„Stiegenhausmusik“ in Innsbruck: Magische Momente in Bahnhofsnähe

7 Minuten Lesedauer

Das Stiegenhaus


In Innsbruck passiert viel. Vor allem für eine kleine Großstadt. Es gibt nicht wenige Tage, zumal jetzt vor dem viel beschworenen Sommerloch, an denen Kulturinteressierte die Entscheidung zwischen mehreren lohnenden Events treffen müssen. Dabei ist es wichtig auf der Suche nach den besonderen, magischen Momenten beim Kulturgenuss, nicht stets die naheliegendste Entscheidung zu treffen.
Denn eine besonders interessante Kultur-Reihe befindet sich nicht im Zentrum von Innsbruck und unterhalb der Wahrnehmungsschwelle von vielen kulturaffinen Menschen. Sie hört auf den Namen „Stiegenhausmusik“ und darf beim Wort genommen werden. Kuratiert von Peter Warum und Daniela Span wird hier ein altes Stiegenhaus bespielt und künstlerisch genutzt. Dazu kam es, weil die beiden Künstler in einem alten Gebäude in der Karmelitergasse 21 ein Gemeinschafts-Atelier mieteten und bald merkten, dass das Stiegenhaus in diesem Gebäude, das zu ihrem Atelier führt, über eine ganz besondere Akustik verfügt. Von der Atmosphäre ganz zu schweigen.
Während die Musikerinnen und Musiker in einer Ecke im Stiegenhaus Platz nehmen, können die Zuschauerinnen und Zuschauer, die selbstverständlich auf den Stiegen Platz nehmen, den vorbeifahrenden Zügen zusehen. Das ergibt magische Momente, einen Raum mit einer transitorischen Qualität.
Man ist ganz beim Konzert und überlegt sich zugleich, wie es wäre, in den nächsten Zug nach Berlin zu steigen. Nur um dann wieder gedanklich zurückzukehren und zu bemerken, dass sich Innsbruck gerade, zumindest für die knappe Stunde, welche die Konzerte bei „Stiegenhausmusik“ stets dauern, in einem Idealzustand befindet. Die Städte New York, Wien, München, Berlin und deren kulturelle Möglichkeiten und Utopien kulminieren für Augenblicke in einem Stiegenhaus am Rande Innsbrucks in einem Hinterhof.


Magische Momente


Unvergessliche Augenblicke gab es in diesem Rahmen bereits zuhauf. So spielte Ingrid Laubrock, Shooting-Star der New Yorker Avant-Jazz-Szene, in diesem Ambiente einen ihrer ersten Solo-Gigs. „Dank“ der Kälte im März in eine dicke Daunenjacke gehüllt. Draußen fuhren Güterzüge vorbei und Laubrock reagierte mit ihrem Tenor-Saxophon auf die Zuggeräusche. Nicht ohne auch noch die klanglichen Möglichkeiten ihrer Daunenjacke auszuloten, die sie an der Wand hinter sich rieb. Spielerisch vollständig entfesselt und von den klanglichen Gegebenheiten beeindruckt spielte sie ein Konzert, das so in New York hätte stattfinden können. Es aber nicht hat, weil ihre Solo-Gigs weltweit überaus rar gesät sind.
Kürzlich gastierte außerdem die deutsche Cellistin Anja Lechner bei „Stiegenhausmusik“ und gab ebenfalls ein Solo-Konzert. Eine Form, an die sie sich bisher noch nicht herangetraut hatte. Sie stellte ihr improvisatorisches Können unter Beweis, das ansonsten zwar vorhanden ist, aber nicht die Hauptrolle spielt. Anja Lechner zeigte sich als Musikerin direkt, unvermittelt, risikofreudig, ohne Begleitung und doppelten Boden. Das ist der Aspekt, der bei „Stiegenhausmusik“ zählt: Die Musikerinnen und Musiker zeigen sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit. Nichts lenkt davon ab, wer sie wirklich sind. Keine Inszenierung, keine Effekte.
Gestern saß die Gitarristin Zsófia Boros dort (siehe Titelbild), wo vor einigen Monaten die Cellistin Anja Lechner Platz genommen hatte. Nur sie und ihre Gitarre. Selbstverständlich unverstärkt.
Sie beginnt leise, das Publikum hört gespannt zu.
Ihr Konzert dauert keine 60 Minuten. In dieser Zeit gibt es keine Gespräche, keine klappernden Bierflaschen, kein räuspern und kein husten. Absolut untypisch. Draußen fährt ein besonders langer Güterzug vorbei. Siebzig Wagons seien es gewesen, wird Peter Warum später sagen. Zsófia Boros hat sich nicht daran gestoßen. Sie betont nach dem Konzert sogar, dass sie es interessant gefunden habe, wie sich die Geräusche der Züge in ihr Gitarrenspiel hineingemischt hätten. Sie hat die Magie von „Stiegenhausmusik“ verstanden. Jeder mit der notwendigen Sensibilität versteht diese augenblicklich. Egal ob Zuhörer oder Musiker.
Ihr Konzert war eine virtuose und hochgradig persönliche Zusammenstellung, in der sich Flamenco genauso spiegelte wie freie Improvisation, kubanische Musik, Kammermusik oder Jazz. Weltmusik mag mancher dazu sagen. Grenzenlose Musik ist wohl treffender. Musik, bei der sich die Interpretin die Freiheiten nimmt, die Stücke nicht immer „richtig“ im akademischen Sinne, dafür aber aufrichtig und wahrhaftig zu spielen. Diese Wahrhaftigkeit und diese Aufrichtigkeit sind es auch, die in Symbiose mit diesem besonderen Ort zu einer Magie führen, die man an wenigen Orten sonst findet.
„Stiegenhausmusik“ ist außerdem nicht „nur“ ein Ort für Musik. Sondern auch ein Ausstellungsort. Nicht nur ein Ort für große Namen wie Ingrid Laubrock, Anja Lechner oder Zsófia Boros. Sondern auch immer wieder ein Ort für lokale Künstler. Das sei ihr ein Herzensanliegen, meint Daniela Span. Subjektiv empfunden stellen sich für mich aber die außergewöhnlichsten Momente ein, wenn Weltklassemusiker wie Boros oder Lechner auf diesen Ort treffen. Mit diesem umzugehen wissen. Mit diesem spielen. Mit diesem Eins werden.
Man sollte diesen Ort in Zukunft jedenfalls mitdenken. Als Kulturinteressierter. Als leidenschaftlicher Sammler von ganz besonderen Konzertmomenten. Als Suchender nach einem Publikum, das schweigend zu einer homogene, faszinierten Masse verschmilzt. Als Liebhaber von magischen Augenblicken.


Zum Reinhören




Titelbild: Markus Stegmayr

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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