Plattenzeit #37: Die 10 besten Alben im Jahr 2016

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2016 war kein gutes Jahr. Nicht für die Welt und nicht für die Musik. Terror war das beherrschende Thema. Einige der wichtigsten Musiker der letzten Jahrzehnte starben, darunter David Bowie oder Leonard Cohen. Doch die Welt drehte sich trotz allem weiter und einige exzellente Alben erschienen. Auch eines wird sichtbar: Im Jahr 2016 ist es sinnloser als je zuvor, sich ausschließlich mit einem ganz bestimmten Genre zu beschäftigen und sich in Musik-Nischen zu verkriechen. Wer den Blick weitet entdeckt in (fast) jedem Genre echte Perlen und mögliche zukünftige Klassiker.
Die Qualität eines Albums zeigt sich meist darin, dass es einen lange begleitet und sich auch nach mehrmaligem Hören nicht abnützt. So sind, handverlesen und kritisch geprüft, zehn exzellente Alben übrig geblieben. Die Reihenfolge ist nicht chronologisch zu verstehen. All diese Alben sind,  in dem was sie jeweils sind, herausragend gut.


Solange – A Seat at The Table


Ende September liefert Solange, die jüngere Schwester von Beyoncé, das Album zum momentanen Lebensgefühl in Amerika schlechthin. Wenig später wurde Donald Trump gewählt. Dieses Fiasko zeichnet sich damals schon ab. Auch sind in letzter Zeit auffällig viele Schwarze in den USA Opfer von polizeilicher Gewalt geworden.
Solange hätte also jeden Grund wirklich wütend zu sein. Das ist sie auch. Aber sie kanalisiert diese Wut so sehr in zeitlose, grandiose Neo-Soul-Songs, dass das Album zugleich zeitgemäß und zeitlos wird. Dieses Album wird überdauern und als Manifest für die Rechte von Schwarzen in die Geschichte eingehen.


Haken – Affinity


Auch im Jahr 2016 lässt sich der sogenannte „Progressive-Rock“ nicht totkriegen. Vor allem dann nicht, wenn mit dem Genre so virtuos gespielt wird wie bei der Londoner Band Haken. Progressiv heißt hier nicht zwingend fortschrittlich. Zumindest nicht in dem Sinne, dass ständig Neuland betreten werden muss.
Haken bewegen sich rückwarts, seitwärts und wohin sie wollen. So entsteht eine virtuose Rückschrittsakrobtik. Auf „Affinity“ dominieren die 80er Jahre. Durch den Fleischwolf gedreht mit ganz viel futuristischem Keyboard-Gedöns und gepackt in mitreißende und tatsächlich auch mitsingbare Songs entsteht ein Monument von einem Album, das nicht nur Prog-Hörer begeistert.


Daniil Trifonov – Transcendental


Der junge russische Pianist rüttelt die Klassik-Welt aus ihrem Tiefschlag und spielt Franz Liszt so, dass auch Liszt selbst seine helle Freude daran gehabt hätte. Virtuos, aber nicht selbstherrlich, subjektiv, aber nicht beliebig, modern, aber nicht modernistisch. Die vorliegende Einspielung verblüfft beim ersten Hören. Sie überwältigt angesichts ihrer Kühnheit.
Dabei hat diese Einspielung aber gar nicht Überrumpelung im Sinne. Trifonov spielt manche Passagen bewusst leiser, wo andere so richtig laut werden. Er spielt langsamer, wo andere ihre Virtuosität mit der Hilfe von Geschwindigkeit zur Schau stellen. Kurzum: er findet neue Wege durch ein hochkomplexe Werke und jongliert lässig mit diesen. Ein Erlebnis!


Nels Cline – Lovers


Der Gitarrist und Komponist Nels Cline erfüllt sich mit „Lovers“ einen Lebenstraum. Er interpretiert auf diesem Doppel-Album „Mood-Music“. Musik also für romantische Stunden, im besten Fall zu zweit verlebt. Doch in diese Romantik mischen sich auch Dissonanzen.
Nach mehrmaligem Hören tut sich eine gute Welt von Klängen, Sounds und Effekten auf, fein eingewebt in grandiose Auslegungen von Klassikern, Obskuritäten und Eigenkompositionen. Man sollte auf alle Fälle das Wort „Meisterwerk“ auf der Zunge haben.


David Bowie – Blackstar


David  Bowie starb plötzlich. Zumindest aus der Sicht der Öffentlichkeit. Niemand, auch nicht seine Studiomusiker, wussten von seiner Krebserkrankung. „Blackstar“ ist jedoch ein einziges kreatives Aufbäumen im Angesicht des Todes.
Bowie schnappte sich im Vorfeld kurzerhand eine handvoll fantastischer Jazz-Musiker aus New York City und gab noch einmal alles. Entstanden ist eine Platte, die keine Grenzen akzeptiert. Die Texte sind kryptisch, die Musik ebenso. Hits gibt es keine. Dafür aber, vor allem mit dem Titelsong „Blackstar“, einen so abgrundtief großartigen Song, dass einem staunend der Mund offen bleibt.


Fountainhead – Reverse Engineering


Tom Geldschläger ist eine Studio-Bastler und Klang-Perfektionist. Obwohl im erweiterten und progressiven Metal-Kontext zu verorten liegt ihm nichts ferner, als Klischees zu bedienen. Sein aktuelles Studio-Album ist in diesem Geiste zu interpretieren: Ein Album mit harten Gitarren, das sich aber nicht in ausgetretenen Pfaden bewegen mag.
Selbst der Blick nach Indien wird gewagt. Selbst Drum and Bass spielt eine Rolle. Und ja: Auch Ambient ist da. Garniert wird das alles mit den faszinierendsten Soli, die man in diesem Bereich 2016 hören konnte. Wie das klingt? Das müsst ihr schon selbst nachhören.


Esperanza Spalding – Emily´s D+Evolution


Esperanza Spalding beendet dieses grandiose Album mit „I Want It Now“. Dieses Lied kennt man auch aus „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Sie hätte dieses Lied auch an den Anfang der Platte stellen können. Spalding will alles, jetzt, sofort, die ganze (Musik)-Welt.
Das ist nicht nur sympathischer Größenwahn, sondern auch eine Tatsache. Spalding kann alles, spielt alles, vermag alles. Hier auf diesem Album finden sich proggig anmutenden Funk-Monster, angeschrägte Jazz-Balladen und noch sehr viel mehr. Ein Monster-Album von einer der talentiertesten Musikerinnen dieser Erde.


Vektor – Terminal Redux


„I think I´m losing my mind“ flüsterte eine Stimme zu Beginn dieses abenteuerlichen Metal-Ritts. Diese Ansage ist Programm. Vektor fetzen einem Riffs um die Ohren, die Metallica in den nächsten 20 Jahren nicht schreiben können. Es ist ein Album der Überfülle, der Überforderung und der überbordenden Kreativität. Darf man das noch Thrash-Metal nennen? Man darf. Aber das alles wurde sehr kreativ, sehr frei und sehr virtuos ausgelegt.
Der Sänger keift, die Gitarren sägen und singe, der Bass wummert und das Schlagzeug scheint kurz vor dem Kollaps zu stehen. Vektor schaffen einen Drahtseilakt und legen zweifellos das spannendes Metal-Album in diesem Jahr vor.


Ariana Grande – Dangerous Woman


Die Entscheidung war nicht einfach. Ariana lieferte sich einen Kampf mit Britney und mit Tove Lo. Nicht nur um das beste Pop-Album im Jahr 2016, sondern um das sexieste Album in diesem Jahr. Während Frau Spears mit „Glory“ ein überzeugendes Sex-Konzept-Album vorlegte, wollte auch Tove Lo in diesem Diskurs mitmischen.
Letzten Endes war aber klar, dass niemand Ariana Grande in dieser Frage das Wasser reichen kann. Diese Frau ist sexy, kann singen, hat großartige Songs, die sie aber nicht wirklich selbst schreibt. Aber so ist das halt mit Popmusik. Und auch Frank Sinatra war nur Interpret.


Anna Prohaska – Serpent and Fire


Und noch eine Frau in dieser Liste! Und was für eine! Zugegeben: Frau Proshaska räkelt sich nicht so lasziv wie Ariana Grande. Muss sie aber auch nicht. Denn die Klassik-Welt lässt sich auch anders auf den Kopf stellen. Zum Beispiel mit Konzept-Alben wie diesem.
Ihre Stimme ist nicht mächtig und überwältigend mit die einer Netrebko. Dafür bringt sie aber ganz viel Gefühl, Seele und Eigenheit ein. Sie durchlebt ihre Rollen, stellt unerwartete Zusammenhänge her. Prohaska ist, das wird hier ganz deutlich hörbar und sichtbar, nicht nur eine großartige und innovative Sängerin, sondern auch eine Intellektuelle. Ein Album, das man hören muss.

Titelbild: (c) Wikipedia, Beastboy2004

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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