Wie sich der junge Pianist mit Tiroler Wurzeln seine Freiheit erspielte

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Freiheit


„Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein“. Dieser Satz von Jean-Paul-Sartre ist zugleich auch Grundprogramm des philosophischen Existenzialismus. Kein Gott steht dem Menschen zur Seite. Kein Zentrum existiert, auf das hin man sich ausrichten könnte. Der Weg ist unklar geworden. Es gibt zu viele Abzweigungen, die sich nach abenteuerlichem und lustvollem Umweg anfühlen.
Das frei improvisierte Solo-Konzert am Klavier ist ein Wagnis. Der Pianist ist dazu verurteilt, frei zu sein. Über die Zeit des Konzerte darf er sich diese „Verurteilung“ aber nicht anmerken lassen. Er muss dieser Freiheit lächelnd, mutig und tollkühn begegnen. Die ganzen Möglichkeiten der Musikgeschichte, die plötzlich auf ihm lasten, dürfen dem Pianisten nicht zur Last werden. Leicht und abenteuerlustig soll er mit diesen jonglieren.
In der Pause zwischen seinen beiden Sets schilderte mir Erwan Borek seine Situation. Bei einem frei improvisierten Konzert sei es stets wichtig inspiriert zu sein. Nicht immer wäre das der Fall. Sein dezentes Lächeln verriet mir, dass ihm an diesem Abend die besagte und erhoffte Inspiration in Übermaß zugefallen war. Auch das zufrieden-stolze Gesicht seines Vaters, ebenfalls Pianist und an diesem Abend anwesend, deutete darauf hin. Tatsächlich war der Abend ein Hörgenuss sondergleichen.
Dabei haben Solo-Klavier-Konzerte den Ruf anstregend zu sein. Sowohl für den Interpreten als für die Zuhörer. Das Konzert von Erwan Borek war das in keinem Moment. Leise begann er das Konzert, fast zaghaft. Der großen, allzu großen Frage, wie man ein solches Konzert anlegt, begegnete er mit großer Gelassenheit und erstaunlicher Reife. Sein Konzert war weder avantgardistisch noch machte es sich nur im Schön- und Wohlklang bequem. Borek benutzte beide Strategien und ließ dabei keine Brüche oder Widersprüche erkennen.


Meisterschaft


Über den ganzen Abend war es evident, dass Boreks Spiel von zwei großen Meistern der gegenwärtigen Klavier-Kunst beeinflusst ist. Schließlich war Keith Jarrett maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich die Grenzen zwischen klassischem und jazzigem Klavierspiel verwischt haben. Diese Grenzen überschritt auch Erwan Borek immer wieder. So spielerisch und selbstverständlich, dass sie nicht mehr als Grenzen wahrnehmbar waren, sondern als logische Erweiterung und Konsequenz der intensiven Beschäftigung mit Melodie, Akkorden und Strukturen erschienen.
Der zweite große Meister der bei Borek anklang war zweifellos Brad Mehldau. Mit seinen hochinteressanten und hochmusikalischen Interpretationen von Radiohead oder Massive Attack hat er deren Songs von jeglichem Vorwurf der Banalität und musikalischen Belanglosigkeit befreit.
Borek war somit an diesem Abend in vielerlei Hinsicht frei. Zum einen schon deshalb, weil er frei improvisierte. Damit setzte er sich der Freiheit aus, im Moment aus dem Vollen zu schöpfen. Er weiß nicht vorab, welche Entscheidung er trifft und wie er mit Motiven umgeht, sondern er lässt den Augenblick entscheiden.
Er gibt seinem Spieltrieb den Vorzug und stellt sein Sicherheitsbedürfnis in den Hintergrund. Mit Jarrett ist der Jazzpianist kein reiner Jazzpianist mehr, sondern darf sich auch mit großer Selbstverständlichkeit aus dem Fundus der Klassik bedienen. Mehldau ist ein guter Weggenosse bei dem Vorhaben, mit „Pop-Melodien“ umzugehen ohne dabei den Ruf eines avancierten Jazz-Pianisten zu riskieren.
Ein Pianist mit weniger Talent würde an dieser Freiheit unter Umständen scheitern. Borek gelang an diesem Abend hingegen alles. Mit großer Meisterschaft zitierte er „No Surprises“ von Radiohead und nahm die markante Anfangsmelodie dieses Songs zum Anlass diesen Schönklang in freiere Spähren zu transferieren. Sein Konzert beschloss er mit „Teardrop“ von Massive Attack in der Leseweise von Brad Mehldau.
Dazwischen führte Borek seine frei ersonnenen Melodien und Motive oftmals zu berührender Kantabilität. Dann aber gab es immer wieder Momente, in denen er sich erfolgreich in pointilistischer, dadaistischer Manier an Melodiezerschlagungen versuchte.


Fazit


Es war ein intensiver, berührender und hochinteressanter Abend. Dass sich das Publikum nur spärlich einfand tat der Intensität und der Spannung der musikalischen Erzählkunst von Borek keinen Abbruch. Dennoch hätte man dem hochtalentierten Borek mehr Zuhörer gewünscht. Er wird aber zweifellos seinen Weg machen. Das wird der Zeitpunkt sein, an dem man sich an das kleine und intime Konzert in der Schwazer „Eremitage“ erinnert.


Live-Mitschnitt




Die restlichen Videos (das gesamte Konzert steht online!) sind auf You-Tube zu finden!
 

Titelbild: (c) Markus Stegmayr

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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