Schwanger und der E-Scooter

Beschissene Welt. Eine neue Ultrakurzgeschichte.

2 Minuten Lesedauer
Start

Simon ist gestern 16 Jahre alt geworden. Gefeiert hat er mit seinen beiden besten Freunden. Erst Escape Room. Danach ins Kino. James Bond.

Papa hat ihm am Nachmittag sein erstes Bier serviert. Denkt zumindest Papa. Geschmeckt hat es dennoch. Was für ein Vater-Sohn-Moment.

Heute fährt Simon zu einer guten Freundin aus der Schule. Mathelernen steht am Programm. Alisa hat Mathe einfach drauf. Simon weniger. In fünf Tagen ist Schularbeit. Höchste Zeit für das Powerlernprogramm. Und niemand erklärt besser als Alisa.

Als Paul klingelt, öffnet Alisas jüngerer Bruder die Türe. Ohne Simon wirklich zu begrüßen, dreht er sich um und murmelt: „In ihrem Zimmer.“

Simon geht den Gang entlang. Die Zimmertüre ist angelehnt. Simon hört ein Wimmern. Alisa liegt am Bett, das Gesicht im Kissen vergraben und heult. Sie muss das schon länger tun. Ihre Augen sind gerötet. Die Nasenflügel auch. Kaum noch Tränenflüssigkeit.

„Was ist los?“, fragt Simon und setzt sich neben Alisa auf die Bettkante.

„Ich bin schwanger. Und er behauptet es sei nicht von ihm.“

Zwei Monate war Alisa mit Thomas zusammen. Rekord. Jetzt will er nichts mehr von ihr wissen und hat gedroht die Nachrichten, die sie sich geschrieben haben, öffentlich zu machen, wenn sie jemandem erzählt, er habe sie geschwängert.

Aus Mathelernen wird heute nichts mehr. Nach drei Stunden fährt Simon wieder nach Hause. Auf seinem E-Scooter. Er kann nicht glauben, dass Thomas Alisa einfach im Stich lässt. Sie ist die Klassenbeste. Will auf die Uni und irgendwann fürs CERN arbeiten. Was für ein Arschloch, denkt Simon und steigt vom Scooter.

Direkt in der Hauseinfahrt steht ein anderer E-Roller quer über den Weg. Dahinter sitzt Frau Müller in ihrem Rollstuhl und ruft: „Endlich kommt jemand. Dieses Ding steht mir im Weg. Ich komm nicht raus. Bella muss doch Gassi.“

Simon tritt den Scooter ins Gebüsch und antwortet: „Wissen Sie, Frau Müller. Die Welt ist so beschissen, weil Menschen auf ihr wohnen.“

„Was hast du gesagt, Simon?“

Bella geht Gassi.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Vorheriger Text

20 Jahre Jubiläum

Nächster Text

Schläfst du noch oder lernst du schon?

Aktuelles aus Kategorie