Mit den Giant Rooks auf der Suche nach dem Sound

Die fünfköpfige Band aus Hamm in Nordrhein-Westfalen mit Sitz in Berlin hat ihr Debüt-Album Rookery veröffentlicht. Rausgekommen ist ein 49 Minuten langes und zwölf Lieder umfassendes Ausrufezeichen einer ultratalentierten Musikgruppe.

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Seit 2014 machen die Giant Rooks gemeinsam Musik, initiiert von den Cousins Frederik Rabe und Finn Schwieters ging das musikalische Abenteuer noch am Gymnasium in Hamm los. Schon nach wenigen Jahren zeichneten sich erste Erfolge ab – als Vorband tourten sie mit Größen wie Kraftklub und Von Wegen Lisbeth und wurden selbst auf einige renommierte Musik-Festivals eingeladen. Spätestens mit ihrer 2019 erschienenen EP Wild Stare schlugen die Rooks dann endgültig auf, binnen weniger Wochen wurde die Platte schon über 50 Millionen mal gestreamt.

Dementsprechend heiß ersehnt war das erste Studio-Album der Band ­– Rookery. Ende August kam es endlich auf den Markt und um ein kleines Fazit vorwegzunehmen: In der Indie-Rock- und Pop-Schiene habe ich in diesem Jahr noch wenig Besseres gehört (nein, auch keine Killers oder Strokes-Platte ändert an dieser Meinung was – ich könnte aber auch wieder was vergessen haben).

Und dann wird man mit The Birth of Worlds begrüßt. Düster vielleicht zwischendurch ein bisschen hoffnungslos (We are alone, and always will be, I don’t believe in life after death, There isn’t such a thing as regret) aber dann doch nicht (I’ll get along, I’ll get along, Hope you can see). Untermalt mit einem elektronischen Mix und einer ordentlichen Portion Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Das dauert dann weiter an, wenn in Watershed dann die Party los geht. Ein fantastischer Track, ein Schlager auf den Streaming-Plattformen und auf YouTube. Böse und Coldplay nicht zugeneigte Stimmen würden den Vergleich mit Chris Martins-Kombo verteufeln, tatsächlich funktioniert der Song aber ähnlich wie ein Hit der britischen Erfolgsband. Hervorragender Aufbau von den Strophen über die Bridge und den Ohrwurm-Refrain. Paar Synthis drunter, hie und da eine schrille Gitarre aber ganz sicher ein Klavier das den Song trägt.

Es folgt Heat Up, ein Song der nicht zuletzt durch Luisa Neubauer und deren täglicher Verwendung in ihren Insta-Stories den Weg zu einem größeren Publikum gefunden hat (mir eingeschlossen). Percussion, ein tragender Bass und wieder ein Refrain der nicht mehr aus deinem Ohr verschwinden mag. Ein Liebessong, der in jedem nicht Corona-Sommer auf diversen Hipster-Picknicken zurecht ordentlich gefeiert worden wäre.

Very Soon You’ll See wird zum nächsten Hit, könnte so auch von den Kooks geschrieben worden sein. Die Liebesgeschichte aus Heat Up scheint aber vorbei zu sein (If I want you to go, Then you will let me know, Why the hell we’re here together?, I don’t know). Ab Rainfalls wird es ein wenig ruhiger. Klavier, Streicher, ruhiger Gesang und trotzdem noch elektrische Elemente samt sehr sporadisch aber richtig eingesetztem Autotune. Allerdings fällt der Track etwas zu lang aus, es zieht sich.

Das Klavier das den Beginn von Missinterpretations einläutet, fällt hoffentlich DJ Premier oder Kanye West einmal in die Hände um daraus einen schönen Old-School Beat zu basteln. Generell ein unglaublich atmosphärischer Song samt herausstechendem Schlagzeug, dass dem Song eine richtig starke Tiefe gibt. Die Giant Rooks nehmen sich 4:53 Zeit um den Song eine Entwicklung zu geben. Das gelingt, im Tonstudio dürfte die Band in einen sehr schönen Jam-Rausch gefallen sein.

Silence hat ähnliche Probleme wie Rainfalls, wenngleich der Song schneller und frischer daherkommt. Im Vergleich zu anderen Liedern auf der Platte aber etwas schwächer und trotz 2:45 Minuten ein Gefühl auslösend, dass eine deutlich länger Anmutung vermuten lässt. What I Know is All Quicksand bedient sich an einem Bass, der von Von Wegen Lisbeth stammen könnte, in weiterer Folge sind Parallelen zu Portugal The Man nur schwer überhörbar. Mit 5:17 Minuten der längste Track des Albums, eine Achterbahnfahrt zwischen ruhigen und schnellen Elementen, zwischen Heiterkeit und Verdruss. Textlich wie musikalisch ein Song zum interpretieren (Soon I am leavin‘, Soon I’ll be gone, I don’t need reasons, To be alone), träumen und genießen.

© Universal Music

Wild Stare mag vielleicht ein wenig an Mumford and Sons erinnern, zeigt aber wieder die Stärke der Band: Wie schon in Watershed gibt ein Klavier die Richtung vor, nur um von Funk-Elementen und einer ordentlichen Portion Euphorie unterstützt zu werden. Head By Head schlägt in dieselbe Kerbe, Leadsänger Frederik Rabe gibt sein bestes britisch im Refrain um am Ende zu sagen: ‚Cause we don’t have to – Do it all again.

Mit dem vorletzten Song All We Are  wird noch einmal experimentiert, der vermeintlich sture Weg des eigenen Sounds aus Watershed verlassen. Mit Into Your Arms schließt das Werk in einem sieben Minuten langen Song aus Autotune und elektrischer Percussion. Insgesamt ist das ganze Lied durchaus mutig, vor allem im Hinblick auf ein Debüt-Album. Leider fällt es aber einfach zu lang aus, man will vorne und hinten schieben, damit da noch was passiert. Dennoch ein würdiges Ende einer sehr gelungenen Scheibe.

Die Giant Rooks mögen hie und da an andere Bands erinnern und das ein oder andere Element übernehmen. Vielleicht klingt das alles schon bekannt. Aber die Rooks scheinen nicht abgeneigt zu sein, die gewohnten Klänge experimentierfreudig zu erweitern und gleichzeitig den ursprünglich schon gefundenen eigenen Sound ständig erweitern zu wollen.  Wenn man so will, haben die fünf Jungs den Hörer auf eine Reise mit rotem Faden aber dem ein oder anderen Hügel mitgenommen. Dafür muss man sich bedanken. Bis auf ein paar Längen ein unglaublich starkes Album, das gehört werden sollte.

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