Ein Konzert, für Menschen die Humor haben und Musik mögen

8 Minuten Lesedauer

Oder. Fünf Gründe, die Tirol zum besseren Wien machen 😉


Text: Markus Stegmayr


Jetzt mal unter uns und ganz ehrlich gesagt: Wien nervt. Man kann keine Woche dort verbringen ohne dem „FOMO-Syndrom“ zu verfallen. Das entwertet auch die Kulturereignisse an sich. Wer von Event zu Event hetzen muss, der kann nicht mehr wirklich genießen. Noch dazu deshalb, weil in Wien längst nicht alles reines Kultur-Gold ist, was als solches angepriesen wird.
Aufgrund der Fülle von Veranstaltungen fällt es zunehmend schwer die Spreu vom Weizen zu trennen. Dieser neuen Unübersichtlichkeit ist es geschuldet, dass Tirol als Kulturland Nummer 1 auf dem Vormarsch und drauf und dran ist, Wien die Show zu stehlen. Besonders die hier zusammengetragenen fünf Gründe weisen darauf hin. Epizentrum dieses Kultur-Vorherrschaftskampfes scheint ausgerechnet das Zillertal zu sein.
Grund 1: Genuss ist zentral. Ruhe ist wichtig. Die jeweilige Veranstaltung muss zelebriert und ganz und gar ausgekostet werden. Nicht nur der Kulturinteressierte tut sich schwer, wenn an jeder Ecke eine Veranstaltung lauert, sondern auch der Kulturveranstalter selbst. Soll heißen: In unserer Bundeshauptstadt haben sich Routine und Schlampigkeit eingeschlichen. Oft fehlen Feinheiten und Details.
Nicht so im Zillertal. Wenn der „Wiener Abend“ mit dem Kollegium Kalksburg am 27.10. begangen wird, dann wird Fügen im Zillertal temporär zum besseren Wien. Vor allem deshalb, weil in letzter Konsequenz zu Ende gedacht wird, was einen solchen Abend ausmacht. Vor dem Konzert gibt es Wiener Suppentopf mit Rindfleisch, Tafelspitz, Altwiener Salonbeuschl und vieles mehr. Danach dann das Konzert. Das ist Wien, wie es ursprünglich gemeint war. Ein Ort der guten Musik, des Genusses, der Langsamkeit und der Ruhe. Wien funktioniert am besten, wenn man es von Wien isoliert.
Grund 2: In Tirol hat man ein Händchen für besondere Locations. Eine solche besondere Location ist das „Feuerwerk“ in Fügen. Es mag ja schön sein sich in Wien in einem seltsam riechenden Beisl seine Musik und sein aufgewärmtes Gulasch mit einem warmen Seidel Bier zu Gemüte zu führen. Wenn wir uns aber kein Blatt vor dem Mund nehmen, dann ist schnell klar, dass wir in Tirol die schöneren und passenderen Locations haben.
Statt mit dem Blick auf Häuserschluchten oder gar mit dem uncharmanten Blick auf die nächste weiße Wand Vorlieb nehmen zu müssen, kann man in Tirol den Blick gen Berge schweifen lassen. Statt sich zwischen Essen und Konzert eine Brise Feinstaub und Abgase genehmigen zu müssen, kann man zum Beispiel im „Feuerwerk“ noch einmal richtig tief durchatmen und sich eine Dosis Bergluft mit herrlichem Blick gönnen. Danach ist man ganz aufnahmebereit und in der Lage, Kultur und Musik ganz frei und unbeschwert genießen zu können.
Grund 3: Das Wiener Kollegium Kalksburg selbst passt ins Zillertal noch besser als nach Wien. Mit dem Wienerlied geht dieses Trio schließlich kreativ, originell und schlau um. Natürlich geht es in diesen Liedern, no na net, auch ums Saufen. Der akademischen Virtuosität sagt man hingegen den Kampf an. Kein Wunder, denn in der verkatert-dichterischen Stimmung ist mehr Platz für Schwäche und Weinerlichkeit als für den Leistungsgedanken. Abgeschmeckt wird abschließend mit viel Witz und einiges an doppelten Böden.
Das alles kommt Tirol und vor allem auch dem Zillertal, dem neuen Kultur-Epizentrum, sehr entgegen. Gesoffen wird hier wie in Wien, nur heimlicher und öfter. Das befördert den Alkoholismus und die damit verbundene Weinerlichkeit bestens. Das führt zu mehr doppelten Böden, als einem lieb sein kann. Das Kollegium Kalksburg wird sich heimatlicher als in ihrer Heimat fühlen. Heinz D. Ditsch, Paul Skrepek jun. und Wolfgang Vincenz Wizlsperger werden hier zweifellos ihre Zelten aufschlagen und fortan von Tirol aus agieren. Das wird Tirol den entscheidenden Vorteil verschaffen.
Grund 4: Wo gesoffen wird, da lass dich ruhig nieder, denn diese Menschen saufen immer wieder. Und wo gesoffen wird, da wird auch gerne gut und viel gegessen. Nirgendwo sonst trifft man den Gourmet und Gourmand so oft in Personalunion wie in Tirol an. Die Dichotomie zwischen Feinschmecker und Vielfraß wird in Tirol genüsslich schlemmernd und trinkend immer wieder aufgelöst.
In Tirol muss sich niemand schämen, wenn er eine zweite Portion verlangt. Dennoch verzichtet man im heiligen Land nicht auf die Qualität und auf die feinen Unterschiede. Abermals gilt hier wieder das Prinzip des Auskostens und das absoluten Genusses. Man geht nicht nach Hause, bevor man betrunken ist, bevor man satt ist oder bevor man die Musik nicht mit Haut und Haaren ganz aufgesogen hat.
Grund 5: Die Qualität der Veranstaltungen. Der gelernte Tiroler weiß, dass gute Veranstaltungen und gute Konzerte nicht vom Himmel fallen. Ganz im Gegensatz zum auf hohem Niveau suderenden Wiener, der zumindest in Sachen Quantität von Kultur regelrecht umzingelt ist. Das hat die Tiroler zur Eigeninitiative greifen lassen. Doch der Tiroler ist eigen. „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“, wird ihm oft angedichtet.
Das stimmt so nicht. Er weiß nur ganz genau, was er fressen möchte und lässt sich nicht alles vorsetzen. Wenn der Tiroler veranstaltet und etwas auf die Beine stellt, dann macht er es gründlich, ganz ohne Wiener Schludrigkeit und Beiläufigkeit. Bevor er Halbherziges konsumiert, greift er außerdem lieber zur Flasche und bleibt den Kultur-Events fern. Wenn er aber etwas findet, das Substanz hat, dann ist er ein treuer Gast – und trägt das Feuer der Kultur weiter und wird womöglich bald selbst zum Veranstalter. Gleichgültigkeit und Abgebrühtheit Wiener Zuschnitts sind ihm absolut fremd.
Fazit: Es wird eng für Wien. Sehr eng. Tirol hat die besseren Locations, geht Veranstaltungen gründlicher und konsequenter an hat dankbarere und begeisterungsfähigere Zuhörer, die wirklich wissen, wie zuhören und genießen geht. Von den landschaftlichen Vorzügen ganz zu schweigen. Vermutlich wird in absehbarer Zeit einmal gesagt werden, dass es da eine Location im Zillertal in Fügen gab, wo alles begann. Alles begann mit einer Wienerlied-Abend und der Erkenntnis, dass Tirol das bessere Wien ist…

Titelbild (c) Kollegium Kalksburg, Fotograf unbekannt
Dieser Text wurde von Feuerwerk-Binderholz ermöglicht

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Default thumbnail
Vorheriger Text

Wo die Ideen blühen 12#: Ordnung der Dinge

Default thumbnail
Nächster Text

Intermezzo mit einem Vampir

Aktuelles aus Kategorie

Ti voglio bene

Der italienisch-tunesische Rapper Ghali gehört zu den spannendsten und gleichzeitig auch wichtigsten