Von Ewiggestrigen und Gutmenschen

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Österreich: Ein Land, indem sich Tag ein Tag fast niemand dafür interessiert, was politisch passiert. Nicht ganz: Mehrmals im Jahr wird der träge Herr Österreicher aus seinem Fernsehstuhl gerissen und gemeinsam mit Frau Österreicherin echauffiert man sich über…

Na über wen denn nun? Diese linken Gutmenschen, die durch Wien ziehen und alles verwüsten, nur um ein paar Männer vom Tanzen abzuhalten? Oder diese Ewiggestrigen, die in, unser aller, Räumlichkeiten zum Tanz bitten, um Ihre Ideologien zu verbreiten? Das Lustige daran: Wir schimpfen über beide Gruppen. Der jährliche Akademikerball in Wien ist nur das bekannteste Beispiel für dieses Phänomen. Und das Beispiel zeigt wunderbar, wie leicht Herr und Frau Österreicher tatsächlich zu beeinflussen sind.

In unzähligen Facebook–Diskussionen konnte ich auch in diesem Jahr wieder beobachten, wie einfach es ist, Menschen eine Meinung einzutrichtern. Da schreiben die einen über die „bösen linken Gutmenschen“ oder den „linken Pöbel“, während die anderen „das Nazipack“ und „die Ewiggestrigen“ verteufeln. Das tun Menschen aus meinem persönlichen Umfeld, die ich kenne, zum Großteil auch schätze und von denen ich eines mit großer Wahrscheinlichkeit sagen kann: Sie wissen in keinster Weise, was sie da von sich geben. Sie wissen es deshalb nicht, weil sie es gar nicht wissen können.

Nirgendwo wird einfach und verständlich thematisiert, was wirklich hinter all dem steckt. Das einzige, was uns interessiert ist, Schuldige zu finden. Und dabei helfen uns politische Extreme immer wieder auf´s Neue. Nein, sie nehmen uns die Arbeit sogar komplett ab. Das geht soweit, dass wir sogar ihre Terminologien übernehmen, ohne zu überlegen. Wer sagt denn, dass in der Hofburg alles Ewiggestrige tanzen, nein ich gehe noch weiter: Was sind Ewiggestrige? Und warum sollen sie Ewiggestrige sein? Und wer bitte hat das Wort „Gutmenschen“ zu einem negativen Begriff gemacht? Welche Bedeutung steckt dahinter?

Fragen, auf die die Meisten wohl keine Antworten finden. Woher denn auch? Antworten sind nicht gewollt. Das Kalkül dahinter ist einfach und effektiv. Durch terminologische Vereinfachung entsteht ein Feind. Und wenn wir eines von politischen Extremen gelernt haben – es gibt nicht´s besseres als einen Feind. Im Optimalfall sogar mehrere. Was dahinter steckt, wie sich diese Situation entwickelt hat und wer welches Ziel verfolgt bleibt im Hintergrund und zwar ganz bewusst. Der Kampf Rechts gegen Links wird von beiden Seiten zu einem Kampf zwischen Gut und Böse hochstilisiert. Zu hoffen bleibt, dass es nicht der Kampf auf Leben und Tod wird.

Von dieser Stilisierung profitiert in den letzten Jahren immer mehr die rechte Seite des Landes, da sie das Spiel mit dem Feind noch einen Schritt weitergeht: Unter eifriger Mithilfe der Gegenseite schafft sie es, sich als Opfer hinzustellen. Diese Entwicklung gefällt mir nicht, stimmt mich aber nicht besonders ängstlich, denn der Tag wird kommen, an dem wieder die andere Seite zum Opfer wird!

Nur eines macht mir wirklich Angst: Die zunehmende Radikalisierung, egal in welche Richtung! Terminologien zu übernehmen mag als kleiner Schritt wirken. Wenn man jedoch die Wichtigkeit der Sprache berücksichtigt, zeigt das deutlich, dass wir uns mitten drin befinden, als Menschen auseinandergerissen zu werden. Alle Diktaturen unseres Planeten haben und arbeiten noch mit dem stärksten Waffe überhaupt: Mit WORTEN! Ich will mich nicht Tag für Tag entscheiden, ob ich nun zu Gut oder Böse gehöre oder ob ich einfach nur die Seite und damit meine Kategorie ändere. Das wahre Problem sind nicht die anderen, sondern wir, die wir immer mehr aufhören zu reflektieren und nachzufragen!

Wir freuen uns immer über Anregungen und Meinungen unserer LeserInnen. Wie uns diese erreichen? Schreibt uns doch einfach ein Mail an redaktion@alpenfeuilleton.at oder info@alpenfeuilleton.at.

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