Wenn alle Grenzen fallen

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„Grenzenlos“ im gegenwärtigen Europa


Der Traum von einem grenzenlosen Europa schwindet. Die derzeitigen Migrationsbewegungen haben Fragen aufgeworfen, die eigentlich überwunden schienen. Der Grenzöffnung und dem Zusammenwachsen der Kulturen und Nationen folgt gegenwärtig vermehrt die Rückkehr zu einem Denken in Nationalstaaten und homogenen Identitäten.
Unter dem Begriff der „Außengrenzen“ arbeiten die politisch Verantwortlichen in Europa außerdem vehement daran, Europa abzuschotten. Eine Grenzziehung zwischen Europa und Nicht-Europa ist Realität. Damit einher geht auch ein Wiederstarken des Gegensatzes zwischen „Eigenem“ und „Fremdem“. Die Angst, dass das „Fremde“ das „Eigene“ gefährden könnte geht um.
Fast niemand hat dabei das Potential der Kunst im Blick. Dabei hat die Kunst zweifellos utopisches Potential. Utopisch deshalb, weil sie es schafft, noch nicht existierende Räume zu entwerfen und für einen bestimmten Zeitraum in der Kunst gegenwärtig zu machen. Die Kunst macht Räume auf, die anders funktionieren.
Im Kontext der Grenzziehungen bietet Kunst die Möglichkeit, an der Entgrenzung zu arbeiten. Sie reißt Grenzen im Kopf nieder. Letzten Endes wird damit Realität geschaffen. Menschen, die keine Grenzen im Kopf kennen, setzen sich früher oder später auch für geographische und kulturelle Entgrenzung ein.
Kunst geht Verbindungen ein und hat, bei aller Vielfalt, eine harmonische Einheit im Sinn. Vollständig isolierte Kunstgattungen sind nur schwer vorstellbar. Im Heute tritt Musik oft in einen Dialog mit dem Medium Bild oder Film. Tanz wird von Musik begleitet. Performances sind stets bestrebt, den Kunstbegriff an sich zu erweitern. Komposition trifft in der zeitgenössischen Musik vielfach auf Improvisation. Letzten Endes kann man auch über Musik reden und sie in musik- oder kulturwissenschaftliche Kontexte setzen. Entgrenzungen und Dialoge allerorts.


Das Festival „Grenzenlos“


In exakt diesem Klima der Grenzziehungen stellt die „Camerata Europaea“ ein Festival auf die Beine. Unter dem Motto „Grenzenlos“ behauptet dieses das immense Potential der Kunst um zu einem neuen Blick auf die Welt, die Kulturen und die noch vorhandenen Grenzen zu gelangen. Der Ansatz das Festivals ist interdisziplinär und grenzenlos, was die verschiedensten Kunstgattungen betrifft.
Musik trifft auf bildende Kunst. Performance auf Neue Medien. Filme, Panels und Ausstellungen machen das  VIER UND EINZIG zu einem einzigen Kunst-Ort, in dem mögliche Reibeflächen und Symbiosen zwischen den einzelnen Künsten thematisiert werden.
Mit dieser Kunstgattungen-Vielfalt tun sich Verbindungen auf, wo zuvor Grenzen waren. Es ergibt sich ein Ineinander-Überfließen, wo zuvor strikte Trennung war.
Aber nicht nur auf der Ebene der unterschiedlichen Künste hat man sich beim Festival „Grenzenlos“ die Erschaffung eines grenzenlosen Raums zum Ziel gesetzt. Auch Epochengrenzen sollen außer Kraft gesetzt werden. Dabei trifft zeitgenössische Musik auf zeitlose Werke. Diese zeitlosen Werke werden aber nicht nur willkürlich neben das Zeitgenössische gestellt, sondern man befragt sie auf ihre Gegenwärtigkeit, fasst sie neu auf und wagt die Überführung in moderne Formen.
Als ästhetisches Programm kann in vielen Fällen die Polyphonie gelten, die strikt von der Kakophonie zu unterscheiden ist. Es geht nicht um ein rücksichtsloses Nebeneinander, sondern um ein künstlerisch-kreatives Miteinander. Beim Festival „Grenzenlos“ werden sich vielfach Klänge und Kunstformen überlagern. Dabei sollen nicht neue Grenzen enstehen, sondern es soll letzten Endes durch die Überschreitung der Kunstgrenzen zu einer neuen, harmonischen Einheit gefunden werden.
Die Intention hinter all diesen Überschreitungen und Experimenten ist deutlich. Indem innere Barrieren und Grenzen suspendiert und außer Kraft gesetzt werden, können auch reale Grenzen überwunden werden. Antriebsmotor bei diesem Bestreben, künstlerische Paradigmen und Programme auch in der Gesellschaft zu verankern, ist dabei die unbändige Kreativität und der ungezügelte Innovationsgeist. Ein freier, kreativer Geist wird nicht an Grenzen und Grenzziehungen arbeiten, sondern Gemeinsamkeiten betonen und die harmonische Einheit von Kulturen, Nationen und Religionen anstreben.
Das Festival „Grenzenlos“ leistet einen wichtigen Beitrag dazu, dass ein solch kreativer, grenzenloser Raum bald denkbar und Realität wird.


Das Programm


29. und 30. Oktober 2016 von 15:00-22:00+ Uhr Ort: Haus VIER UND EINZIG, Innsbruck, Österreich (Haller Str. 41, 6020 Innsbruck)
Sa. 29. Oktober 2016
15:00: Musik PLUS
Tanz „roundcorner“
Leitung: Daniel Renner
18:00: Tirol in Europa, Europa in Tirol
Einführung „Grenzenlos“
Leitung: Maria Makraki
18:30: Vielklang Europa
Anekdoten „Grenzenlos“
Leitung: Elle Eisner
20:00: Musik PLUS
Performance
Werke von Igor Strawinsky „Die Geschichte vom Soldaten“ – ein grenzenloser Traum von Glück und Freiheit
Regie: Elle Eisner
Choreographie: Daniel Renner
Dirigentin: Maria Makraki
Ensemble: Camerata Innsbruck
21:00: Reclaiming the Past, Regaining the Real
Film (late night) „Eisenkies” (UA), „Amsterdam“, „R.E.M.“ (repeat eye movement),
„Momentum“
Alter 16+
So. 30. Oktober 2016
15:00: Musik PLUS
Tanz „roundcorner“
Leitung: Daniel Renner
18:00: Junge Musik Europas
Konzert Werke von Manuela Kerer „zersplittern“,
Michael F. P. Huber „Variaĵaro op.62“ – UA
Julia Purgina „Reiseskizzen“ Lukas Medlam „Resonanzen„
Dirigentin: Maria Makraki
Ensemble: Camerata Innsbruck & Youth
20:00: Musik PLUS
Performance
Werke von Igor Strawinsky „Die Geschichte vom Soldaten“ – ein grenzenloser Traum von Glück und Freiheit
Regie: Elle Eisner
Choreographie: Daniel Renner
Dirigentin: Maria Makraki
Ensemble: Camerata Innsbruck
Offene Bühne (after show)
Umrahmung des Festivals durch Bilder europäischer Künstler
 

Diese Event-/Konzert-Ankündigung wurde durch die ORCHESTRAL ASSOCIATION
CAMERATA EUROPÆA (CE) ermöglicht. Titelbild (c) Camerata Innsbruck; Text: Markus Stegmayr

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