Tiroler Schmäh in Reinkultur

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„Hey schau, das ist mein Cousin!“, ruft ein Mädchen und zeigt freudestrahlend auf ein Plakat vor dem Metropolkino Innsbruck. Es zeigt die Ankündigung für die Tiroler Filmproduktion „Burnout“, die diesen Freitagabend ihre Premiere hatte und der Cousin des Mädchens sollte sich als einer der Hauptcharaktäre Paul Ehrenberger, gespielt von Kameraneuling Florian Jäger, herausstellen. Überhaupt wirkte die Stimmung vor Beginn der Vorstellung sehr familiär, was wohl damit zusammenhängt, dass etwa 150 ehrenamtliche Schauspieler und Statisten und etwa 50 weitere, hinter der Kamera, am Film mitgewirkt haben.
So konnte man also leicht mit der Vorstellung in den Saal gehen, dass man nun ein Liebhaberprojekt zu sehen bekommt, das filmisch und inhaltlich nichts zu bieten hat – ein Hobby eben. Weit gefehlt! Nicht nur ich war nach den knapp zwei Stunden überrascht und begeistert, was eine motivierte Truppe an „Laien“ an die Kinoleinwand zaubern kann.


Aus dem Leben gegriffen


Burnout erzählt die Geschichte von drei Männern im besten Alter, deren Leben zur selben Zeit aus den Bahnen gerät. Während oben genannter Paul Ehrenberger seine Frau inflagranti beim Fremdgehen erwischt und sich schließlich von ihr trennt, ist es bei Dipl. Ing. Thomas Sterz die Ehefrau, die ein Ultimatum stellt, da er zu viel arbeitet und keine Zeit für sich selber hat. Drehbuchautor und Regisseur Johannes Schmidt verkörpert die dritte Hauptrolle. Den exzentrischen Stefan Köll, der aufgrund von Alkohol- und Aggressionsproblemen seinen Job verliert.
So kommen alle drei, mehr oder weniger freiwillig, zu Meister Kiatsu, einem esoterischen Lebensberater, dem man den Drogenkonsum förmlich ansieht. Martin Anton Schmid, der nebenbei auch noch die Filmmusik komponiert hat, lässt dabei keine Gelegenheit aus, um jegliches Vorurteil gegenüber modernen Gurus zu manifestieren. Im tiefsten Tiroler Dialekt (auf DVD auch mit deutschen und englischen Untertiteln erhältlich) versucht Meister Kiatsu nun die unterschiedlichen Probleme seiner Klienten zu lösen, merkt aber sehr schnell, dass ihm die Situation entgleitet und er regieren muss. Das macht er, in dem er alle drei auf ein Meditationswochenende in den Süden „einlädt“. Die innere Spannung des Zusehers erreicht ihren Höhepunkt als Kiatsu mit einem klapprigen VW-Bus die Reisegruppe abholt und der Roadtrip startet. Immer wieder werden dabei Erinnerungen an den erfolgreichen Hollywoodstreifen „The Hangover“ wach – gewollt oder nicht gewollt, die Analogien bringen den Seher zum Schmunzeln.


Irre Wendungen


Im Süden angekommen, wird eine ansehnliche kleine Villa bezogen und sogleich mit der Meditation gestartet – das geht ordentlich schief, woraufhin zu bewusstseinserweiterten Stoffen gegriffen wird, um denselben „Erfolg“ zu erzielen. In Verbindung mit viel, sehr viel Alkohol sieht der Zuseher jedoch ein richtiges Burnout. Am nächsten Morgen kann sich niemand mehr genau erinnern was passiert ist und das beste: Meister Kiatsu ist nicht mehr auffindbar. Die drei Patienten entscheiden sich dennoch zu bleiben und zumindest Spaß zu haben.
Doch dann verliebt sich eine Tiroler Touristin ausgerechnet in den schüchternen und kindlichen Paul Ehrenberger, der nicht unbedingt ein Frauenschwarm sein dürfte. In dieser Phase des Films kommt Kameraneuling Florian Jäger auf den Höhepunkt seiner darstellerischen Leistung. Als Zuseher hat man ständig das Gefühl ihn umarmen zu müssen – für ein Debüt eine herausragende Leistung.
Immer wieder ist man mit wirklich spannenden Kameraperspektiven konfrontiert, die aber durchwegs professionell eingesetzt sind. Auch die eigens komponierte und eingespielte Filmmusik wirkt authentisch und unterstreicht die Handlung in ihrer vollen Breite.
Besonders zum Ende des Films nimmt die Handlung Wendungen, die man, auch als geübter Kinogeher, nicht erwartet und auch der derbe Humor, der sich durch die ganzen zwei Stunden zieht, erreicht seinen Höhepunkt.


Drin ist was draufsteht


Das Filmkollektiv five season cinema hält, was es versprochen hat. Eine richtig derbe Komödie, die uns durch die sprachliche Vielfältigkeit Tirols führt und viele Klischees bedient. Hervorragend gewählte Drehlocations wechseln sich ab mit schlichten Indoorsets, die aber auch passend sind. Kameraführung und Schnitt sind professionell und müssen den Vergleich mit weitaus teureren Produktionen nicht scheuen. Auch schauspielerisch bekommt man viel mehr als man von einem „no-budget-Projekt“ erwartet – man sieht, dass die Darsteller sich im Laufe der Dreharbeiten deutlich steigern konnten.
Inhaltlich zeigt uns Burnout schön, wie viele Vorurteile rund um psychische Erkrankungen und Suchtproblematiken noch in unserer Gesellschaft da sind. Auch thematisiert die Handlung sehr schön, wie versucht wird aus Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, Kapital zu schlagen. Sehr wertvolle Erkenntnisse, die humoristisch aufgearbeitet aber hängen bleiben.


Fazit


Ich habe keinen großen Hollywoodblockbuster gesehen, der mit Special Effects und Stars gespickt ist. Das wollte ich aber auch nicht! Ich habe ehrliche Liebe zum Film und Schauspieler gesehen, die mit ganzem Herz ein Projekt vorangetrieben haben. Der derbe Humor wird nicht jedermanns Sache sein, traf mich, mit einer etwas satirischen Betrachtungsweise, aber genau. Das half auch über so manche Phase im Film hinweg, in denen man etwas ratlos auf die Schlüssigkeit der Handlung wartet, um dann wieder überrascht zu merken, dass sie doch Sinn macht.
Ich kann einen Kinobesuch in den nächsten zwei Wochen nur empfehlen! Nicht nur um den Einsatz und die Leidenschaft des Teams und der Schauspieler zu schätzen, sondern weil man für sein Geld auch etwas geboten bekommt, vorausgesetzt, man ist nicht ganz humorresistent!


Zum Reinschauen


Titelbild: (c) Burnout - Der Film

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