Popmusik-Entwurf hält. Oder eben als Blasmusik, die sich nicht um Genre-Grenzen kümmert und das „Genre“ Blasmusik damit mit neuer, jetziger und zeitgenössischerer Energie auflädt.
Coole Jungs, die auch die Lederhose wieder tragbar machen: La Brass Bands (Bild: Gulliver Theis)
Coole Jungs, die auch die Lederhose wieder tragbar machen: La Brass Bands (Bild: Gulliver Theis)

Im letzteren Falle ist das dann Musik, die Menschen dazu ermutigt wieder Tracht zu tragen. Schließlich ist jetzt die Konnotation eine andere. Irgendwie ist es mit dieser Musik als Soundtrack jetzt cooler und lässiger. Schämen für die Tracht war gestern, dazu haben wohl auch Bands wie „La Brass Banda“ beigetragen. Das ist natürlich löblich und durchaus eine anerkennenswerte Leistung.
Bei mir selbst bemerkte ich allerdings eine ganz eigenartige Reaktion: Ich sehnte mich zurück in den Innenhof der Hofburg, zu den Innsbrucker Promenadenkonzerten. Ich wollte lieber statt Blasmusik mit Ska- und Reggae-Einflüssen ein Blasmusikorchester hören, das J.S. Bach oder Mozart in einer Transkription für Bläser-Ensembles zum Besten gab. Dieser ganze Hedonismus von „La Brass Banda“ blieb mir überraschend fremd.
Mich begeisterte zwar ihre Spielfreude und ihre Beweglichkeit was Genres und Einflüsse anbelangte, restlos überzeugt hat mich ihr hybrides Musik-Gemisch aber nicht. Lag es an mir? Wurde ich alt? Kulturpessimistisch? Gar konservativ? War es wirklich schon so weit, dass ich einen gediegenen Abend mit anspruchsvoller Blasmusik einem Abend mit Party, Hedonismus und Alkohol vorzog? Offenbar.
Als ich mich von der Festung Kufstein wieder in Richtung Bahnhof aufmachte begleitete mich vor allem eine Frage: Was ist das nun wirklich, diese Blasmusik? Gibt es wirklich nur diese beiden Auslegungen? Ist sie Musik für Leistungsfanatiker, also von ambitionierten Orchester-Leitern, die das Blasmusik-Orchester unbedingt musikalisch professionalisieren möchten? Oder ist sie andererseits eben Musik für Leute, welche die gepflegte und ausgelassene Party schätzen?
Ich habe bis heute noch keine überzeugende Antwort auf die Frage, was Blasmusik nun wirklich ist. Vielleicht ist die Frage auch falsch gestellt und vielleicht ist dieses ganze Suchen nach dem „Wesen“ einer Musikrichtung auch nur Zeitvergeudung. Eines ist aber schon mehr klar: Blasmusik ist nicht eins, sondern viele. Ich würde weitere Abend mit Blasmusik im näheren und weiteren Sinne verbringen müssen, um zufriedenstellende Antworten zu finden.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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