Marberger | Kremsner: Please say hello to the folks that I know

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Die Sache mit den Nachnamen ist eine sehr österreichische Sache. Lakonisch und bequem. Man muss keinen eigenen Bandnamen erfinden, der vielleicht nur vom Wesentlichen ablenkt. Jetzt tun wir uns mal zusammen und jammen ein bisschen. Und dann schau ma mal. Das kennen wir von Trabitsch & Lechner, Pirchner-Pepl oder Breinschmid/Gansch.
Aber bei „MARBERGER | KREMSNER“ kann man durchaus auch an „Simon & Garfunkel“ oder „Cohen & Mitchell“ denken – denn obwohl in Innsbruck initiiert, produziert und präsentiert verweist dieses musikalische Projekt auf die große, weite Welt.
„Und ich wusste plötzlich auf dem Bahnsteig / Dass mich nichts in dieser Stadt mehr hält / Heute, nach allein durchweinten Nächten / Halt‘ ich es vor Heimweh nicht mehr aus“, schmettert Laura Marberger in einer begeistert aufgenommenen Hildegard-Knef-Interpretation. Und so ist tatsächlich die ganze Platte: Mondän, aber trotzdem regional und bio. Take that, Innsbruck.
Den virtuosen Gitarristen Felix Kremsner kennt man vom Duo-Projekt „Imagination“, das er gemeinsam mit Sam Siefert betreibt. Für Laura Marbergers rauchige Stimme, die sich auch Markus Lindner schon ins Boot holte, ist er aber keineswegs nur klimpernde Begleitung – musikalisch sind die beiden völlig gleichberechtigt. Zwei beliebte Regionaltalente (so viel Oberländerisch hat man im Treibhaus übrigens schon länger nicht mehr zu hören bekommen), da wäre es dumm, wenn man die etablierten Marken nicht nutzen würde. So viel zur Namensgebung.
Musikalisch sind die beiden aber umtriebig, ja nahezu eklektisch. Dieses kultivierte Debütalbum vereint – bisher ungesehen! – Armstrong mit  Chanson mit Bossa Nova und Melancholie mit Euphorie. Es finden sich solche Perlen wie Petti Pages „Tennessee Waltz“ oder „Le temps de l’amour“ von Jacques Dutronc, und das wunderbare „We’ll meet again“, mit dem Vera Lynn während des Zweiten Weltkriegs halb Europa bei Stimmung hielt. Es wird klar: Das ist eine sehr persönliche Auswahl von zwei Musikern, die sich gut kennen und die auf der Bühne mindestens genauso gut funktionieren.
Und so ist dieses liebenswerte kleine Album zwar keine schwere, aber dafür sehr vielfältige Kost (auch das, hört man, ist im Winter ein gutes Mittel zur Vorbeugung von Erkältungen an Seele und Schleimhäuten).
Leider kann man sich im Treibhaus keine Zigarette mehr anzünden und gepflegt so tun, als würde man einen französischen Roman lesen, während man in Wirklichkeit der Musik lauscht. Dafür eignet sich „We’ll meet again“ nämlich ganz wunderbar. Es ist Musik, die in solche verrauchten Spelunken und glamourösen Bars passt, wie es sie heute fast gar nicht mehr gibt.
Natürlich kann man das Szenario im trauten Heim nachspielen. In (Jahres)Zeiten wie diesen tut ein Album wie „We’ll meet again“ gut und am besten hört man es gleich mehrmals am Tag. Und mit etwas Glück folgt auf diese furiose Albumspräsentation auch eine kleine Tour. Denn obwohl die Show im Treibhaus eigentlich PR für das Album sein sollte, ist das Album eher PR für Shows von MARBERGER|KREMSNER. Live sind sie virtuoser und peppiger, Laura Marbergers Stimme wirkt noch stärker, Felix Kremsner bereitet sich selbst und dem Publikum mit kleinen Einlagen Vergnügen. Das Album lockt dafür mit diversen Gastmusikern auf traditionellen und weniger traditionellen Instrumenten.
Am 23. Dezember wird „We’ll meet again“ auch im Early Bird präsentiert – mit einigen weihnachtlichen Überraschungen, hört man. Als Weihnachtsüberraschung wäre es übrigens auch ganz wunderbar geeignet.

Titelbild: (c) Dino Bossnini

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