Du fragst mich, was Glaube ist #9

3 Minuten Lesedauer

Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen.[1]



Immer wieder lese ich zur Beruhigung meiner Seele in der „Philothea“ des Heiligen Franz von Sales, welcher darin eine Anleitung zum frommen Leben gibt, fernab der weit verbreiteten und irrigen Meinung, der wahre Glaube käme nur in Superlativen zur vollen Entfaltung.
So steht dort: „Wie bedauernswert sind doch Menschen, die nach anfänglichen Bemühen um die Frömmigkeit merken, dass sie noch mit verschiedenen Unvollkommenheiten behaftet sind, darüber unruhig, verwirrt und mutlos werden und nahe daran sind, alles aufzugeben und sich wieder der Sünde zu überlassen […] Regen wir uns […] nicht auf über unsere Unvollkommenheiten: unsere  Vollkommenheit besteht eben darin, dass wir die Unvollkommenheit bekämpfen […] Unvollkommenheiten und lässliche Sünden zerstören nicht das geistliche Leben […] Eines ist also notwendig: den Mut nicht verlieren!“[2]
Überspitzt könnte man also durchaus sagen: Der Glaube ist kein Sport; es geht darin nicht um die meisten Leistungspunkte, nicht darum einander im Wettkampf zu übertrumpfen oder einen Preis zu bekommen. Es ist nicht einmal entscheidend, ob wir als Erste/r oder Letzte/r ins Ziel kommen.
Gott schaut nämlich nicht auf die äußeren Zeichen, welche wir wie goldene Medaillen stolz in aller Öffentlichkeit tragen, es sind viel mehr unsere innersten Absichten und unser ständiges, manchmal auch verzweifeltes, beinahe hoffnungsloses Ringen um ein frommeres Leben, wofür uns seine Liebe und Barmherzigkeit, ja, sein Verzeihen sicher sind.
Mit anderen Worten: Der Glaube ist nicht etwa erfolgreicher oder reiner oder nachahmungswürdiger, wenn er vor den Augen anderer gefeiert und allseits gepriesen wird; der Glaube, wenn er lebendig ist, das heißt, wenn er am Leben teilnimmt und teilhat, kann auch vom Weg abkommen und versucht werden; er kann wie ein Langstreckenläufer stolpern und sich verletzen, außer Atem geraten und vor Erschöpfung kurz liegen bleiben.
Ja, das alles kann passieren!
Aber deswegen sieht Gott uns nicht als Verlierer an; für ihn gibt es keinen ersten, zweiten und dritten Platz, schon gar keinen letzten. Bei ihm gilt tatsächlich: Dabei sein ist alles.
Wie tröstlich und schön ist dieser Gedanke!
Erinnern wir uns also auch daran, wie Jesus, bevor er am Kreuz starb, dem Schächer Dismas, der wahrlich kein guter Mensch gewesen war, aber letztlich gläubig Einsicht und Reue gezeigt hatte, versprach: „Amen, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“[3]
Und dieses Versprechen gilt auch für uns, die wir Menschen und Sünder sind, und die wir alle um unseren Glauben kämpfen.
Martin Kolozs, 9. Mai 2016
Die zehnte Folge erscheint zum Monatswechsel Mai/Juni 2016


 
[1] Mt 9,13
[2] Philothea, 1. Teil, 5. Kapitel
[3] Lk 23,43
Artikelbild (c) Stephen Brace, “Spirited Away”, flickr.com

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