Wenn ernst das neue lustig wäre

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Wenn ernst das neue lustig wäre, dann würde die Welt ganz anders aussehen. Und zwar besser. Viel besser. Es ist nämlich die Schuld des Humors, dass alles bergab geht. Diese kollektive Sucht nach der Pointe im Heuhaufen, nach dem Witz am Ende des Tunnels, lässt uns allmählich abstumpfen. Es verhält sich dabei wie mit den verstörenden Bildern in den Nachrichten. Je mehr Blut, je mehr Leichen, desto weniger empfinden wir. Wollen wir wirklich betroffen sein, muss das Leid schon richtig grauslig oder extrem nahe sein. So ein paar zerbombte Häuser und um ihre Kinder weinende Mütter reichen nicht mehr aus, um eilig die Spendenhotline zu kontaktieren. Ähnlich läuft das mit dem Humor. Nur schlimmer.
Der Humor kommt noch vor Alkohol, Zigaretten und dem langen Sitzen, wenn es um die Volkskrankheit Nummer eins geht. Massenweise verzehren wir uns nach ihm. Wer seine tägliche Dosis Humor nicht intus hat, geht frustriert ins Bett. Frustrierte schlafen länger, das kann die Wirtschaft nicht gebrauchen, deshalb ist das TV-Hauptabendprogramm auch vollgestopft mit „humorvollen“ Sendungen. Schwiegertochter gesucht. Ein Kracher. Bauer sucht Frau. Ein Hammer. Der Bachelor. Zum Schieflachen. Bergdoktor. Da kommen einem die Freudentränen, generationenübergreifend. Nuhr der Dieter, der arbeitet permanent dagegen. Entgegen aller Humorsucht, schmeißt der mit ernsten Fakten um sich. Seine Einschaltquoten, ok, aber es könnte immer besser laufen. Wobei was erwartet der sich? Er läuft ja Nuhr im Ersten. Das schauen nur alte Menschen und die haben sowieso nichts mehr zu lachen.
Doch abgesehen von dem Trauerwicht im dunkelblauen Rollkragenpulli existieren im heutigen Fernsehprogramm nur noch zwei Genres: Krimi und Humor. Wir Österreicher sind dabei die absoluten Meister. Wir vermischen beides. Raus kommen dabei zwei neue Hybrid-Gattungen der Fernsehunterhaltung. Krimis, die mit einer solchen Absurdität auffahren, dass man sie nicht schockierend, sondern lustig findet. Und Humor-Sendungen, die mit solch anstrengenden Protagonisten auffahren, dass man diese am liebsten … ne wahr, eure Majestät? Witzigerweise spielen im rot-weiß-roten Fernsehen die gleichen Schauspieler in beiden Genres. Auch so eine humorvolle Tatsache.
Dieser omnipräsente Humor hat dazu geführt, dass wir abgestumpft sind. Was früher lustig war, ist heute nicht mehr lustig. Die Dosis muss stetig steigen. So ein leichter Marihuana-Rausch holt keinen Junkie mehr hinter der Parkbank hervor. All das hat dazu geführt, dass wir den Humor von den Bühnen und aus dem Fernseher in die Realität geholt haben. Der ultimative, letzte, goldene Schuss sozusagen. Oder wie sonst, soll man sich bitte sämtliche sobotkasche Bemmerlgschichten, Demoverbotsforderungen oder diese trumpsche Präsidentschaft erklären? Karikaturen ihrer selbst regieren unsere Welt. Wären wir alle nur mal weniger lustig gewesen. Dann hätten wir jetzt mehr zu lachen!

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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