Klassische Musik trifft Möbel trifft Schuhe trifft Matratzen

7 Minuten Lesedauer

Innsbruck ist nicht Berlin


Die Kunst bahnt sich oft unerwartete Wege. Der Weg heraus aus den Konzerthallen und Konzertsälen ist eigentlich längst überfällig. In Berlin müssen alte Lagerhallen für klassische Konzerte herhalten und generell hat der Remix-Wahn auch längst diese Art von Musik mit sich gerissen. Manchmal mit in den Abgrund, manchmal hin zu erstaunlichen Ergebnissen.
In Tirol passiert diese Entwicklung zurückhaltender und langsamer. Allzu moderne elektronische Klang-Basteleien und klassische Musik sind fein säuberlich getrennt und beäugen sich bestenfalls hin und wieder kritisch.
Auch Konzerte in der heruntergekommenen Lagerhalle von Nebenan hat man so in Innsbruck noch selten erlebt. Die temporäre Nutzung von leerstehenden Gebäuden ist in Innsbruck und Tirol generell eher den Indie-Rock-Vier-Akkorde-Bands vorbehalten.
Wer anspruchsvolle Musik mit einer tiefen und schönen Seele hören möchte und nicht nur Lust auf lustloses Gitarren-Geschrammel hat, muss sich nach wie vor einigermaßen gut gekleidet in die Konzertsäle der Stadt quälen. Nichts mit zerrissenem Sonic Youth T-Shirt und seit Wochen nicht mehr gewaschenen Jeans. Ein Jackett sollte es schon zumindest ein. Zum Glück ist der implizite Krawattenzwang mittlerweile gelockert.


Innsbruck: Nachhaltigkeit statt Industriehallen-Flair


Auch in Innsbruck wird experimentiert. Angestammte Räume werden verlassen. Akustische Begebenheiten nicht an erste Stelle gestellt. Wagnissen werden eingegangen. Das Publikum muss indes ein paar Abstriche machen, bekommt aber dennoch urbane Ideen in etwas abgespeckter Version frei Haus geliefert.
Erinnerungen an das Konzert von TENM werden wach, das Terry Rileys Stück „In C“ in einem Kaufhaus in der Innsbrucker Innenstadt in Szene setzten. Die Folgen waren fatal: Es gab tendenziell mehr desinteressierte Fleischkäse mampfende Kaufhaus-Besucher als interessierte Zuhörer.
Tirol ist definitiv ein hartes Pflaster, was Experimente in Sachen Raum und neue Kontexte betrifft. Niemand könnte es TENM jedenfalls verübeln, dass sie dieses Konzert-Experiment nicht zur wöchentlichen Konzert-Reihe im Kaufhaus Tyrol ausgebaut haben. Fortan wurde dieses Ensemble jedenfalls vornehmlich und bevorzugt im  „Vierundeinzig“ und im „Landeskonservatorium“ gesichtet.
Etwas wagemutiger ist da schon die Akademie St. Blasius. Musiker ebendieser kennt man vor allem auch von Einspielung für das „Musikmuseum“. Vergangenen Samstag wagten sich diese ins Geschäft GEA. Wo normalerweise Schuhe, Möbel und Matratzen herumstehen und ganz laut „Ich bin gesund, nachhaltig und fair“ rufen stand an diesem Tag ein neunköpfiges Ensemble und spielte sowohl einen zeitgenössischen Komponisten als auch eine Komponistin, die seit mehr als 100 Jahren nicht mehr unter uns weilt und diese Sternstunde an diesem Abend folglich leider nicht mehr miterleben konnte.
Die Kombination von GEA und dieser Art von Musik lag ja schließlich auf der Hand. „Nachhaltig und fair“ ist die Devise dieses schönen Geschäftes. Der Geschäftsführer von GEA spricht im Beipackzettel zum Abend gar davon, dass sich für dieses Projekt „Seelenverwandte“ gefunden hätten. Qualität wollen ja schließlich beide, kein Zweifel.
Die ersten Irritationen ließen nicht lange auf sich warten. Es saßen mehr Leute auf ergonomisch geformten Stühlen als sonst. Es waren deutlich mehr Leute auf Betten sitzend vorzufinden als normalerweise. Die überraschend akzeptable Akustik versöhnte ein wenig mit diesem Bild. Und schließlich macht man beim Hören von guter Musik ja ohnehin die Augen zu.
Ein wenig albern, aber klangsprachlich durchaus originell eröffnete das Nonett „Tigerenten Adventures“ von Andreas Trenkwalder den Abend. Ja. Diese Tigerente. Aus der Feder von Janosch. Der Komponist dirigierte höchstpersönlich und ließ sich auch zu dem stimmigen Akzent von gelben Socken hinreißen. Dass die Tigerente auf ihrer Reise nach Panama wahre Abenteuer erlebt, sogar übers Wasser flieht und ähnliches mehr lässt sich an den Titeln ablesen. „Flucht“, „Warten“, „Wo geht´s denn hier nach Panama …(übers Wasser)“. Zufälle mit aktuellen Ereignissen sind nicht höchst zufällig, sondern durchaus gewünscht. Weniger platt war dabei zum Glück die Musik, die vielschichtig, witzig, aberwitzig, leichtfüßig aber mit dem notwendigen Ernst daher kam.
Das Nonett in „ES-Dur“ von Louise Farrenc wirkte hingegen weit weniger zeitgenössisch. Eher wirkte es, wie im Programmheft treffend beschrieben „mozartisch“. Obwohl es von der Akademie St. Blasius vortrefflich interpretiert wurde hatte das Stück auch etwas Einlullendes. Mag sein, dass sie die „bedeutendste Komponistin in der Mitte des 19. Jahrhunderts “ war, wie es in der Musikenzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“ verzeichnet ist. An diesem Abend ließ sich das anhand dieses zwar gutklassigen, aber nicht überragenden Stücks nur unzureichend verifizieren.
Außerdem wurde die Verbindung zur ersten Komposition des Abends nicht zureichend belegt und musikalisch argumentiert. Muss nach zeitgenössischen Kompositionen mit leicht avantgardistischen Tendenzen immer etwas Versöhnliches und Wohlklingendes gespielt werden? Fast scheint es so.


Fazit


Was hätte man sich noch mehr wünschen können als dieses gute Konzert? Möglicherweise noch mehr Mut in Sachen Ortswahl. Möglicherweise auch den Mut, den etwas absurden Ort auch musikalisch zu thematisieren. Gut denkbar, dass dies die Stimmung verändert hätte, die nach wenigen Minuten wieder mehr einem Konzertsaal glich als einem Geschäft mit dem Thema Nachhaltigkeit.
Unter Umständen wäre dieser durchaus mutige Ortswechsel auch eine Chance gewesen, mit dem Programm noch etwas mehr Wagnisse als sonst einzugehen. Ansonsten wirkt der Ortswechsel zwar interessant, verspielt aber den eigenen Bonus nach bereits wenigen Minuten.
Mehr Mut also, liebes Innsbruck und liebe Akademie St. Blasius. In Sachen Ort und Musikwahl. Das alles bei gleichbleibender musikalischer Qualität. Und alles wäre im Lot. Und man könnte sogar froh sein, nicht in Berlin, sondern in Innsbruck zu leben.

Titelbild: (c) Akademie St. Blasius

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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