Photo by Kon Karampelas on Unsplash

Der Tag an dem Karl I. zum Rassisten wurde

4 Minuten Lesedauer

Am Ende war das Wort. Und das Wort war bei Karl und Karl war das Wort. Er hat nicht gesündigt in Gedanken, Taten und Werken, dafür aber umso mehr in Worten. In gewissen Kreisen wiegt das Wort bekanntlich mehr als die Taten. So kam es auch, dass er über seine Worte stolperte und seine Taten gegen diese nicht aufgerechnet wurden.

Bekundungen von Unternehmer-Freunden und Wegbegleitern, dass er ein guter Geschäftsmann sei und sich bis dahin sehr gut in seiner Funktion um die damit verbundenen Anliegen gekümmert hatte, halfen nichts. Die Forderungen, dass seine Worte Konsequenzen haben sollten wurden stetig lauter. So laut, dass er aufgrund dieses Gegenwindes strauchelte, dann fiel, und dann seine Funktion niederlegte.

Die Menschen, die diesen Gegenwind verursacht hatten, jubelten laut. Endlich war einer gefallen, der die von dieser Gruppe definierten Sprach- und Moralgrenzen überschritten hatte. Allein dadurch war die Welt schon zu einem etwas besseren Ort geworden. Kollateralschäden wurde dabei bewusst in Kauf genommen. Etwa solche, dass das bisherige Tun eines Funktionärs auf wenige Sätze zusammenkürzt wurde und die damit verbundene Zeit ganzheitlich mit einem Rassismus-Vorwurf überzogen ist.

Einstige Bekannte, die von seinem Einfluss profitierten, wandten sich plötzlich ab und stimmten in den Chor der Gegner ein. Wegen politischem Kleingeld und weil sie zwar anders gekonnt hätten, aber trotzdem nicht anders konnten. Weil dann die Macht-Mechanismen des Meinungsdiktats sie allzu hart getroffen hätten und sie entweder mit Ignoranz, Unverständnis oder gar Ausschluss aus dem alles einigenden Diskurs bestraft worden wären.

Dann doch lieber sicherheitshalber ein Opfer bringen. Ein Opfer, welches man nicht selbst bringen muss, sondern das sich in einer Person und seiner vermeintlich untragbaren Haltung findet. Mit dem Hinzeigen auf die Haltung dieser Person bestärkt man zugleich auch schon die eigene, moralisch richtigere Position. Man betätigt dadurch, dass man zu den Menschen mit der richtigen Haltung und der richtigen Moral gehört.

Man ging als Gruppe gestärkt aus diesem Kampf hervor, der sich zunehmend auf die symbolisch-sprachliche Ebene verlagert. Sprache schafft schließlich Realität. Und das Außen des Sprechens und Schreibens ist der innerste Ausdruck des gedanklichen Innenlebens des Schreibenden und Denkenden. In dieser Logik war Karl I. überführt eigentlich ein Rassist zu sein. Bisher hatte er diese Tatsache in seinem Berufsleben und in seinen sonstigen Funktionen ganz einfach nur gut tarnen können.

Ja, Sprache schafft Realität. Der sensible Umgang mit ihr ist wichtig. Aber Sprache verschleiert auch. Weil es, im Gegensatz zu hermeneutischen Annahmen, im Heute schwierig geworden zu ihrem wahren, gemeinten Kern und damit zur eigentlichen Autor-Intention vorzudringen. Die Suche nach dieser „Wahrheit“ hätte im Fall von Karl I. zumindest weitere sprachliche Äußerungen von ihm und andere nichtsprachliche Realitäten und Praktiken rund um ihn und seine Person beinhalten müssen.

So bleibt nur der berechtigte Verdacht, dass diese „Wahrheitssuche“ von der genannten Gruppierung bereits vollständig gekappt wurde. Und es eben vor allem darum geht zu belegen, dass man selbst als politisch klar definierte Gruppe a priori im Besitz ebenjener ist.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Vorheriger Text

Das-Pensionisten-Paradoxon

Nächster Text

Die gute alte Zeit

Aktuelles aus Kategorie

Volles Programm

Was heben Nikolae Ceausecu, Margot Honecker und Erich Mielke gemeinsam? – Sie