Brief an die Menschheit: In dieser Welt kenne ich mich nicht mehr aus

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Liebe Menschheit!

In meiner Kindheit war die Welt noch leicht erklärbar. Es gab die Guten und die Bösen. Selbst wenn die Bösen immer wieder versuchten die Macht an sich zu reißen und es manchmal fast danach aussah, als würde es ihnen gelingen, hatte Wickie noch eine Idee, die Gallier ihren Zusammenhalt, die Schlümpfe ihren Glauben an das Gute und Harry seinen Mut und seine Freunde. Heute habe ich das Gefühl, dass all das und auch noch eine große Portion Glück nötig wären, um die Welt, so wie sie derzeit aussieht, noch vor dem Bösen retten zu können.
Dank meinen Eltern weiß ich, dass Ungerechtigkeit, Gewalt und Hass etwas Schlimmes sind und Egoismus etwas, dass es zu vermeiden gilt. In der Schule habe ich erfahren, dass es Länder gibt, mit klar gezogenen Grenzen. Dort habe ich auch gelernt, dass das nicht immer so war und sich diese, meist durch Kriege, verschoben haben. Auch von dunklen Zeiten, in den denen Angst, Hass, Gewalt und soziale Unruhen unsere Welt prägten, habe ich gehört. Ich hatte Bilder im Kopf. Klare Bilder. Was ist gut? Was ist böse? Was darf man und was darf man nicht? Miteinander statt gegeneinander! Toleranz gegenüber anderen Menschen, Kulturen, Gedanken und Überzeugungen. Das war meine Welt.
Heute hat sich diese verändert. Und ich habe ihr dabei zugesehen. Habe in den Nachrichten Bilder mitbekommen. In den Zeitungen Artikel gelesen. Auf Facebook Menschen erlebt die darüber diskutieren. Doch all das habe ich nicht bewusst wahrgenommen. Meine Augen waren geöffnet, doch mein Geist war verschlossen. Ich habe alles mitbekommen, doch für meinen Kopf war das zu viel. Ich habe es nicht verstanden. Habe es abgetan. Als „weit weg“ und „mich nicht betreffend“. Es abgelegt und ignoriert.
Der Terrorismus auf dieser Welt ist fast zur Gewohnheit geworden. Dass sich irgendwo, in irgendeinem Land, in irgendeiner Stadt, auf irgendeinem Platz mit unzähligen Menschen, jemand in die Luft sprengt, ist fast so alltäglich geworden, wie der darauffolgende Wetterbericht in den Nachrichten. Dass hasserfüllte Menschen, überall auf unserem Kontinent, überall in unserer Union, unentwegt ihre Hetz-Botschaften brüllen und dafür bejubelt und in politische Ämter gewählt werden, ist ebenso längst nicht mehr schockierend. Dass Menschen versklavt, Völker unterdrückt, Lebensmittel verschwendet, die Natur ausgebeutet, Ressourcen vergeudet werden, weil die Gier, das Streben nach Zufriedenheit abgelöst hat, ist kollektiv akzeptiert. Wann habe ich diese Entscheidung nur verpasst?
Wenn ich auf das Jahr 2014 zurückblicke, so verspüre ich Trauer, Angst und muss gestehen, dass ich mich in dieser Welt nicht mehr auskenne. Es war ein Jahr, geprägt von Krisen und Gewalt. Ein Jahr in dem das Ebola-Fieber in Afrika wütet. Ein Jahr, in dem Russland neue Grenzen zieht und Teile der Ukraine besetzt. Ein Jahr, in dem der Nahe Osten seine blutigsten Kapitel erlebt. Ein Jahr, in dem Terroristen, im Namen Gottes, einen Islamischen Staat errichten, Frauen versklaven, Völker verfolgen und Hass säen. Ein Jahr, in dem die Pressefreiheit mit Menschenleben bezahlen musste. Ein Jahr, in dem sich radikale Minderheiten als das Volk bezeichnen, Rechte und Grenzen auf Grund von Herkunft, Glaube und Tradition einfordern. Ein Jahr, in dem „nichts mehr weit weg“ ist und „mich nicht betrifft“. Ein Jahr, in dem wir uns hinterfragen müssen. Ich  mich und mein Handeln hinterfrage. Denn unserer Gesellschaft, unserem Demokratieverständnis, unserem Weltbild, unseren Gedanken, unserer Ordnung und unserem System wurde nicht nur ein Stich mitten ins Herz versetzt, sondern der Spiegel vorgehalten.
Die Welt hat sich verändert. Es gibt nicht mehr die Guten und die Bösen. „Wir“, und ich meine wir alle, können nicht mit mehr mit dem Finger auf „die anderen“ zeigen und ihnen die Schuld zuweisen. Es gibt keine zwei Seiten. Es gibt nur eine Welt. Eine Erde. Eine Natur. Eine Menschheit. Ja. Ich bin gänzlich überfordert. Ja. Ich kenne mich manchmal wirklich nicht mehr aus. Und nein. Ich will es auch einfach nicht verstehen, dass so viele Menschen nicht auf ihre Eltern hören und in der Schule nicht aufgepasst haben. Ich kann es einfach nicht verstehen, wie wir alle zusehen, wie die Welt sich verändert, aus den Fugen gerät und Dinge geschehen, die vor 85 Jahren bereits geschahen und wir nichts dagegen tun. Ich kann und will es nicht verstehen, dass wir einmal mehr mit Hass und Ausgrenzung, auf Hass und Ausgrenzung antworten. Patriotische Europäer die gegen etwas sind, dürfen nicht lauter sein, als die Stimme(n) der Vernunft, der Toleranz, der Nächstenliebe und des Friedens.
Doch auch wenn ich mich in dieser Welt nicht mehr auskenne und manches nicht verstehe, so bin ich mir sicher, dass ich bei all dem nicht nur zusehen kann und hoffe, dass aus meiner Kindheit doch noch etwas übrig geblieben ist. Nämlich. Gute Ideen, Zusammenhalt, Mut und der Glaube an das Gute. Denn das sind die einzigen Antworten die wir in Zeiten wie diesen geben dürfen!
Bitte schau(t) nicht nur zu und schon gar nicht weg.
Im besten Sinne.
Felix.

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Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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