Individualismus in Zahlen

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Der Individualismus ist ja geschichtlich bedingt durchaus eine positive Entwicklung. Plötzlich war die Idee aufgekommen, dass man sich nicht nur im Kollektiv sieht und (wie in einigen Staaten immer noch gängig) ausschließlich der Gemeinschaft dient, sondern sein eigenes Glück verfolgt und damit ein möglicherweise besseres Leben hat. Der Begriff scheint eher positiv konnotiert (ausgenommen  von denen, die diese neuen nationalstaatlichen Ansätze propagieren, eine Mauer um alles bauen wollen und das wahre Glück in einem „wir sind wir“ Gefühl finden). So individuell man auch sein mag, braucht es doch hin und wieder Hilfe von diversen Unternehmen, um sich seines Alleinstellungsmerkmals komplett sicher sein zu können.
So kann sich der freie Geist beim Konsum eines koffeinhaltigen Erfrischungsgetränks des Weltmarktführers immerhin zwischen drei Produkten entscheiden. Während Coke als Klassiker fungiert, ist das „light“ wohl eher für die Damenwelt erdacht und das „zero“ für den bewussten männlichen Konsumenten. Warum die Cherry und Vanilla Variante wieder aus den heimischen Supermarktregalen verschwunden ist, bleibt fraglich. Vielleicht waren sie doch zu individuell im Geschmack. Wenn man im Koffeinbereich bleiben möchte, bietet der Clooney Kaffee noch viel mehr persönliche Note. Ganze 23 Sorten Aluminiumkaffee sind derzeit im Angebot.
Auch im Fast Food Bereich gibt es schon seit langem Unternehmen die wissen, dass jeder ihrer Kunden ganz eigene Präferenzen hat. Vorreiter ist sicher der U-Bahn-Sandwich-Hersteller und die smarten Köpfe, deren Produkte mit der Geschmacksnote King versehen sind. Nun ist es endlich auch McD gelungen, auf den Zug Richtung speziellerer Auswahl aufzuspringen. War die Werbekampagne vor einigen Jahren noch mit dem kollektivistischen Ausruf „I’m loving it“ versehen, konnte zwischenzeitlich zumindest der Mitarbeiter seinen Traum von der individuellen Selbstverwirklichung erleben. Der herbeigezauberte McMoment war kein sinnentleertes Positive Campaigning, sondern gelebtes Human Resource Management und diente der Mitarbeiteraquise und -bindung. Ganz persönliche Freude wurde am Arbeitsplatz erlebbar gemacht, ob beim Versuch die schreienden Kinder der Geburtstagsfeier mit Spielzeug zu beruhigen, die Spätschicht ganz alleine zu stemmen oder sich als Handwerker zu versuchen, weil die McFlurry Maschine mal wieder nicht funktionierte.
Seit kurzem kommt endlich auch der Kunde in den Genuss der Individualität. „Mein Burger mein Geschmack“ lässt einen „nach Bauchgefühl verfeinern“ und gibt einem die Möglichkeit, seiner Kreativität und seinem Gespür für individuelle Konzernprodukte freien Lauf zu lassen. Man nehme einen der angebotenen Burger (mit Gluten und ohne) und addiere eine, mehrere oder alle der 29 zusätzlichen Zutaten. Sollte man dann nur auf geschmackliche und nicht auch noch auf quantitative Steigerungen (etwa drei Scheiben Emmentaler) setzen, gibt es bereits ausreichend Vielfalt. Ein befreundeter Mathematikexperte half mir beim Rechnen. In der oben angeführten Variante sind es 12.300.000.000 (in Worten zwölfkommadreimilliarden) Möglichkeiten, wie man das Zeug zwischen den Buns mischen kann. Bei so viel Auswahl, kippt mein Individualismus in vollkommene Ratlosigkeit. Da kann es lohnen, den Ausweg in einer Extrawurstsemmel zu suchen, ganz individuell mit Gurke oder ohne.


Boris Sebastian Schön hat noch kein Buch geschrieben, welches hier beworben werden könnte. Aber er geht mit offenen Augen und Ohren durch die Welt und ist immerhin Mitgründer des ALPENFEUILLETON. Die “Lohnt sich das”-Kolumnen sind seine ersten AFEU-Veröffentlichungen.

Illustration (c) Felix Kozubek und Tobias Bayer.

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