Bei einer CD-Aufnahmen des „musikmuseum“: Darum hat sich dieser Nachmittag gelohnt

9 Minuten Lesedauer

Es ist der 05.04., Montag. Ein wenig werde ich für mein Nachmittagsprogramm belächelt. Auch in der Redaktion des Afeu ist man unschlüssig, was ich dort will. Ich selbst weiß es auch noch nicht und doch treibt mich meine Leidenschaft zur „Alten Musik“ und zur „Barockmusik“ dorthin. Franz Gratl, der Mann hinter dem „Label“ „musikmuseum“, hat mich zur einer CD-Aufnahme in die Kapelle des Priesterseminars eingeladen. Klingt für euch jetzt nicht so interessant? War es aber. Und diese CD-Aufnahme hat mir auch wieder gezeigt, warum ich Barockmusik so liebe. Aber erst einmal langsam. Und alles der Reihe nach. Denn es sogar noch mehr passiert.
Ich schlenderte gemütlich von meinem Büro hinüber zur Kapelle des Priesterseminars. Meine SMS mit dem Wortlaut „Bin da“ beantwortet Franz Gratl ebenso lapidar und kurz gefasst mit „Komme dich holen“. Wenig später stand ich in der Kapelle des Priesterseminars und durfte den Raum betreten, weil gerade nicht gespielt wurde und ich somit nicht mitten in den Aufnahmeprozess geplatzt wäre.

Mein zweiter Blick in der Kapelle fiel auf diese wunderschönen Fenster.
Mein zweiter Blick in der Kapelle fiel auf diese wunderschönen Fenster.

Ich wagte einen Rundumblick und war von der Schlichtheit und der doch immensen Schönheit der Kapelle beeindruckt. Wenig später dann die ersten Klänge von Peter Waldner am Orgelpositiv. Sekunden später hoben Barockviolinen zum Spiel an, zwei weibliche Sopranstimmen erklangen, wenig später kam eine männliche Bassstimme dazu. Die Musik nahm mich sofort gefangen. Ich verspürte das Bedürfnis, mich auf einer der Kirchenbänke einfach hinzusetzen und stundenlang zuzuhören.
Doch es ging an diesem Tag nicht um die Rezeption, um das Genießen eines fertigen Werkes in einer mehr oder weniger perfekten Aufführungen. Es ging um ein Zerteilen der Stücke in verschiedene Takte, die immer und immer wieder gespielt wurden. Die Stücke zeigten sich mir nicht als Gesamtheit, sondern in die einzelnen Teile aufgegliedert, zerfahren.
Die Arbeit galt der relativen Perfektion der Aufnahmen, der Wiederholung, der Perfektionierung des Zusammenspiels. Vor allem Peter Waldner machte immer wieder Vorschläge, wie das passende Tempo aussehen könnte und ließ Takte noch einmal spielen, wenn der Schlussakkord der Instrumente nicht wie aus einem Guss geklungen hatte.
Ich kam dem Entstehungsprozess aber noch näher. Franz Gratl riss mich aus meiner demütigen Rezeptionshaltung, welche die Komplettierung der Stücke im Sinn hatte. Ich hatte es mir hartnäckig zum Ziel gesetzt, aus den mir vorgesetzten Fragmenten und einzelnen Takten ein ganzes Stück zu konstruieren. Im Bewusstsein, dass ich keines der Stücke komplett hören würde, wurde mir diese Kombinationsarbeit immer wichtiger.
Meine Liebe zum Fragment ließ es auch zu, einzelne Takte als abgeschlossen zu hören und mir fortan vorzustellen, wie es weitergehen könnte. Ich machte mir meinen eigenen Reim darauf, imaginierte weitere Takte und blendete das tatsächliche Spiel manchmal auch einfach aus.
Mein Wunsch bei der Aufnahme: Einfach nur zuhören und tagträumen...
Mein Wunsch bei der Aufnahme: Einfach nur zuhören und tagträumen…

Emotionale Rezeption vs. musikwissenschaftlicher Exaktheit?
Vielleicht sind das Tagträumereien, die mit der Realität des harten Aufnahmeprozesses einer CD überhaupt nichts zu tun haben? Ich bin mir sogar sicher, dass es so ist. Aufgrund solcher Erlebnisse wird mir aber auch meine eigene Rezeptionsweise dieser Musik bewusst, die sich an einem solchen Tag grundlegend von der Rezeptionsweise von Franz Gratl unterschied, der die Aufnahme auf gänzlich andere Weise verfolgte.
Er führte mich weiter nach hinten, in den Raum, in dem der Tontechniker saß. Ich setzte mir die Kopfhörer auf und hörte den Klang jetzt so, wie er später in etwa auf der tatsächlichen Aufnahme klingen würde.
Neben mir lagen Notenblätter. Franz Gratl folgte den Noten ganz genau. Ab und zu nickte er, wenn eine Passage richtig gut gelungen war. Er nahm die Haltung eines professionellen Hörers ein. Ich hingegen schaute mir die Notenblätter erst gar nicht an, wollte die „Grammatik“ der Stücke gar nicht genau erkennen. Ich suchte immer nach den Momenten und Augenblicken, die mich ganz unvermittelt ansprachen und berührten.
Franz Gratl und die Noten: Der strenge, exakte Blick auf das Werk.
Franz Gratl und die Noten: Der strenge, exakte Blick auf das Werk.

Franz Gratl hat mir einmal sinngemäß gesagt, dass es ihm nicht darum gehe, apodiktische Aussagen über Musik zu treffen. Auch er selbst möchte sich die Freude am emotionalen Hören bewahren. An diesem Tag ging mir auf, wie diese beiden Ebenen zusammen funktionieren könnten. Eines ist jedenfalls schon einmal klar: Es geht ihm, genauso wie mir, darum, das Verkopfte bei der Musikrezeption wegzubekommen.
Der Punkt dabei ist aber: Diese Forderung ist kein Widerspruch zur absoluten Exaktheit in der Rezeption und Produktion von Musik. Ganz im Gegenteil: Diese Exaktheit bedingt das Hervorkommen der Rhetorik der Barockstücke, die an diesem und am nächsten Tag aufgenommen werden sollten. Erst wenn diese in einer überzeugenden Form vergegenwärtigt sind, können sie in ihrer vollen Schönheit und schillernden Leidenschaft genossen werden.
Wenig exakte, beiläufige und dilettantische Interpretationen dieser Stücke würden es verunmöglichen, diese Stücke wirklich genießen zu können. In dieser Hinsicht ist die Arbeit von Franz Gratl und natürlich auch die Arbeit von Peter Waldner als eine exakte Arbeit an den Werken zu verstehen, um deren Eigenschaften heraus zu streichen und deren Wesen in der Interpretation im Hier und Jetzt wieder zum Vorschein zu bringen.
Ihre Arbeit ist nicht verkopft, sie ist nicht vom eigenen Ego getrieben. Ihre Arbeit ist vielmehr von einer Demut den Stücken gegenüber geprägt. Genau diese Demut treibt sie aber zur Exaktheit, zum Hinterfragen der oftmals gängigen und tradierten Aufführungspraxis der Stücke. Es liegt ihnen daran, die Stücke wieder so aufzuführen, wie sie intendiert waren und es liegt ihnen daran, irrige Meinungen mit enormer Fachkenntnis zur Seite zu schieben, damit die Stücke wieder in ihrem Sein sicht- und hörbar werden.
Ich ging nach Hause im Bewusstsein, ein bisschen etwas verstanden zu haben. Ich hatte gelernt, dass sich Gelehrsamkeit und Wissen über Musik und Musikgeschichte und emotionales Berührt-Sein von Musik nicht ausschließen, sondern bedingen. Ich kann gar nicht zu viel über Musik wissen um berührt zu sein. Ich muss sogar viel über Musik und die Geschichte des jeweiligen Werkes wissen um beurteilen zu können, ob der emotionale Gehalt, die Struktur und die Rhetorik des jeweiligen Stückes richtig und treffend zum Vorschein gebracht worden ist.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

1 Comment

  1. Sehr schöne Geschichte. Man riecht förmlich die Atmosphäre in der Kapelle! Erst die Subjektivität von Markus macht aus einem Event ein musikalisches Ereignis, das man als Leser /in dann auch wirklich nachvollziehen kann. Ich freu mich auf die nächsten Artikel!

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