"Bücher haben kaum eine Chance"

14 Minuten Lesedauer

AFEU: Herr Professor Sexl. Der April Stand wieder einmal ganz im Zeichen der Aktion „Innsbruck liest“. Sie waren in den vergangenen drei Jahren wissenschaftlicher Leiter dieses Projekts. Welche Aufgaben hatten sie dabei?
Dr. Martin Sexl: Ich durfte gemeinsam mit dem Kulturamt der Stadt Innsbruck, die Jury zusammenzusetzen, sowie den Jury-Prozess begleiten und moderieren. Der erste wissenschaftliche Leiter war damals (Anm.: 2004) Johann Holzner vom Brennerarchiv. Er hat wesentlich am Konzept mitgearbeitet. Das Konzept steht ja schon sehr lange fest und funktioniert meiner Meinung nach sehr gut. Ab und an muss man ein wenig eingreifen und Adaptionen vornehmen, aber im Großen und Ganzen steht das Konzept von „Innsbruck liest“ seit circa 12, 13 Jahren fest und hat sich in dieser Zeit bewährt.
AFEU: Die Funktion des wissenschaftlichen Leiters ist auf drei Jahre beschränkt. Sie werden sich also in diesem Jahr verabschieden. Wenn Sie auf die Zeit zurückblicken – was haben sie in den drei Jahren bewegt?
Dr. Sexl: Ich würde die Frage gerne ein bisschen ironisch beantworten. Man muss ja nicht immer etwas bewegen, wenn etwas bereits gut funktioniert. Ich habe hier sehr gerne eine bewährte Tradition weitergeführt. Was mir persönlich aber immer ein Anliegen war und das hab ich im Rahmen meiner universitären Tätigkeit auch gemacht- ich habe versucht die Studenten einzubinden, damit sie mit gestalten können, beziehungsweise auch sehen wie so etwas läuft und was da alles dahintersteckt. Ich habe aus diesem Grund, im Zuge der „Innsbruck liest“ Veranstaltung, eine Lehrveranstaltung mit dem Namen „Literaturvermittlung“ angeboten.
AFEU: Sie waren als wissenschaftlicher Leiter ja nicht direkt am Juryprozess beteiligt, aber sie bekommen alles hautnahe mit. Wie wird so ein Buch ausgewählt, was gibt es da für Kriterien?
Dr. Sexl: Der Prozess beginnt immer damit, dass die drei Jurymitglieder, anhand einer Liste von Kriterien, jeweils fünf Bücher vorschlagen. Das soll im Idealfall vor dem Sommer passieren. Dann haben die drei Mitglieder und der wissenschaftliche Leiter Zeit, um über den Sommer die 15 Bücher zu lesen. Im September findet die Jurysitzung statt, an der sich alle treffen und dann so lange diskutiert wird, bis aus den 15 Bücher eines feststeht. Das ist ein relativ komplexer Prozess. Es ist selten der Fall, dass ein Buch so genial ist, dass es alle Kriterien erfüllt. Man muss so lange Gewichten und Prioritäten setzen bis man das richtige Buch findet. Es macht ja keinen Sinn einen Text zu wählen, der vielleicht Literaturwissenschaftler begeistert, aber 90% der Innsbrucker finden keinen Zugang dazu.
AFEU: Welche Kriterien erfüllt dann Jonas Lüschers Novelle?
Dr. Sexl: Ich bin mit der Entscheidung in diesem Jahr wirklich sehr zufrieden. Was mir an Lüschers Novelle sehr gut gefällt ist, dass sie drei Sachen unter einen Hut bringt. Erstens behandelt sie eine hochaktuelle Thematik, die derzeit sehr stark diskutiert wird. (Anm.: Finanzkrise und deren Auswirkungen). Zweitens ist sie so geschrieben, dass man sie wirklich gut lesen kann. Man kann sie in einem Zug lesen, sie ist packend geschrieben und hat viel Witz. Und drittens verwendet Lüscher eine Sprache, die durchaus literarisch anspruchsvoll, aber vergnüglich zu lesen ist. Dieses Buch ist nicht trivial, deshalb finde ich es sehr gelungen.
AFEU: Jonas Lüscher meinte unlängst im Interview mit dem ALPENFEUILLETON, dass er sämtliche Projekte zur Literaturvermittlung toll findet und er deshalb sehr gerne dabei mitmacht, seinen Namen hergibt und aktiv daran beteiligt ist. Wie wichtig sind in ihren Augen solche Veranstaltungen wie das Innsbrucker Prosafestival,  oder „Innsbruck liest?“ Gibt es da schon genug, oder braucht es noch mehr?
Dr. Sexl: Es gibt nie genug literarische Aktivitäten – wobei  in Innsbruck erfreulich viel passiert. Aber es könnte natürlich noch mehr sein. Was ich an dem Programm „Innsbruck liest“ toll finde ist, dass es immerhin 10.000 Bücher sind die verteilt werden. Man erreicht dadurch einen relativ großen Kreis von Leserinnnen und Lesern, die man mit herkömmlichen Formaten der Literaturvermittlung, sei es bei Lesungen des Prosafestivals, oder durch das Literaturhaus am Inn, nicht erreicht. Es ist sehr einfach dorthin zu gehen, wo die Bücher verteilt werden, sich ein Buch mitzunehmen oder sich vielleicht bei einer Signaturstunde ein Autogramm zu holen. Dadurch erreiche ich Menschen, die sonst vielleicht nicht unbedingt mit der Literatur in Berührung kommen würden. In Innsbruck steht zudem auch ein gewisser Fördergedanke im Vordergrund. Hier kommen immer wieder Autoren und Autorinnen zum Zug, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Innsbruck schmückt sich nicht nur mit großen Namen, wie es andere Städte tun.
Ich finde auch das Prosafestival und das Literaturhaus am Inn richtig tolle Sachen. In Innsbruck kann man mit Literatur auch Orte bespielen, die nicht unbedingt mit Literatur verbunden sind. Ich denke hier an Orte wie die Bäckerei oder das freie Theater Innsbruck. Hier geschieht wirklich viel.

Dr. Martin Sexl ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Uni Innsbruck.
Dr. Martin Sexl ist Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Uni Innsbruck.

AFEU: Das Leseverhalten ändert sich dank Online Medien, Social Media etc. extrem. Das Informationslesen wird immer wichtiger. Menschen wollen schnelle Informationen und scannen Texte nach Suchbegriffen. Das Erlebnislesen, sich auf das Literarische einzulassen, wird tendenziell weniger. Welche Möglichkeiten gibt es dennoch, um die (jungen) Menschen zur Literatur zu bringen?
Dr. Sexl: Das ist sehr schwierig. Heutzutage müsste man ganz wo anders, nämlich bereits in der Schule, ansetzen. Aber die Schule steht auf einem verlorenen Posten, wenn Kinder in einem medialen Kontext groß werden, wo Bücher kaum mehr eine Rolle spielen oder sogar gering geschätzt werden. Wenn man sich das Medienverhalten Jugendlichen anschaut, so haben Bücher kaum eine Chance. Das hat viele Gründe. Einerseits hat dies mit der Attraktion des Mediums zu tun, aber auch mit Aufmerksamkeitsspannen und mit dem Verhalten der Eltern. Ich glaube nicht, dass es hier eine Stellschraube gibt an der man drehen kann und alles wird anders.
Natürlich ist es angenehmer, sich mit einem Smartphone ins Bett zu legen und Youtube-Videos anzuschauen, wenn man mal eine Pause macht, als sich ins Bett zu legen und ein Buch zu lesen. Das ist auch überhaupt kein Vorwurf an den Jugendlichen. Das sind Verhaltensmuster und nachdem Bücher in einer sehr starken Konkurrenz zu anderen Medien stehen, muss man einfach schauen, wie man mit der Situation umgeht. Zu sagen, dass die anderen Medien schlecht sind und man muss sie verbieten, wäre der falsche Weg. Ich denke die Frage ist extrem schwer zu beantworten. Es wird einen Mix aus Maßnahmen brauchen.
AFEU: Eine Maßnahme könnte ja auch sein, mit literarischen Themen auf die Kanäle zu gehen, die Jugendliche nutzen und zu versuchen sie dort abzuholen. Sprich, Literatur online anzubieten und einen Appetit darauf zu machen.
Dr. Sexl: Mit Sicherheit. Aber man muss hier wahrscheinlich unterscheiden zwischen dem Medium und Inhalt.  Wenn man zum Beispiel die von Lüscher beschriebenen Angstbegriffe hernimmt, diese Angst vor einem Staatsbankrott, dann wäre das der Inhalt der Geschichte. Als nächstes müsste ich mich fragen – wie kann ich dies einem Publikum, wie Schülern einer Oberstufe näher bringen? Man kann beispielsweise multimedial arbeiten. Man kann sich Blogs anschauen und analysieren wie die Problematik im Internet thematisiert wird, oder auch einen Fernsehbericht ansehen. Zusätzlich könnte man aber auch Lüschers Buch dazu lesen. Das sind Sachen wie man Medien mixen kann. Aber das geschieht nur inhaltsbezogen.
Wenn man jetzt gerne hätte, dass Kinder mehr lesen, weil man das Medium des Lesens als wichtig erachtet, um gewisse Kompetenzen zu vermitteln, dann schaut man auf das Problem, wie können Kinder sich Wissen aneignen, also mit welchen Medien. Aber da ist man nicht mehr auf der inhaltlichen Ebene, sondern mehr in der Medienkritik und in der Frage, was Medien für eine Auswirkung haben. Kapieren Kinder etwas, wenn sie es im Fernsehen sehen? Oder ist es besser wenn sie es lesen?
AFEU: Innsbruck liest derzeit einen Schweizer Autoren. Wie geht es der Innsbrucker, der Tiroler Literaturszene?
Dr. Sexl: So weit ich sie verfolge, aber mein Blick ist da sehr eingeschränkt, geht es ihr nicht so schlecht. Man müsste hier wohl die Literaturveranstalter selbst fragen. Ich erlebe sie als relativ aktiv. Aber wie gesagt, ich schaue von außen und ich schaue nicht wahnsinnig intensiv auf die Tiroler Literaturszene.
AFEU: Zum Abschluss: Wer wird ihr Nachfolger als wissenschaftlicher Leiter? Und was wünschen sie ihm?
Dr. Sexl: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob schon jemand gesucht wurde. Das wird wohl erst in den nächsten Tagen, beziehungsweise Wochen passieren.
AFEU: Gibt es einen Vorschlag/ Wunsch ihrerseits?
Dr. Sexl: Sagen wir mal so, ich habe dem Kulturamt jemanden vorgeschlagen, aber den Namen möchte ich nicht nennen. Ich fände es nicht schlecht, wenn es jemand von der Universität wird. Nicht, weil Literaturwissenschaftler von der Universität so klug oder besondern interessiert, oder besonders literarisch bewandert sind, sondern weil man damit eine Institution der Stadt Innsbruck ins Boot holt, die auch eine wichtige Rolle spielt. Dann hat man die Ebene der Politik, die Ebene der Wissenschaft und hat mit den Jurymitglieder und dem Rahmenprogramm die Ebene der Kulturveranstaltung. Darum fände ich das nicht schlecht. Mitgeben würde ich meinem Nachfolger, beziehungsweise meiner Nachfolgerin, dass man wach bleiben soll – dem Konzept gegenüber. Man braucht oftmals auch Mut, um Dinge anzusprechen, vor allem gegenüber der Politik.  Darum ist es vielleicht auch nicht so schlecht, wenn es jemand von der Universität wird. Denn diese Leute sind unabhängiger, als zum Beispiel ein Kulturveranstalter, der wieder auf öffentliche Förderungen angewiesen sein könnte.
AFEU: Also im Grunde ist es eine Lüscher Botschaft. Nicht ausruhen…
Dr. Sexl: Genau. Nicht nur verändern, um zu verändern. Aber auch nicht ausruhen. Sonst kann es schnell passieren, dass man in eine Sackgasse gerät, aus der man so schnell nicht mehr herauskommt.
AFEU: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Aktion "Innsbruck liest" gibt es seit 2004. Das generelle Ziel des Projekts ist es, Literatur ins Gespräch zu bringen und Menschen aller Alters- und Bildungsschichten zum Lesen zu animieren. In diesem Jahr wurde die Novelle "Frühling der Barbaren"des Schweizer Autoren Jonas Lüscher zum "Innsbruck liest"-Buch gekürt. Hier geht es zum Interview mit Jonas Lüscher. Univ.-Prof. Dr. Martin Sexl war drei Jahre lang wissenschaftlicher Leiter der Aktion und beendet diese Aktion in diesem Jahr.
Foto: von innsbruck.info - © IKM/Hofer

 

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

3 Comments

  1. Wozu haben Sie einen Chefredakteur samt Stab, wenn bereits im Untertitel 3 Kommas fehlen – weiter zähle ich gar nicht mehr!
    Mit 4 Komma-Fehern fiel ein Maturant 1972 bereits durch. Auch jemand im realistischen Zweig!
    Schöne Grüße

    • „Komma-Fehler“, war gemeint. Leider habe ich in der Eile auf den falschen Knopf gedrückt. Aber ich habe ja auch keinen Stab, der gegenlesen würde:–)

    • Wir haben einen Chefredakteur, Stellvertreter, Redakteure, freie Autoren, Korrekturleser, Graphiker, Mitdenker, Ideenlieferanten und IT-ler…
      All diese Menschen machen ihre Arbeit derzeit ehrenamtlich. Leider fehlt ab und zu die Zeit jede Zeile gegenzulesen. In manchen Fällen passiert es sogar, dass ein Autor den Artikel online stellt und das lediglich nach bestem Wissen und Gewissen…
      Sollten Sie Interesse daran haben ehrenamtlich an dem Projekt AFEU mitzuarbeiten, zum Beispiel als Korrekturleser, wäre mir das eine große Freude. Ein Mail an felix.kozubek@alpenfeuilleton.at reicht.
      P.S.: Die meisten unserer Autoren sind nach 1972 geboren. Offensichtlich – ganz gut so.

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