(c) Helmuth Schönauer

Stadtschamanen

4 Minuten Lesedauer

Ein Schamane zu sein, ist ein geiler Beruf, weil man bei jeder Aktion, die man setzt, einen Schluck Wodka in alle vier Windrichtungen prusten muss, um die Geister zu benebeln und ruhig zu halten. 

Alles andere, was wir über Schamanen wissen, sind individuelle Kannbestimmungen. Es kann zu Heilungen kommen, es kann die Natur beruhigt werden, ehe der Bagger seine Schaufel auf die Krume setzt, es kann eine Ahnfrau zum sprechen gebracht werden, es kann der Wolf mit dem Heulen aufhören, wenn ihm genug Kräuterwasser über den Zaun hinweg in sein Antlitz geschüttet wird. 

Ein guter Schamane gleicht einem Dichter, der sich aus dem vorhandenen Riten-Schatz etwas Persönliches zusammenbastelt, das er für sich und seine Kundschaft zu einem Geschäftsmodell ausbauen kann. 

Für die Verehrer des Schamanismus gilt meist die Faustregel: Je weiter weg, umso besser. Für Kenner fungiert daher Kysyl, die Hauptstadt von Tuwa, als das Zentrum des Schamanismus. Wohl auch deshalb, weil diese Stadt in der Halbwüste ähnlich ausschaut wie Innsbruck, gleich groß ist, und den gleichen studentischen Anteil an der Bevölkerung hat. Wo man hier Menschen mit Bord, Bike oder Schi herumlaufen sieht, läuft man in Kysyl mit Trommeln und Wodkaflaschen herum. 

Was liegt also näher, als den Schamanismus in Innsbruck anzuwenden, und sei es auch nur als kleiner alpiner Sonderzweig der großen Umarmung mit den Naturgeistern? 

Die wichtigsten Rituale sind bald einmal aufgezählt:
– an der Ampel stehenbleiben, um Zeit zu opfern
– mit dem Scooter gegen den Wind surfen, um den Windgott ruhig zustellen
– einen großen Wagen abstellen, um den Asphaltgott gnädig zu stimmen
– eine Ladestele aufsuchen, um dem grünen Energiegott seine Überspannung zu nehmen
– aus der kleinen Smart-Trommel die GPS-Daten entnehmen und die Route für die nächsten zehn Minuten festlegen
– den Puls des Körpergottes mit der Smartwatch abhorchen
– den nächsten Befehl aus einer Konsum-App ablesen 

Unser Leben ist Schamanismus pur, und dieser fühlt sich umso wohler, je digitaler er sich abgreifen (abscrollen) lässt.
Manchmal ist der Schamanismus so stark, dass man vergisst, dass man ein Stadtschamane ist. 

Neulich kam der „R“ wieder einmal an der Engstelle in der Sillgasse zum Stehen. Hinter den Masken versanken die Passagiere sofort in Trance, weil sie gelernt hatten, dass Warten ein Opfer an die Götter ist.
Und diese zeigten sich sofort erkenntlich, indem sie über kontemplative Gebäude ins Innere des Busses hineinströmten.
Auf der einen Seite verführte plötzlich die Synagoge mit ihrer Ausstrahlung die Passagiere zum Nachdenken, auf der anderen Seite leuchtete die neue Bibliothek des Sillgassen-Gymnasiums mit voller Kraft in die Gedankenhäuser der Fahrgäste hinein.
Innsbruck war für ein paar Augenblicke an dieser Engstelle zu einem kontemplativen Hotspot geworden. 

Wenn das Göttliche zu uns spricht, dauert es ein paar Augenblicke, bis das gewöhnliche Leben wieder Zugriff auf uns Stadtschamanen hat. Spätestens, als der Bus nach zwei Kurven die Haltestelle Bundespolizeidirektion ansteuerte, war alles wieder wie immer.

STICHPUNKT 21|76, geschrieben am 19.10. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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