Plattenzeit #22: Portishead – Dummy

5 Minuten Lesedauer

Trip-Hop


Genres und Zuschreibungen eignen sich bestens dazu, um Innovationen und musikalisches Neuland in einen ganz bestimmten Rahmen zu zwängen. Im Falle des Debüt-Albums „Dummy“ von Portishead schien der bereits erschaffene Begriff „Trip-Hop“ bestens zu passen. Wenige Jahre zuvor war nämlich das Album „Blue Lines“ von Massive Attack erschienen und hatte diesen Trend fast schon über Nacht los getreten.
„Blue Lines“ klang stark nach Hip-Hop, Soul, vermischt mit allerlei elektronischen Spielereien. Die Beats waren gegenüber dem Genre-Bruder Hip-Hop verlangsamt, die Bassläufe tendenziell komplexer, die Melodien potentiell ausgefeilter und dunkler.
Man hätte somit durchaus gewarnt sein können. Auch wenn „Dummy“ neben „Blue Lines“ als die Blaupause des später dahin siechenden Genres in den ewigen und unumstößlichen Musik-Kanon aufgenommen wurde, verwies das Album bereits darüber hinaus. Es war alles, nur keine reine Fortsetzung von „Blue Lines“ mit anderen und erweiterten Ausdrucksmitteln. Vielmehr hatten Portishead, auch dank den Produktionskünsten und der Musikalität von Geoff Barrow und Adrian Utley, zu einem kreativen Umgang mit den noch kaum verfestigen Genre-Konventionen und erst kürzlich etablierten Spiel-Strategien gefunden.
Die Beats waren zwar schleppend und die Themen düster. An den Plattenspielern wurde, ganz in bewährter Hip-Hop-Manier, gescratcht. Im Vergleich zu „Blue Lines“ fehlte aber schon ein wesentlicher Aspekt, der die Verwandschaft mit dem Hip-Hop betonte: Die Raps. Auch wenn es schon bei Massive Attack kaum mehr um irgendwelche wie auch immer gearteten Skills ging, sondern um die atmosphärische Funktion von finsteren, gesprochen Wort-Salven, gingen Portishead noch einen Schritt weiter. Über der Musik thronten keine rap-ähnlichen Passagen oder Soul-Stimmen, sondern die Stimme von Beth Gibbons.


Beth Gibbons und der Torch Song


Mit dieser Stimme hatte ein neues Element in den sogenannten Trip-Hop Einzug gehalten. Obwohl Trip-Hop damals der heiße Scheiß schlechthin war und zu Portishead noch Jahre später von trendaffinen Menschen wohlwollend und stilsicher mit dem Kopf genickt wurde, wurden hier Musik-Aspekte etabliert, die potentiell das Zeug dazu hatten, das Genre nicht nur zu erweitern, sondern zu sprengen.
Ihre Stimme kam nicht vom Soul her. Sie scherte sich nicht darum, dass die weibliche Stimme in Hip-Hop-Kontexten zumeist nur das melodische und schmückende Beiwerk war und ist. Sie nahm die Hauptrolle ein. Kurzerhand interpretiere sie „Soul“ so um, dass sie ihre Seele unverstellt und unmittelbar nach außen kehrte. Übliche Stimm-Arabesken, Genre-Klischees? Fehlanzeige. Diese Stimme blieb unverortbar und war an unüblichen Vorbildern und Einflüssen geschult.
Da wären etwa der „Torch Song“, eine ganz besondere Form des klagenden und leicht sentimentalen Liebesliedes. Thematisch ist Beth Gibbons in der Tat recht nahe an dieser Lied-Tradition. Sie treibt ihm aber zugleich jegliche Form von Sentiment aus und ersetzt dieses mit aufrichtiger und abgründiger Verzweiflung, die man ihr abnimmt. Wer Beth Gibbons je, und sei es auch nur bei Live-Mitschnitten, rauchend und mit geschlossenen Augen klagend singen gesehen und gehört hat, nimmt ihr jedes Wort ab und hängt ihr fortan an den Lippen.


Fazit


Es gäbe viel zu analysieren an „Dummy“. Vor allem aber erstaunt, wie gut diese Lieder die Zeit überstanden haben. Eine Feststellung erscheint mir aber zentral: Diese Lieder, allem voran „Roads“, können zu akuten Gänsehaut-Momenten führen. Nein, sie müssen es. Sie tun es. Nach wie vor. Später haben Portishead mit „Third“ ihren Sound aufgeraut und den Sprung in eine Sound-Ästhetik jenseits der Trip-Hop-Ästhetik so gut wie keine „Genre-Band“ aus diesem Kontext geschafft.
„Dummy“ ist und bleibt aber das frühe Meisterwerk dieser Band. Die Songs sind durchgehend brillant, die Beats holpern und grooven, Gibbsons leidet so unverfälscht wie nur irgendwie möglich. Mit diesem Album wurde das Genre Trip-Hop auf eine neue Stufe gehoben und zugleich transzendiert. Das ist es wohl auch, was Klassiker ausmacht: Sie erweitern und verändern Genres und Spielarten dauerhaft und haben in sich bereits zahlreiche Momente, in denen sie außerhalb des mitdefinierten Genres stehen. Das macht „Dummy“ zu einem der Klassiker schlechthin.

Hier geht es zu der vorhergegangenen Folge von Plattenzeit.

Zum Reinhören



 Titelbild: Bill Ebbeson, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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