Der Fall Böhmermann: Warum Satire nicht alles wollen sollte

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Allzu oft wurde in den letzten Monaten Kurt Tucholsky zu Rate gezogen und als Legitimation dafür verwendet, der Satire alle nur möglichen Freiheiten zuzugestehen. Im Berliner Tagblatt vom 27. Januar 1919 schrieb er: „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten. […] Was darf die Satire? Alles.“ Verkürzt wurde und wird Tucholsky damit zitiert, dass Satire alles dürfe.
Nun ist an dieser Freiheit der Satire auch tatsächlich nicht zu rütteln. Diese Freiheit ist aber an Bedingungen, Aufgaben und an Verantwortung geknüpft. Satire sollte zwar alles dürfen. Sie sollte aber auch wissen, was sie will und welche Funktion sie einnimmt.
Der Satiriker ist in der Rolle eines Intellektuellen, der Missstände thematisiert, sich an die Seite der Marginalisierten und Unterdrückten stellt und seine Stimme für sie erhebt. Der Satiriker ist ein Aufklärer, der mit den Mitteln der Satire Diskurse anstößt, unangenehme und unter den Teppich gekehrte Ereignisse und Erzählungen ans Licht der Öffentlichkeit zerrt.
Der gegenwärtig diskutierte „Fall Böhmermann“ zeigt ein Problem der aktuellen Satire sehr deutlich: Sie nimmt sich die Freiheit etwas zu tun und zu sagen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, warum sie es tut und was sie damit genau bezweckt. Es handelt sich dabei um eine Tautologie: Satire darf alles, weil Satire alles darf. Aber was will sie erreichen? Welche Funktion hat sie? Welche Rolle spielt sie in einem aufklärerischen und „wahrheitssuchenden“ Diskurs?
Böhmermann klärt nicht auf, macht sich auf keine Wahrheitssuche, hat es nicht im Sinn, ein anderes Licht und eine andere Perspektive auf verfälschte Wahrnehmungen und Manipulationen zu werfen. Er beleidigt. Er pöbelt. Sein Spottgedicht auf Erdogan mag legitim sein. Es gibt kaum Gründe, den Verspotteten zu verteidigen. Es gibt aber zahlreiche Gründe, die Art und Weise des Spottes unter dem Gesichtspunkt von gelungener Satire zu kritisieren.
Die Apologeten von Böhmermann verteidigen letztlich die Freiheit, um die Freiheit zu verteidigen. Sie fragen sich aber nicht, worin diese Freiheit besteht. Besteht die Freiheit darin beleidigende Texte öffentlich verlesen zu dürfen? Alle und jeden beleidigen zu dürfen? Alles in jedem Kontext zu jeder Zeit sagen zu dürfen? Möglicherweise. Aber das ist zu wenig.
Hier wird die Freiheit der Satire instrumentalisiert um unvernünftige, substanzlose und künstlerisch mehr als fragwürdige Texte zu legitimieren. „Satire“ in dieser Ausprägung ist inhaltsleer und ihres eigentlichen Zweckes entkleidet. Bei dem Gedicht von Böhmermann wird keine aufklärerische, diskursive und erhellende Arbeit geleistet, nichts zur Verbesserung der Lage und der Veränderung der Perspektive beigetragen. Sehr viel eher forciert Böhmermann das ohnehin schon bestehende und erstarrte Feindbild Erdogan, wärmt unter dem Deckmantel der Satire Klischees auf und legitimiert plumpe und wenig ansprechende Beleidigungen mit der absoluten Freiheit von Satire.
Lohnt es wirklich diese Art von „Satire“ zu verteidigen, weil wir jedes Sprechen, das sich selbst das Mäntelchen der Satire umhängt, a priori verteidigen müssen? Klarerweise müssen wir Böhmermann schützen. Klarerweise soll er für seine Aussagen nicht bestraft werden. Wir müssen uns aber fragen, welche Satiriker und welche Intellektuellen wir haben wollen und welchen Stimmen wir medial und öffentlich Gewicht geben wollen.
Sind es Menschen mit aufklärerischer Absicht, die zu Recht die Freiheit der Satire für sich in Anspruch nehmen und alle damit in Verbindung stehenden Mittel benutzen um auf Missstände hinzuweisen und eine Veränderung herbeizuführen? Oder sind es doch eher Menschen, die sich mehr um mediale Aufmerksamkeit und um ihr eigenes Ego kümmern?
Diese Fragen werden wir uns stellen müssen. Besser früher als später. Damit wir endlich tatsächlich wissen, welche „Freiheit der Satire“ wir in Zukunft verteidigen wollen.

Hier geht es zu den vorherigen Folgen der Kolumne "Kleingeist und Größenwahn" 

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

2 Comments

  1. Ich bin nicht dieser Meinung. Das was Böhmermann in dieser Sendung getan hat, grenzt schon an Genialität. Das ist nicht nur Satire. Er hat ganz Europa den Spiegel der Scheinheiligkeit vorgehalten, gleichzeitig die von Konzernen gekauften, korrupten Politiker in Erklärungsnot gebracht, dem Durchschnittsbürger vor Augen geführt, mit welchen Mördern, Terrorunterstützern und Verbrechern die EU eigentlich Geschäfte macht, und was von der sogenannten moralischen Überlegenheit der auf Menschenrechte und Pressefreiheit pochende EU zu halten ist.
    Die politische Dimension dieser „Satire“ (Schähkritik) ist noch gar nicht abzusehen. Darf man einen Massenmörder als Ziegenficker bezeichnen? Ich finde, das muss man! Denn nur so findet man heutzutage in Zeiten des politischen BlaBlahs noch Gehör.

  2. Sehr geehrter Herr Stegmayr,
    man könnte Ihnen absolut zustimmen, wäre das Gedicht für sich alleine zu betrachten gewesen. Sie thematisieren die Causa Böhmermann in einem Reaktionsvakuum und lassen dabei außer Acht, dass seine Plumpe Satire große Auswirkungen auf die europäische Gesellschaft und die Politik hatte.
    Wieviele Leute in Ihrem Umfeld haben den Artikel 5 des Grundgesetzes für die BRD in den letzten Tagen aufgeschlagen? Wieviele „Spottgedichte“ haben es bisher geschafft, von der Regierung international besprochen zu werden? Böhmermann hat sich selbst bewusst in Gefahr gebracht, um aufzuzeigen, wo die Latte unserer Meinungsfreiheit derzeit im Osten Europas angegriffen wird und einen Präzedenzfall geschaffen, mit dem diese evtl. wieder angehoben werden kann.
    Ihr Beitrag hat in diesem Zusammenhang für mich genau so viel Gehalt, wie eine Rezension der Wichtigkeit von Charlie Hebdo Karikaturen, nach dem Mordanschlag auf die Redaktion. In einer friedlichen Gesellschaft werden solche plumpen Karikaturen belächelt und können inhaltlich auch als gehaltlos abgetan werden. In einer terrorisierten werden Sie zu wichtigen Konfrontationsplätzen unserer Demokratie.
    LG
    F

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