9/11: Welche Fragen wir uns 15 Jahre danach stellen müssen

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Verschwörungstheorien ranken sich um diesen Tag. Verschiedenste Perspektiven und Erzählungen werden von einer Unzahl an Erzählenden eingenommen. Manche davon sind dem Bereich der Mythen und Märchen zuzuordnen.
Es ist verständlich, dass sich nach einem so einschneidenden und tragischen Ereignis Sinn-Konstrukte und Kausalitäten heraus kristallisieren. Die USA hätte den Anschlag selbst inszeniert oder zumindest mitfinanziert. Schließlich kam ihnen ein solcher Anschlag sehr entgegen, wenn es um die Legitimation ging endgültig einen Krieg gegen den Terror heraufzubeschwören.
Zumindest die Kausalitäten sind zwingend. Da dem Anschlag am 11.09.2001 ein Militäreinsatz der USA folgte war der Weg geebnet unter dem Vorwand der Terror-Bekämpfung fortan Länder zu bekämpfen, die sich zu der „Achse des Bösen“ zählen ließen. Mit dieser Zuschreibung erschuf George W. Bush homogene „Schurkenstaaten“, die sich am besten als homogene Blöcke denken ließen, in denen die Gesamtheit der Bevölkerung mit terroristischem Gedankengut verseucht war.
Wer die Wurzel des Bösen bekämpfen wollte, musste nicht die progressiven Kräften in den jeweiligen Staaten stärken, sondern musste einen grundsätzlichen Wandel herbeiführen. Mit Gewalt. Denn mit den solcherart gebrandmarkten, homogenisierten, verteufelten und von jeglicher „Gutheit“ ausgeschlossenen „Völkern“ ließ sich ab sofort nur mehr sehr bedingt reden und verhandeln.
Neben dem bestens funktionierenden, rhetorisch konzisen Ausschließungsapparat ließ sich außerdem noch bemerken, wie brillant die Inszenierugsmaschine bereits kurz nach den traumatischen Anschlägen funktionierte. In bester Hollywood-Manier zeigte man Flugzeuge in Zeitlupen-Aufnahme. Wenig später wurden diese Szenen, die sich ins kollektiven Gedächtnis des Westens einbranten, mit dem Enya-Song „Only Time“ untermalt.
Wer zu besagten Zeitpunkt nicht in New York war und keine Betroffenen persönlich kannte, bekam somit „nur“ die Bilder dieser Anschläge frei Haus auf seinen Fernseh- oder Laptop-Bildschirm geliefert. Es blieb wenig von der tatsächlichen Wucht der realen Ereignisse in New York. Die emotionale Betroffenheit wurde nicht durch das eigene Involviert-Sein und durch das direkte Betroffen-Sein, etwa durch die Tatsache dass Verwandte oder Bekannte im Gebäude waren, erzeugt, sondern durch Bilder, die, mittlerweile perfekt geschnitten musikalisch richtig untermalt und in Szene gesetzt, Betroffenheit erzeugen sollten.
Nachdem der „Westen“ also, symbolisiert durch die einstürzenden Towers, in seiner Gesamtheit getroffen und betroffen war fuhr er sämtliche Geschütze auf, die ihm zur Verfügung standen. Und damit ist nicht die militärische Gewalt gemeint.
Nach kurzer Zeit wurden die bereits genannten sprachlichen Ausschlüsse vollzogen, die in der Folge zu realen Ausschlüssen und Stigmatisierungen ganzer Staaten führten. Damit inszenierte sich der „Westen“ als Raum der Aufklärung, des Guten und der Wahrheit. In anderen Ländern hingegen war das „Böse“ schlechthin zu Hause, das anti-aufklärerische, das unsere „westliche“ Weltordnung bedrohte.
Weiters zeigte sich unsere Art, wie wir Ereignisse auf „westliche“ Art inszenieren und rezipieren. Es wäre auf Dauer unmöglich gewesen, diese furchtbaren Ereignisse und Bilder ohne filmische und akustische Kunstgriffe durch die Medien über die ganze Welt zu verteilen. Wir wären an der unfassbaren Brutalität dieses Ereignisses verzweifelt. Spätestens mit dem Pathos des Enya-Songs wussten wir die Ereignisse richtig einzuordnen. Ja, die Ereignisse sind furchtbar. Aber die Zeit wird die Wunden schon ein wenig heilen. Wir können außerdem ähnliche Film- und Bild-Erlebnisse abrufen und sind damit in der Lage, die grauenvolle Realität dieser Anschläge ein wenig weniger real werden zu lassen. Sie lässt sich in das Bild-Repertoire einsortieren, das wir bereits kennen.
Das alles führt uns zu zwei bemerkenswerten, widersprüchlichen Erkenntnissen. Wenn sich der „Westen“ nach diesen Anschlägen als ein Ort der Aufklärung, des Guten und der Wahrheit inszenierte, dann wurde dieses Inszenierung und Positionierung schnell damit konterkariert, dass Georg W. Bush und seine Regierung im Zusammenhang mit möglichen Waffen in und Angriffs-Gründen auf sogenannte „Schurkenstaaten“ mehrmals gelogen hat. Spätestens seitdem strauchelt der „Westen“ als Ort der Wahrheit und seine Perspektiven und Beweggründe werden mehr und mehr angezweifelt.
Außerdem ist die nachträgliche mediale Inszenierung der Anschläge per se anti-aufklärerisch. Die Bilder zielten nicht auf Erkenntnis oder Wahrheit ab, sondern auf Überwältigung, Pathos und Tränen. Es war kein Anliegen, dass nach der ersten Betroffenheit nach den Hintergründen gefragt werden sollte. Es sollten Ressentiments geschürt werden, die, gespeist aus der Trauer, schnell in irrationale und übermäßige Wut gegen die Urheber dieses Verbrechens umschlagen. Zusätzlich dazu tat die sprachliche Inszenierung ihr übrigens und ließ den Hass auf die einzelnen Täter zu einem Hass auf das Land und Regime übergehen, aus dem diese stammten und von dessen Ideologie sie infiltriert waren.
Wir müssen also ganz klar unseren „westlichen“ Blick in Frage stellen oder zumindest dessen Bedingungen und Beschränkungen offen legen. Wir müssen wachsam sein, wie unser Blick gelenkt wird und wie unsere „Wahrheit“ inszeniert wird. Nur dann kann sich der Westen als wahrhaft aufgeklärt betrachten.

Titelbild: (c) Robert J. Fisch, flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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