„Streich“ im „Freien Theater“ Innsbruck: Die Zukunft der Musik

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14:20. Schnell packte ich meine Tochter in den Kinderwagen. Die Strecke von Hötting bis in „Freie Theater Innsbruck“ wäre ganz einfach zu weit gewesenn. Oder zumindest hätten wir zu wenig Zeit gehabt, da meine Tochter dazu neigt, nach zu vielen Schritte ganz einfach „Füße weh“ zu bekommen. Das kommt vor allem dann vor, wenn es ein wenig bergauf geht. Obwohl es von Hötting aus in die Innenstadt natürlich deutlich bergab geht, wollte ich nichts riskieren.
Ich war gespannt auf das Konzert im Rahmen von „Jeunesse“, vor allem wegen Lukas Lauermann, den ich in den letzten Wochen in bereits zwei verschiedenen Kontexten gehört hatte. Zum einen bei einem brillante Solo-Konzert in der Innsbrucker P.M.K., zum anderen im Rahmen der wenig gelungenen Inszenierung von „Epigonia“, in der er mit der Band „Donauwellenreiter“ dennoch teilweise glänzen konnte. Jetzt sollte er den Allerkleinsten sein Instrument vorstellen: Das Cello. Seinen Facbook-Postings nach zu schließen freute er sich sehr auf dieses auch für ihn außergewöhnliche Konzert.

Lukas Lauermann bei seinem Solo-Konzert in der Innsbrucker P.M.K.
Lukas Lauermann bei seinem Solo-Konzert in der Innsbrucker P.M.K.

Was mir sofort auffiel, als ich das „Freie Theater“ in Innsbruck betrat: Musikalische Früherziehung oder ganz generell die Herstellung des Kontaktes der lieben Kleinen mit Musik schien Frauensache zu sein. Ich entdeckte, wenn ich mich im Nachhinein nicht irre, nur zwei Männer (!!) im Publikum. Bezeichnenderweise kannte ich sie beide. Was das jetzt über mich und die beiden Väter aussagte ist mir nicht ganz klar.
Vielleicht sagt es aus, dass wir besonders moderne Väter sind. Vielleicht, dass wir als in freiberuflichen und kreativen Umfeldern Arbeitende die Möglichkeit haben, unsere Zeit so weit frei einzuteilen, dass wir überhaupt erst die Option hatten, nachmittags um 15:00 ein Konzert mit kleinen Kindern zu besuchen. Die restliche Männerwelt wird wohl gerade hart schuftend in Büros und anderswo gewesen sein, während sich die Frauen um die Kinder und um das kleine bisschen Haushalt kümmerten. Und eben um das musikalische und künstlerische Wohlergehen der Kinder.
Vielleicht waren Männer aber auch einfach nur empfindlich was den Geräuschpegel bei solchen Veranstaltungen betraf? Wenn um die 50 Kinder (ich bin schlecht im schätzen) samt Mütter und 3 Väter vor dem Saal des „Freien Theaters“ Innsbruck stehen, kann es schon mal ein wenig geräuschintensiver zugehen. Muss man mögen. Nicht jede zarte Männerseele ist dafür gemacht.
Was bringt der Kontakt mit avancierter Musik in jungen Jahren?
Im Saal erwartet uns jedenfalls ein sehr buntes Setting. Thema: Zauberwald. Vermutlich nennt sich das kindgerecht. Um dazu beurteilen bin ich zu wenig Pädagoge. Das Setting bestand außerdem aus einem grünen Kreis im Inneren, einem Zwischenraum für die Tänzerin Aline Kristin Mohl und dem Cellisten Lukas Lauermann, die wiederum von Müttern, Vätern und Kindern umringt wurden, die am äußersten Rand auf der grünen Fläche saßen. Der Geräuschpegel sank spätestens, als das Licht gedimmt wurde und sich die Tänzerin aus ihrem „Versteck“ erhob.
Lukas Lauermann und die Tänzerin Aline Kristin Mohl (Foto: Jeunesse Innsbruck)
Lukas Lauermann und die Tänzerin Aline Kristin Mohl (Foto: Jeunesse Innsbruck)

Die Kinder waren gespannt, einzelne bekundeten leichte Angst. Lukas Lauermann begann im Laufe des rund 40-minütigen Konzertes sein Instrument zuerst zu zupfen um es dann, wie der Titel des Nachmittages versprach, zu streichen. Am Programm standen Improvisationen der Marke Lauermann, gut durchmengt mit Ligeti, Hindemith und J.S.Bach. Allesamt Komponisten, die mir am Herzen lagen.
Sie waren eine perfekte Ergänzung zu den Hörwochenenden waren, an denen sich meine beide Töchter stundenlang Henry Threadgill und die Bach-Interpretation von Chris Thile anhören mussten. Danach diskutierten wir darüber, vor allem natürlich mit meiner ältesten, ob und wie sich die Musik seither weiterentwickelt hatte und welche Notation sich dazu eignete, Musik zu notieren, die es so vielleicht noch gar nicht gab. Ausgehend von John Cage, Wadada Leo Smith und eben Henry Threadgill spannen wir immer gewagte Zukunftsutopien. Auch Anthony Braxton spielte bei unseren Überlegungen eine wichtige Rolle.
Für all jene, die sich jetzt kurzfristig fragten, ob sie angesichts solcher Freizeitbeschäftigungen nicht vielleicht doch in Erwägung ziehen sollten, das Jugendamt zu informieren: Selbstverständlich war das nur ein Scherz. Aber dennoch steckt da eine Erwartungshaltung mit drin. Ich gebe es nämlich zu. Wenn ich mit meinen Töchter auf solche Konzerte gehe, dann tue ich es nicht uneigennützig bzw. nicht ohne Hintergedanken. Sie sollten es einmal besser haben als ich.
Lukaus Lauermann und das Cello: Wie genau klingt das eigentlich und wie spielt man es? (Bild: Jeunesse Innsbruck)
Lukaus Lauermann und das Cello: Wie genau klingt das eigentlich und wie spielt man es? (Bild: Jeunesse Innsbruck)

Sie sollten bereits von klein auf mit Musik in Kontakt kommen, die anspruchsvoller und avancierter als Roy Black und Roland Kaiser war. Um sich dann in späteren Jahren nicht mühsam das musikalische Vokabular von anderen musikalischen Welten erarbeiten zu müssen. Ob der Schuss nach hinten losging und sie später einmal dennoch lieber Musik der Marke Scooter hören würden ist wieder eine andere Geschichte.
Mir sind die Veranstaltungen von Jeunesse jedenfalls sehr sympathisch, weil sie meinen unbedingten Willen meinen Kindern musikalische Offenheit beizubringen ein wenig in einen spielerischen, ungezwungenen Kontext brachten. Weil ja eh klar war: Nicht jedes Kind war ein musikalisches Genie und musste es auch nicht sein. Offenheit und Talent lässt sich schließlich nicht anerziehen, es ist nur möglich ein paar Grundlagen zu schaffen. Ein bisschen was an Möglichkeiten zu säen, die dann im Laufe des Lebens der Kinder zur Blüte kommen.
So habe ich das Konzert auch, trotz der überaus gelungenen Inszenierung und dem abermals brillanten Lukas Lauermann, fast schon melancholisch verlassen. Weil ich wusste, dass ich eigentlich meine Töchter nur dazu anregen konnte, sich mit der Art von Musik zu beschäftigen von der ich glaubte, dass sie so wertvoll war. Würden sie jemals erfahren, wie erfrischend und anregend es war, „Das wohltemperierte Clavier“ interpretiert von András Schiff früh morgens anzuhören?
Würden sie sich jemals mit Musik beschäftigen, die sich nicht mehr so einfach kurzerhand niederschreiben ließ, sondern die genug improvisatorische Freiheit besaß um auch noch in Jahrhunderten Platz für inspirierte Interpretationen zu lassen? Ich wusste es nicht. Ich konnte nur mein bestes geben, damit es so kommen würde. Und hoffen, dass mir „Jeunesse“ weiterhin dabei zur Seite stand. Meine Tochter hatte gestern jedenfalls schon mal etwas gelernt: Sie wusste jetzt recht genau, wie ein Cello klang und klingen konnte. Dass man es streichen und zupfen kann. Und wie es sich anfühlt, wenn man seine Hand auf das Cello legt, während es gespielt wird. Das war schon mal ein guter Anfang. Es ging schließlich um viel. Um nichts weniger als um die Zukunft unserer Kinder. Und darum auch um die Zukunft der Musik.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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