Wie Paul Weihnachten verlor – Teil 2

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Er kannte sogar noch die ganz Alten. Damals hießen sie noch Nikoläuse und mussten steife Hüte tragen und schwere Goldstäbe. Albert war damals landauf, landab als „der Stolze“ bekannt. Ja. Stolz und Anmut. Das waren die beiden Wörter die Albert am besten beschrieben. So wirkte er auf andere. Sein Haar war glänzender, sein Lächeln freundlicher und sogar sein Mantel war roter, als der aller anderen. Viele behaupten er sei hochnäsig geworden, nach all dem Ruhm der ihm widerfuhr. Paul war da anderer Meinung. Für ihn war Albert immer ein Mentor, ja fast schon wie ein Vater gewesen. Von ihm hatte er in jungen Jahren all die Tricks gelernt, die man als guter Schokoladen-Weihnachtsmann so kennen muss.
Mittlerweile beherrschte Paul diese selbst im Schlaf. Immerhin lehrte auch er die Jüngeren schon seit Jahren und hatte all die wichtigen Regeln und Tipps, jenen die es sich verdienten, weitergegeben und schon hunderte Male erzählt. Nicht zu weit unten und nicht zu weit oben musste man stehen, am besten kurz vor der Kassa und das Schaufenster galt es zu meiden. Dort wurde man zwar bewundert, aber gekauft wurde man nie – und darum ging es schließlich. Einen Platz in einer Familie wollte man finden. Kinder zum Strahlen bringen. Und Eltern ebenso.
Paul mochte Albert und die anderen aus der alten Garde. Sie waren irgendwie zufriedener. Nicht gestresst, wie seine jüngeren Kollegen. Am schlimmsten waren Heinz und Christian. Beide hatten die Schule abgebrochen, waren erst Jahre später eingestiegen und nun versuchten sie mit allen Mitteln mitzuhalten. Beide waren ausgesprochen gute Redner. Kleine Blender. Wenn sie ihr breitestes Lächeln aufsetzten, schön daherschwatzten, dann waren das meist nur hohle Floskeln die aus ihren Mündern kamen und weit mehr als die Hälfte davon war erstunken und erlogen. Doch den Leuten gefiel es, wenn die beiden ihre Phrasen droschen und zur allgemeinen Erheiterung beitrugen. Heinz und Christian waren in Pauls Augen richtige, kleine Rattenfänger. Und mit Vorsicht zu genießen.
Es gab aber auch junge Kollgen, mit denen Paul sich gut verstand. Einer von ihnen war Werner. Werner hatte nicht viele Freunde. Dabei wünschte er sich nichts mehr, als dazuzugehören. Schon früh entschied er sich für eine Karriere als roter Weihnachtsmann. Bereits als ganz Junger war er immer mit dabei gewesen. Beobachtete die Älteren, schaute ihnen zu, schmeichelte ihnen und versuchte sie zu imitieren. Er war ein eifriger Bursche. Tat alles was von ihm verlangt wurde und widersprach nie. Das war schon während seine Ausbildung so. Sogar wenn die anderen Schokoladen-Weihnachtsmann-Lehrlinge sich über die vielen, oft mühevollen Arbeiten beschwerten, war er nie dabei. Werner arbeitete brav vor sich hin, ohne groß über Sinn und Unsinn nachzudenken. Er war ein pflegeleichter Schüler und für sein Dauergrinsen bekannt. Darin mischten sich sein großer Wunsch, einmal ein berühmter Weihnachtsmann in der ersten Reihe seinzu wollen, seine Unbekümmertheit und sein naiv-freundliches Wesen. Werner war recht einfach gestrickt, leicht zu durchschauen und nicht gerade das hellste Köpfchen, aber er war so herrlich ehrlich und gutgläubig, das mochte Paul. Werner wollte keinem etwas Böses, außer er wusste es nicht besser. Und er wusste es oft nicht besser. Ach Werner.
An diesem Tag war es also heiß gewesen. Unnatürlich heiß. Paul kam das von Anfang an sehr komisch vor. Doch da wusste er noch nicht, was an diesem Tag noch alles passieren sollte.

Artikelbild (c) Anne Worner, Six Eyes - Revisited, flickr.com
An jedem Advent-Sonntag erscheint ein weiteres Kapitel der Weihnachtsgeschichte "Wie Paul Weihnachten verlor". Gemeinsam Kerzen anzünden. Tee trinken. Kekse essen. Geschichte lesen. Wir wünschen euch einen schönen und besinnlichen Advent. Hier geht es zu Teil 1.
Hier geht es direkt zu Teil 3 der Geschichte.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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