„Aufg´horcht“ in Innsbruck: Eine Überdosis Heimat

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Volksmusik eroberte die Stadt. An jeder Ecke der Innsbrucker Innenstadt gab es die sogenannte „echte Volksmusik“ zu hören. Alphörner, Harfe, Zither und Gitarre waren dabei die vorherrschenden Instrumente. Selbstverständlich wurde auch viel gesungen und gejodelt.
Unweigerlich fühlte man sich an die Idee des letztjährigen Volksmusik-Flashmobs erinnert. Da ging man, mir nichts dir nichts, gemütlich einkaufen und frönte dem gepflegten Kaufrausch, als plötzlich Trachtenträger in einer Anzahl auftauchten, dass einem Angst und bange werden konnte.

Hatte man sich bis dahin in Sicherheit gewähnt, war zum Glück umgeben von internationalen Ketten und Konzernen, brachen plötzlich Heimat und Tradition in diesen schönen, weltoffenen Konsumtempel herein. Eigentlich eine Unverschämtheit.
Man darf sich wundern, warum diese Trachtenträger mit ihrer Volksmusik damals nicht einfach zum Teufel gejagt wurden. Der konsumaffine Mensch hat schließlich lange genug daran gearbeitet, dass wir endlich all die großen Marken auch in Innsbruck kaufen können. Er hat lange genug daran gearbeitet, dass Innsbruck eine Weltstadt wird. Wer braucht da noch das provinzielle Denken der Volksmusik und der Volkskultur?

Auch in diesem Jahr konnte es die Volksmusik nicht lassen, uns beim gepflegten Einkauf zu stören! (Bild: Tiroler Volksmusikverein)
Auch in diesem Jahr konnte es die Volksmusik nicht lassen, uns beim gepflegten Einkauf zu stören! (Bild: Tiroler Volksmusikverein)

Lange haben wir als aufgeklärte Menschen daran gearbeitet, dass die Volksmusik in die künstlerische Irrelevanz gedrängt wird. Auch geographisch ist es uns gelungen, sie vom urbanen Raum weg zu bekommen.
Jetzt wird halt noch in den Dörfern musiziert. Dort werden auch abstruse Volkslieder weiter gegeben, damit die Jugend etwas zum Singen und zum Musizieren hat. Das ist immer noch besser, als wenn sie zu saufen anfangen. Oder gar Drogen nehmen. Heimat- und Traditionspflege kann ja letzten Endes keine so schlimme Sache sein.

Der Abend im „Bierstindl“: Heimat und Tradition galore!

Und ja, zweifellos: Es war beim Abend im Bierstindl natürlich ganz zauberhaft zu sehen, wie die Jugendlichen endlich eine sinnvolle Aufgabe gefunden hatten. Wie schön sie sich in die heimatlichen Musiktraditionen einreihten und mit welcher Freude sie sich der Interpretation mit ihren ganz eigenen Mitteln und Ideen widmeten! Da konnnte einem doch glatt das Herz aufgehen.

Das "Bierstindl" wurde von Volksmusik regelrecht geflutet! (Bild: Tiroler Volksmusikverein)
Das „Bierstindl“ wurde von Volksmusik regelrecht geflutet! (Bild: Tiroler Volksmusikverein)

Und wer beim Zuhören bei der einen oder anderen Familien-Musik nicht zutiefst berührt war, der hat sowieso kein Herz. Eltern und Kinder friedlich vereint, mit den gleichen musikalischen Wünschen, Zielen und Vorstellungen. Keine Frage, dass die Welt am Land noch in Ordnung sein muss. Respektlosigkeit, Rebellion, Aufmüpfigkeit oder ähnliches soll es anderswo geben. Vermutlich in der Stadt, die man jetzt mit großem Aufwand wieder „zurückerobern“ möchte.
Kein Wunder, dass dann, nach einem Tag mit Volksmusik in der Innenstadt von Innsbruck, am Abend nicht gekleckert, sondern geklotzt wurde. Sage und schreibe mehr als drei Stunden wurde man ohne Pause mit „echter Volksmusik“ beschallt. Musiker folgte auf Musiker, Gitarre auf Zither, Gesang auf Jodeln. In dieser endlosen Abfolge kam das dem Zustand der Hölle sehr nahe.
Wer da keine akute Heimatvergiftung bekam, der hatte den Traum einer weltoffenen, urbanen und intellektuellen Gesellschaft schon längst aufgegeben und sehnte sich in Wahrheit nach einem idyllischen Urzustand, bei dem Jodeln und Gstanzl-Singen zum Repertoire von jedermann und jederfrau gehört.
Wollten wir wirklich eine solche Gesellschaft haben? Natürlich nicht! Im Verlauf des Abends wurden nur allzu deutlich, wie es sich mit der Tradierung des volksmusikalischen Materials tatsächlich verhielt. Da mochte die jungen Leute so viel Freude mitbringen, wie sie nur mochten.
Nicht einmal vor Alphörnern war man in der Innenstadt in Innsbruck sicher. Die Hölle! (Bild: Werner Kräutler)
Nicht einmal vor Alphörnern war man in der Innenstadt in Innsbruck sicher. Die Hölle! (Bild: Werner Kräutler)

Die Individualität der Musikerinnen und Musiker wurde dennoch nicht in den Mittelpunkt gerückt. Die wichtigen, nicht hinterfragbaren Werte des individuellen künstlerischen Ausdrucks waren an diesem Abend, wenn man die Sache nüchtern betrachtete, eher im Hintergrund. Wichtiger waren die kleinen Nuancen, die Feinheiten, die kleinen Unterschiede, die sich vor allem aus den Musiktraditionen der Regionen ableiten ließen.
Und das ja überhaupt: Ich habe an diesem Abend von Dörfern und Regionen gehört, die mir zum Teil überhaupt nichts sagten. Ich würde denken: Zu Recht! Musik wird im urbanen Raum erschaffen, weiterentwickelt und voran gebracht. Die Heimatpflege in den Dörfern hatte wohl eher eine soziale Dimension. Musik bringt ja bekanntlich die Leute zusammen. Nur: Muss man sich diese Heimatpflege wirklich freiwillig anhören?
Die Jugend musiziert, die Zweite (Bild: Tiroler Volksmusikverein)
Die Jugend musiziert, die Zweite (Bild: Tiroler Volksmusikverein)

Der Tag und der Abend brachten vor allem eine Erkenntnis: Wir sind schon auf dem richtigen Weg hier in der Stadt. Wir Städter haben uns unsere eigene Kultur selbst und mühsam aufgebaut. Völlig zu Recht haben wir der Tradition und der Heimatpflege den Kampf angesagt. Wo stünden wir denn sonst heute?
Wir hätten immer noch den Tante-Emma-Laden nebenan und müssten in eine Vielzahl von Geschäften laufen um unsere Kauflust zu befriedigen. Jetzt haben wir glücklicherweise Einkaufszentren. Wir würden uns außerdem immer noch Lieder anhören müssen, die von Ochsen, Weiden und Dampfnudeln erzählen. Es wäre unmöglich, dass wir uns überall von der gepflegten, internationalen Charts-Mucke vollballern lassen könnten.
Zum Glück sind wir schon weiter, als die am Land es sind. Während da noch krampfhaft versucht wird, längst überholte Traditionen und Lieder künstlich am Leben zu erhalten, haben wir uns der Welt gegenüber geöffnet. Dass jetzt weltweit, zumindest im westlichen Kontext, im Mainstream überall die gleiche Musik gehört wird, stört uns nicht.
Im Gegenteil: Es ist ein Ausdruck unserer kosmopolitischen Haltung! Innsbruck, Paris, New York, London. Eigentlich könnten wir überall leben. Wir arbeiten auch konsequent daran, dass Innsbruck und Tirol noch urbaner und noch internationaler werden. Für die regionalen Besonderheiten und für diese abstruse Volksmusik oder Volkskultur wird da, Gott sei es gedankt, kein Platz mehr sein.
So hat der Samstag mit „Aufg´horcht“ vor allem gezeigt, dass diese Volksmusik hoffnungslos rückständig und altmodisch ist und mit den Erfordernissen unserer globalisierten Zeit nicht mehr mithalten kann. Den Erhalt dieser Musik sollte man aufgeben und endlich die Zeichen der Zeit erkennen!

Titelbild: Tiroler Volksmusikverein

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

4 Comments

  1. Es feiert der Kritiker seine textuelle Großmeisterlichkeit. Sarkasmus satt, die eigene wohlmöglich wohlwollende Haltung zum Thema möglichst verschleiernd. In Nebensätzen wird dann tatsächlich differenziert Kritik geübt, ein ausgewogenes Bild zeichnet der Autor zu Gunsten seiner Verwirrtaktik aber nicht.

  2. Kann dem Vorposter nur zustimmen- netter Text, schön geschrieben… aber sich nur ja nicht einordnen lassen.
    Leider übersieht der Herr Stegmayr, dass heutigentags kaum noch wer Sarkasmus spricht- schon gar nicht mit ironischem Akzent…. und lesen- tja lesen wird das kaum wer im richtigen Kontext.
    Schad um die Arbeit.

  3. Hallo, lieber Autor!
    „Respektlosigkeit, Rebellion, Aufmüpfigkeit oder ähnliches soll es anderswo geben. Vermutlich in der Stadt“ Ich bin mir sicher, lieber Autor, dass Deine Lieblingsgitarristen mehr mit Geldzählen als mit Rebellion beschäftigt sind.
    * * * * * *
    Mal im Ernst: Was will uns der Autor damit sagen?
    Der Text trieft so vor Sarkasmus, dass mir nicht klar wird, welche Position der Autor tatsächlich hat. Ist er wirklich ein solcher Feind der Volksmusik, oder nimmt er die üblichen Feindklischees gegen Volksmusik aufs Korn? Das wird mir auch beim x-ten Lesen nicht klar.
    Um mich mal selber klar auszudrücken: Deswegen -wegen dieser inhaltlichen Undeutlichkeit- halte ich das für einen schlechten Text.

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