(c) Helmuth Schönauer

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Was heben Nikolae Ceausecu, Margot Honecker und Erich Mielke gemeinsam? – Sie haben alle keine Pension erlebt und starben deshalb baff, verbittert und gekränkt. Dennoch sind es gerade die sogenannten Irrläufer der Geschichte, von denen man am meisten lernen kann.

 Vom rumänischen Diktator ist uns sein Hinrichtungsgesicht in Erinnerung. Er hat es bis zum letzten Atemzug nicht geglaubt, dass die ihn erledigen, obwohl er doch noch gar nicht in Pension war. Grinsend winkte er bis zuletzt vom Balkon in Bukarest und glaubte an den Ausfall der Lautsprecheranlage, weil die da unten im Dezember nichts mehr verstehen konnten. Schöner Nachruf übrigens: Seine Hinrichtung war sein letzter Staatsakt!

 Margot Honecker fühlte sich bis zum letzten Augenlidschlag als Volksbildungsministerin, die noch ein aktuelles Bildungsprogramm laufen hatte. An Pension war nicht zu denken. Freilich war es von Chile aus schwierig, ein Volk zu bilden, dessen Staat (DDR) gar nicht mehr vorhanden war. Aber man muss ihr rechtgeben, wer einmal in der Bildung tätig ist, muss diesen Auftrag bis zum Tode durchhalten. Ihr Gesicht im Todeskampf ist verbittert, aber sie schreibt ihren Zorn dem Volk zu, das sie verlassen hat, nicht der Krankheit, die stattdessen gekommen ist. 

Erich Mielke hingegen wird gerade vom Parlament ausgepfiffen, das ihn nicht mehr haben möchte. Er ruft den berührenden Satz ins aufgebrachte Forum: Warum? Ich liebe euch doch alle! Die Insassen in den Stasi-Gefängnissen halten diese aktive Liebe des rüstigen Achtzigjährigen für etwas übertrieben, manche sind schon so zusammengeschlagen, dass sie scheinbar freiwillig zugeben, dass Mielke ein toller Typ ist. 

Diese drei Beispiele vom Versinken eines implodierten Systems zeigen uns gewöhnlichen Menschen von einem anderen System-Stern, dass es auf jeden Fall schlecht ist, wenn man ohne Pension seinen Auftrag beendet. Dabei sollte man totalitäre Einsprengsel in der sogenannten freien Gesellschaft durchaus als Insider und Mitgestalter zur Kenntnis nehmen. 

Der Tourismus in Tirol etwa hat sich längst vom Land und seiner Bevölkerung so weit entfernt, dass die Touristiker schon rufen müssen: Wieso, wir lieben euch doch alle!
Ein bisschen Pension nach dem Gäste-Goldrausch würde jedem dieser abgestumpften und aufgekratzten Typen gut tun.

Aber auch im friedliebenden und anerkannten Beruf des Bibliothekars ist die Pension unbedingt notwendig, um sein Tun während der aktiven Zeit etwas zu relativieren. Ein guter Bibliothekar ist nämlich eine Mischung aus Ceaucescu, Honecker und Mielke und will die Leserschaft mit der Waffe zu den Büchern zwingen. Gute Leser hingegen entwickeln von Klein auf einen gesunden Widerstand, der schon mit dem Aufbegehren in der Volksschule beginnt, wenn wieder eine Zopftante oder ein Bartonkel mit einem Buch hereinspaziert. Aber auch das Tablet ist um nichts besser, Lesen stößt immer an den gesunden Menschenverstand. 

Jetzt mit der Seuche hat sich auch das allgemeine Lesen beruhigt. Es ist, als ob die Leser in Pension gegangen wären, um über den Scheiß nachzudenken, den sie sich ein Leben lang hineingezogen haben.
Die Buchhandlungen klatschen mit leeren Händen einen Applaus für ein hohles Gesicht zusammen, das sie zu einer Lesung eingeladen haben. Ein altes Augenpaar glänzt in Todesangst über der Maske heraus und muss dem Publikum gestehen, dass es eigentlich selbst das Buch für eine ziemlich sinnlose Sache hält.
Auch den Dichtern tut eine Pension gut, dass sie wieder herunterkommen von ihrem Dichterross! 

Übrigens ist jeder Mensch wertvoll, auch wenn er phasenweise einen skurrilen Lebenslauf hinlegt. Eine Koma-Patientin ist dieser Tage zur Stimme von Strache nach Jahren wieder aufgewacht!

STICHPUNKT 20|34, 12.10. 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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